Eine Präsentation des Buches „Erziehung als Praxis der Freiheit.“ von Paulo Freire.

In „Erziehung als Praxis der Freiheit“ analysiert Paulo Freire am
Beispiel Brasiliens die Voraussetzungen für eine erfolgreiche
Demokratisierung. In diesem Zusammenhang unterstreicht der
brasilianische Befreiungspädagoge die Notwendigkeit einer
Demokratisierung durch Bildung und Kultur. Dahinter steht der Gedanke,
dass Demokratie zuerst eine Form des Lebens sein muss, bevor sie zu
einer politischen Form werden kann.
Warum Brasilien den Traum von Freiheit nicht verwirklichen konnte.
Freire geht davon aus, dass verschiedene gesellschaftliche Phasen von verschiedenen Themen dominiert werden. Sei die brasilianische Gesellschaft noch nach dem Ende der Kolonialzeit vom Thema der kulturellen Entfremdung geprägt gewesen, hätten in den 1950er und Anfang der 1960er Jahren neue Themen wie Demokratie, Freiheit und Eigentum Stellenwert bekommen. Das brasilianische „Volk“ habe begonnen, sich gegen die kulturellen Modelle der Eliten zu erheben und mehr politische Partizipation einzufordern. Gleichzeitig sei der Ruf nach einer von Rohstoffexporten und ausländischen Märkten unabhängigen Ökonomie laut geworden.
Doch in Brasilien führte die Phase des Übergangs nicht zu mehr Demokratie und Freiheit, sondern gipfelte im Militärputsch von 1964, der den Beginn eines Militärregimes markierte. Freire sieht die Gründe für diese Entwicklung in der Übermacht reaktionärer Kräfte, vor allem in der Vorherrschaft „sektiererischer Gruppen“. Das Sektierertum sei unabhängig von rechter oder linker Ideologie emotional, unkritisch und antidialogisch. Es neige zu Aktion ohne Reflexion und versuche, anstatt andere von der eigenen Meinung zu überzeugen, Entscheidungen aufzudrängen.
Damit sei verbunden, dass es den Menschen in Brasilien zu diesem Zeitpunkt der Geschichte noch an einer wirklich „demokratischen Mentalität“ (S. 26) gefehlt habe. Aus Mangel an demokratischer Erfahrung hätten sie ihre Interessen und Sorgen in erster Linie auf biologische Bedürfnisse und nicht auf die eigene Rolle und Verantwortung in der Gesellschaft gerichtet. Für eine Demokratisierung wäre jedoch ein kritisches Bewusstsein notwendig gewesen, auf Basis dessen das „Volk“ vereinfachte Probleminterpretationen zurückweisen, genaue Analyse schätzen, schlüssige Argumente erkennen und passives Verhalten hätten abstreifen können. Die Herausbildung eines solchen Bewusstseins sei von kolonialistischen und sklavenhalterischen Strukturen behindert worden. Diese Strukturen lehrten den Menschen Anpassung und Unterwerfung, nicht jedoch Dialog und Selbstverwaltung.
Plädoyer für eine kritische Pädagogik.
Das Brasilien der 1950er und 1960er Jahre habe eine zentrale Aufgabe zur Demokratisierung verabsäumt: die Erziehung und zwar als „Praxis der Freiheit“. Abgesehen von Freire traten zu dieser Zeit nicht viele für eine derart reformierte Pädagogik ein. Freire jedoch knüpfte angesichts der Tatsache, dass 16 Millionen Menschen im und über dem 14. Lebensjahr nicht schreiben oder lesen konnten, an das Problem der AnalphabetInnenrate an.
„Wir planten ein Alphabetisierungsprogramm, das eine Einführung in die kulturelle Demokratisierung darstellte, ein Programm mit Menschen als seinen Subjekten und nicht als geduldigen Rezipienten.“ (S. 48)
Schlussendlich sei es darum gegangen, den Lernenden das Lesen und Schreiben als „Schlüssel zur Welt“ (S. 51) zu vermitteln. Um die Menschen reflexions- und handlungsfähig zu machen, seien sie dazu angeregt worden, über ihre eigene Rolle sowie über die gesellschaftlichen Organisationsprinzipien nachzudenken. Konkret stellten die TeilnehmerInnen in den Alphabetisierungsprogrammen typische Situationen ihres Lebens dar, beispielsweise das Bewirtschaften von Feldern.
Daraufhin analysierten sie diese Situationen. So sei beispielsweise über den Wert der menschlichen Arbeit oder über die Beziehung zwischen Mensch und Technik diskutiert worden. Schließlich habe man den einzelnen Situationen (z.B. dem Bestellen des Feldes) phonetisch schwierige und phonemreiche Worte (z.B. das Wort „Pflug“) zugeordnet. Nachdem die TeilnehmerInnen eine semantische Beziehung zwischen den Situationen und den Wörtern hergestellt haben, seien die Wörter in ihre Silbenbestandteile zerlegt worden. Mit diesen bildeten die Lernenden schließlich neue Wörter. Diese Vorgehensweise helfe nicht nur den Wortbildungsmechanismus zu lernen, sondern vermittle auch ein kritisches Bewusstsein gegenüber der Welt. So meinte einer der Teilnehmer: „Ich möchte lesen und schreiben lernen, damit ich aufhöre, der Schatten von anderen Leuten zu sein.“ (S. 54f)
Begriffliche Unklarheiten.
„Erziehung als Praxis der Freiheit“ ist ein nicht immer einfach zu lesender Essay, in dem Paulo Freire seine pädagogischen Anschauungen mit einer Analyse der brasilianischen Gesellschaft der 1950er und 1960er Jahre verknüpft. Leider macht er das, ohne gewisse begriffliche Unklarheiten aus dem Weg zu schaffen. So verwendet er etwa den Begriff „Volk“ sehr willkürlich, meint damit einmal nur die breite Masse der brasilianischen Bevölkerung, ein andermal jedoch die Gesamtheit der BrasilianierInnen einschließlich der politischen und ökonomischen Eliten. Auch Begriffskreationen wie „transitives“ und „intransitives Bewusstsein“ tragen nicht gerade zur Verständlichkeit des Textes bei. Besonders wenn Freire zu guter Letzt noch von „semi-transitivem“, „naiv transitivem“ und „kritisch transitivem Bewusstsein“ spricht, kommt der Eindruck auf, die Bezeichnungen für die unterschiedlichen menschlichen Bewusstseinsstufen seien beliebig dehnbare Hohlwörter, die er je nach Bedarf mit Inhalt füllt.
Erziehung zu kritischem Bewusstsein.
Dass jedoch das kritische Bewusstsein der Menschen für Demokratisierung eine Rolle spielt, dürfte spätestens nach diesem Essay klar sein. Dass Erziehung zur Entwicklung eines kritischen Bewusstseins beitragen kann, ist ebenfalls verständlich. Und dass Paulo Freire mit der Darstellung seiner Alphabetisierungsprogramme aufzeigt, wie eine solche Erziehung aussehen könnte, ist höchst erfreulich.
Paulo Freire: Erziehung als Praxis der Freiheit.
Stuttgart: Kreuz Verlag, 1974. 170 Seiten. ISBN: 3-78310-442-4.