Viktor Matejka war ein bedeutender Vertreter der Volksbildungsidee der Zwischenkriegszeit. Eine fünfteilige Artikelserie widmet sich verschiedenen Aspekten seines Lebens und der zentralen Rolle von Büchern darin. Die Demokratisierung des Buches war ein Slogan, den Viktor Matejka im Dezember 1948 in der Zeitschrift Österreichisches Tagebuch verwendete. Anlässlich der Österreichischen Buchwoche erschien eine Sondernummer, der Matejka den Artikel »Neue Wege vom Buch zum Volk sind notwendig« beisteuerte. Darin polemisierte er gegen den veranstaltenden Buchhändler- und Verlegerverband, weil dieser der Volksbildung die alleinige Verantwortung für das Kulturleben zugeschoben und erklärt habe, dass ohne Voraussetzungen im Bildungsniveau des Volkes erstrangige Werke nicht erscheinen könnten. Matejka war um eine Antwort nicht verlegen und schrieb: Verdammt noch einmal, wie schafft man denn die entsprechenden Voraussetzungen im Bildungsniveau eines Volkes? Etwa durch teure Bücherpreise, durch zünftlerische Monopolisierung der Buchhändler, durch die Pflege des Buches als Spekulationsobjekt und andere kapitalistische Traditionen? (1)
Starke Forderungen.
Diese Stellungnahme ist vor dem Hintergrund der Folgen der Währungsreform des Jahres 1947 zu sehen, die eine Wende in der österreichischen Buchproduktion einleitete. Konsumartikel waren wieder auf dem Markt erhältlich, die Nachfrage nach Büchern ging stark zurück, dennoch stieg das Preisniveau stark an. Viele Verlage, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit besonders zahlreich allerdings oft mit minderwertiger Produktion vertreten waren, mussten nun ihre Tätigkeit einstellen. (2) Matejka setzte in diesem Artikel noch mit etlichen Forderungen nach: Billige Buchpreise, verstärkte Informationsarbeit durch die Medien, Ablehnung von kostspieligen Buchausgaben, Ermöglichung des Direktkaufes von Bibliotheken bei Verlagen, Selbsthilfe von Buchgemeinschaften und Buchklubs, sowie Werbung für Bücher durch Gewerkschaften und Volksbildungseinrichtungen und durch Lesungen von AutorInnen in Betrieben, Parkanlagen und Bädern. (1)
Matejka & die Bücher.
Diese Aussagen sind nicht nur als die eines Volksbildners und Kulturpolitikers zu werten, es kommt darin auch die persönliche Haltung Viktor Matejkas zu Büchern zum Ausdruck, die er sein ganzes Leben lang beibehalten hat: Bücher waren für ihn Träger von Information, Bildung und Aufklärung und als solche möglichst effizient und in breitem Maße an Menschen zu vermitteln. Bücher hatten Gebrauchswert, und er versah sie auch gerne mit Notizen und Randbemerkungen: Er beurteilte den Inhalt und nicht die Aufmachung; es sei denn, sie war zu teuer dann wetterte er dagegen. Auch in späteren Jahren eines gesättigten Konsumzeitalters ist er dieser Haltung treu geblieben, wie er dem Autor in einem Brief 1987 mitteilte: Das ist schon seit Jahren ein austriakischer Unfug, schönste Bücher staatlich zu prämiieren. […] Aber der österreichische Unfug, die Angeberei, die Präpotenz hat hierzulande ihren traditionellen Platz, und der soll nicht geräumt werden. Gerade von Leuten, die in öffentlichen Büchereien arbeiten, erwarte ich mir ständige Aufrufe zu einem Wandel.
Kurz gesagt: Viktor Matejka war ein Freund der Bücher, aber kein Bibliophiler.
Frühe Prägungen.
