Im Jahr 2006 konzentriert sich das Freire-Zentrum auf eines seiner inhaltlichen Schwerpunktthemen: Was ist Bildung? Wie "funktioniert" Bildung? Wie erhält Bildung eine politische Ausrichtung?
Im Anschluss an die Dritte Österreichische Entwicklungstagung 2005 in Linz drängt sich auch die Frage auf: Wo steht die österreichische Bevölkerung nach Jahrzehnten der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit? Bildung im Sinne Paulo Freires ist politische Bildung, ist Bewusstseinsbildung. Ein Blick auf die großen Veränderungen des Bildungsbereiches in den letzten Jahren lässt aber erkennen, dass eine ganzheitliche Bildung der Persönlichkeit, die sich als gesellschaftsbezogenes Lernen und gesellschaftsveränderndes Handeln versteht, neben der arbeitsmarktorientierten Ausbildung an Gewicht verloren hat. Politische Bildung, so Freire, würde Bildung als Praxis der Freiheit realisieren. Ist dies heute möglich und erwünscht? Welche Voraussetzungen benötigt eine solche Bildung?
Neugierige Menschen
Bildung braucht neugierige Menschen, die ein Interesse daran haben, sich auf die Widersprüchlichkeit der Verhältnisse einzulassen und sich zumuten, diese zu benennen. Politische Bildung wurde, historisch betrachtet, meist in Verbindung mit bestimmten politischen Projekten entwickelt.
Politische Bildung für eine bessere Welt
Politische Bildung kann Politik nicht ersetzen, im Sinne Paulo Freires sollten die konkrete Ausrichtung politischer Bildung, deren Inhalte und Methodologie auf das Streben nach einer anderen besseren Welt für alle ausgerichtet sein, nach Einer Welt, die ein gutes Leben für alle ermöglicht.
Paulo Freire hat als Volksbildner in Theorie und Praxis für eine solche
Bildung gearbeitet. Für Freire war es besonders wichtig, dass die Lernenden sich über ihre eigene Rolle in der Gesellschaft bewusst wurden und sich selbst über die Zusammenhänge, in denen sie leben, Klarheit verschaffen.
Freire hat damit wesentliche Anstöße für politische Bildung in weiten Teilen der Welt gegeben. Konzepte wie Ermächtigung im Prozess der Entwicklung lassen sich auf sein Denken wenn auch nicht ausschließlich zurückführen.
Was darf politische Bildung heute?
Menschen als Subjekte ihres Handelns zu verstehen, sie dazu zu ermächtigen, ProtagonistInnen ihrer eigenen Geschichte zu werden, ist dies ein Anspruch, dem sich politische Bildung auch heute noch stellt, noch stellen kann und stellen darf? Das Freire-Zentrum will Interessierte, die ihre Bildungsarbeit als politische Arbeit verstehen, dazu einladen, eine gemeinsame Standortbestimmung zu diesen Fragen vorzunehmen, wie sich Bildung als Praxis der Freiheit heute darstellt oder wie eine solche Bildung aussehen könnte.
Volksbildung als politische Bildung
Das Freire-Zentrum möchte im Jahr 2006 mit verschiedenen KooperationspartnerInnen über die heutige Rolle der Volksbildung nachdenken, die Geschichte, die sie geprägt hat, deutlich machen und über mögliche Perspektiven diskutieren. In Lateinamerika spricht man von educación
popular, wobei in diesem Begriff das Wort "Volk" einen stärker politischen Akzent trägt und das "Volk" darin als Subjekt seiner Geschichte vorgestellt wird. In der deutschen Sprache trägt das Wort "Volk" dagegen eher den Charakter des (passiven) Objektes herrschaftlichen Handelns, der Begriff wird zusätzlich oft mit nationaler Ideologie verbrämt.
Das Denken Paulo Freires soll wieder einem größeren Personenkreis bekannt und zugänglich gemacht werden, besonders entwicklungspolitischen Organisationen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung.
Inwieweit das Denken und Wirken Paulo Freires heute noch aktuell sind, soll kritisch diskutiert werden. Das Freire-Zentrum will Aspekte einer Methodologie zur Arbeit im Sinne Paulo Freires erarbeiten, die dem Arbeitskontext politisch denkender BildungsarbeiterInnen in Österreich entspricht.