Eine Präsentation des Buches „Kolonialisierung und Entkolonialisierung des Lernens. Die Anwendung der Erziehungskonzeption Paulo Freires in Guinea Bissau“ von Klaus Mehnert.
Paulo Freire bot im Jänner 1975 dem westafrikanischen Land Guinea Bissau Unterstützung in Bildungsfragen an. Freire war zu dieser Zeit, von 1970 bis 1976, Berater in Bildungsfragen in wirtschaftlich unterentwickelten Ländern für den Ökumenischen Weltkirchenrat in Genf. Gemäß der Freireschen Bildungsauffassung, die kein einzelnes, allgemein gültiges Erziehungskonzept vorsieht, widmete er seine ersten Versuche in Guinea Bissau der Erfassung der gesellschaftlichen Situation. Die antikoloniale Widerstandsbewegung unter Führung der Afrikanischen Partei für die Unabhängigkeit von Guinea Bissau und Kap Verde (PAIGC) hatte erst 1972 nach einem fast zehnjährigen Befreiungskrieg die portugiesische Kolonialherrschaft (seit 1446) beendet und Wahlen erzwungen. Die Arbeit des Autors, die ursprünglich eine Abschlussarbeit an der Freien Universität Berlin (1979) war, hatte damals aktuellen politischen Bezug.
Bildung aus dem Befreiungskampf.
Anders als in den beiden anderen portugiesischen Kolonien in Afrika, Angola und Mosambik, blieb Guinea Bissau während der mehr als 500jährigen Kolonialherrschaft vorwiegend Handelsposten ohne portugiesische SiedlerInnen und PlantagenbesitzerInnen. Der portugiesische Assimilationsdruck zeigte nur an den Küsten Wirkung.
Das Schulsystem zu Beginn der Unabhängigkeit war somit zweigeteilt:
– das koloniale Schulsystem, das neben staatlichen Schulen für Kinder der PortugiesInnen und sogenannten „Assimilado/as“ (von den PortugiesInnen als bereits assimilierte Bevölkerungsschicht angesehen) auch aus Missionsschulen bestand. Letztere zielten auf Bildung einer loyalen europäisierten afrikanischen Oberschicht ab;
– das Erziehungssystem in den befreiten Gebieten, dessen Ziel es war, das formale Erziehungswesen in die afrikanische Gesellschaft zu integrieren. Dieser Prozess hatte seinen Ursprung im Befreiungskampf, in dem Kinder über 12 Jahre mit der militärischen Ausbildung vertraut gemacht wurden. Außerdem war bereits damals die produktive Arbeit in das Schulgeschehen integriert worden.
Die neue sozialistische Regierung übernahm die bereits bestehenden Schuleinrichtungen der PortugiesInnen und modifizierte die Inhalte. Nicht mehr europäische Geschichte sollte gelehrt werden, sondern afrikanische.
Paulo Freire stieß also auf eine Bildungsstruktur, die ihre Wurzeln im Befreiungskampf hatte. Das koloniale Erbe war aber erdrückend. Die AnalphabetInnenquote lag bei 99%. Es mangelte nach Meinung Freires vor allem an der geringen Anzahl von LehrerInnen und an der Erwachsenenbildung im Allgemeinen.
Die zwei Schwerpunkte Freires.
Was die Ausbildung von Lehrern anbelangt, konzentrierte sich Freire auf das staatliche Lehrerausbildungszentrum Maxim Gorki in Có. Dort wurden ausschließlich Bauern und Bauernsöhne unterrichtet, die während des Befreiungskampfes als Lehrer fungiert hatten. Hier glaubte Freire den gewünschten Praxisbezug gefunden zu haben. In kleinen Arbeitsgruppen wurde in so genannten Kulturzirkeln (aktive Beteiligung der StudentInnen am Leben der Bevölkerung) theoretisches Material für den Unterricht gesammelt. Als Hauptproblem erwies sich das Faktum, dass die Schule als feste Institution konzipiert war. Die SchülerInnen, die aus verschiedenen Teilen des Landes kamen, wurden periodisch ausgetauscht. Dies erhöhte die Gefahr, die ansässige Bevölkerung als Forschungsobjekte zu betrachten. So entwickelte sich eine Hierarchie, die nicht im Sinne Freires sein konnte. „Unverständlich“, so Mehnert, „warum Freire […] einen Großteil der Mittel [] in dieses Zentrum lenkt“. (82)
Im Bereich der Erwachsenenbildung konstatierte Freire, dass diese während des Befreiungskampfes fast ausschließlich zum Zwecke der Bedienung von Schusswaffen erfolgte. Nach der Unabhängigkeit wurde die Erwachsenenbildung auch auf jene Bevölkerungsschichten ausgedehnt, die nicht direkt am Befreiungskampf beteiligt waren. Dies trifft vor allem auf die Küsten zu. Die Unterrichtsinhalte wurden zwar ausgeweitet, blieben aber in engem Zusammenhang mit dem Befreiungskampf. Das Unternehmen erwies sich als Misserfolg: Viele Projekte stagnierten, andere wurden vollkommen aufgegeben. Freire sprach in diesem Zusammenhang von einem „politischen Analphabetismus“. Eine Alphabetisierungskampagne mache nur dann Sinn, wenn sie mit konkreten Lebenserfahrungen in Verbindung gebracht werden könne. Die Inhalte des Befreiungskampfes beträfen aber nicht alle Teile der Bevölkerung auf gleiche Weise. In der Folge unterstützte er nur mehr Alphabetisierungsprogramme in Abstimmung mit dem Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium das angesprochene Lehrerbildungszentrum in Có fällt auch in diese Kategorie.
Ein Einstieg für politische Bildung in Guinea Bissau.
Der Autor bringt die Prioritätensetzung Freires am konkreten Beispiel Guinea Bissau auf den Punkt: Bildung nur im praktischen Zusammenhang. Im gesellschaftspolitischen Umfeld des westafrikanischen Landes ist dies der Befreiungskampf der PAIGC, der in angepasstem Maß ins Bildungssystem Einlass finden soll. Kritik übt Mehnert teilweise an der Einsetzung der finanziellen Mittel. Im Wesentlichen betont er aber die Bedeutung der Unterstützung eines Bildungskonzeptes wie jenes aus dem Befreiungskampf, denn: „In Übereinstimmung mit den Gedanken Freires kämpfte die Befreiungsbewegung nicht nur für die Errichtung neuer demokratischer Strukturen im ökonomischen und politischen Bereich, sondern vor allem auch im Bereich des Erziehungswesens.“ (73)
Klaus Mehnert: Kolonialisierung und Entkolonialisierung des Lernens. Die Anwendung der Erziehungskonzeption Paulo Freires in Guinea Bissau. Frankfurt/Main: Haag und Herchen Verlag, 1980. 138 Seiten. ISBN 3-88129-343-4.
Der Autor studiert Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Wien und ist Praktikant des Freire-Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.