Die leidenschaftliche volksbildnerische Haltung, die sich ebenso als Kontinuität durch das Leben Matejkas zieht, kann auch vor dem Hintergrund seiner Herkunft gesehen werden. Viktor Matejka kam 1901 in Korneuburg zur Welt. Bereits in der Kindheit wurde ihm von einem Teil der Umgebung deutlich spüren gelassen, dass der Sohn eines Gerichtsdieners und einer Hausfrau auf einem Gymnasium nichts verloren habe. Umso mehr wurde die Zeit am Gymnasium Stockerau zum Schlüsselerlebnis im Zugang zur Bildung. Die diesbezüglichen Schilderungen in »Widerstand ist alles« zählen mit zu den bemerkenswertesten Teilen seiner Autobiografie, aber auch zu den Stellen mit den dichtesten Erinnerungen. (3) Es mag verwundern und faszinieren, mit welcher Präzision Matejka ein Dreivierteljahrhundert später über die Details sämtlicher Unterrichtsfächer und die Persönlichkeiten aller LehrerInnen zu berichten weiß: Es kommt dabei neben aller Kritik ein hohes Maß an Verbundenheit zum Ausdruck und auch Dankbarkeit dafür, dass er in der Auseinandersetzung mit den ProfessorInnen früh seinen Widerstandsgeist schärfen konnte.
Die Sucht nach Zeitschriften.
Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sich Matejkas Eltern keinen Bücherkauf leisten konnten. Da er gemeinsam mit seinem Schul- und Jugendfreund Karl Krczmar später als Opfer der Nazis wegen Wehrkraftzersetzung im Jahr 1942 auf dem Militärschießplatz Kagran exekutiert Neugierde entwickelte und bereits an vielen Zeit- und Gesellschaftsfragen interessiert war, ließ er sich von älteren Freunden mit Literatur versorgen. Zeitungen und Zeitschriften, die er auswertete und in Form von Ausschnitten archivierte, waren für Matejka mindestens so notwendig wie Bücher: Nach meiner Übersiedlung von Stockerau nach Wien gab ich einen großen Teil meines Geldes für Zeitschriften aus. Wie ein Süchtiger wanderte ich durch die Buchhandlungen, und mein Studium war ein besonderer Anlaß, immer mehr wissenschaftliche Publikationen zu entdecken.(4)
Zwischenspiel Hitler.
In den ab dem Jahr 1927 von Nikolaus Hovorka herausgegebenen Berichten zur Kultur- und Zeitgeschichte fand Matejka als Redakteur ein ideales Betätigungsfeld, konnte er doch dadurch eine Zeitschrift zu einem guten Teil als Zeitschriftenschau gestalten. In dieser Reihe erschien im Jahr 1932 als Sondernummer die umfangreiche Dokumentation »Zwischenspiel Hitler« als Warnung vor dem Nationalsozialismus; davon wurde bis 1933 auch eine zweite und dritte Buchauflage veröffentlicht. (5) Es ist kein Zufall und zeugt von Mut und Widerstandskraft, dass das erste von Matejka mitgestaltete Buch sich in den Dienst des Kampfes gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus stellte, über den und dessen Auswirkungen in und auf Österreich sich Matejka nie Illusionen gemacht hatte.
Der Autor ist Bibliothekar der Büchereien Wien.
Lesen Sie weiter über Viktor Matejka und die „Demokratisierung des Buches“ – Teil II.
(1) Viktor Matejka, Neue Wege vom Buch zum Volk sind notwendig, in: Österreichisches Tagebuch, Nr. 20/Dezember 1949, 20
(2) Heinz Lunzer, Der literarische Markt 1945 bis 1955, in: Friedbert Aspetsberger/Norbert Frei/Hubert Lengauer (Hg.), Literatur der Nachkriegszeit und der fünfziger Jahre in Österreich, Wien 1984, 24 ff
(3) Viktor Matejka, Widerstand ist alles. Notizen eines Unorthodoxen, Wien 1984, 13 ff
(4) Viktor Matejka, Das Buch Nr. 3, hrsg. von Peter Huemer. Mit einem Vorwort von Johannes Mario Simmel, Wien 1993, 27
(5) Viktor Matejka, Zwischenspiel Hitler. Ziele und Wirklichkeit des Nationalsozialismus, Wien 2. erw. Aufl. 1932. (Sonderabdruck von Heft Nr.128-135 der Berichte zur Kultur- und Zeitgeschichte, hrsg. v. Nikolaus Hovorka. Verantwortlicher Schriftleiter: Viktor Matejka)