Zeit: Mittwoch, 30. Oktober 2019, 18.00 Uhr bis ca. 20.00 Uhr
Ort: Wagner-Saal im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung,
Sensengasse 3, 1090 Wien
Eingangsstatements von:
Petra Dannecker (Institut für Internationale Entwicklung, Universität Wien)
Ulli Vilsmaier (Leuphana Universität Lüneburg)
Sadhbh Juarez Bourke (Leuphana Universität Lüneburg)
Katrin Aiterwegmair (ECOSUR, San Cristóbal de las Casas, Mexiko)
Anschließend Weltcafé: Die TeilnehmerInnen können ihre Erfahrungen und Fragen einbringen und austauschen, die abschließend ins Plenums eingebracht werden können.
Moderation: Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum)
Eine Veranstaltung des Paulo Freire Zentrum, der Leuphana Universität Lüneburg sowie dem Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien.
Um Anmeldung wird gebeten:
Hintergrund und Ziele:
Die Forderung nach Forschung, die Grenzen von Wissens- und Erkenntniskulturen überschreitet und selbst Transformation anstößt oder sogar herbeiführt, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Integration von ForscherInnen unterschiedlicher Disziplinen und gesellschaftlicher AkteurInnen bringt dabei wissenschaftstheoretische und methodologische Herausforderungen mit sich.Denn die Praxisorientierung dieser Forschungsform führt zu grundsätzlichen Fragestellungen nach dem Status der Wissenschaft und der Forschung: Wie kann Forschung weiter gefasst werden? Braucht es einen neuen Forschungsbegriff? Und wie kann der Praxisbezug integriert werden? Die Nähe zu Paulo Freire ist unübersehbar, weil die Konzeption transformativer Forschung schon in seiner Arbeit angelegt ist.
Von Paulo Freires Zugang zu Alphabetisierung und Bewusstseinsbildung lassen sich bahnbrechende Prinzipien für die Forschung ableiten. Die Idee, ‚die Welt lesen und schreiben zu lernen’ verweist auf eine Art der Aneignung von Welt aus einer Zugehörigkeit heraus, die zu profunden Transformationen führen kann. Sie eröffnet ein Gewahr werden der eigenen Situiertheit in einer historischen Situation, die nicht gegeben, sondern veränderbar ist – und dies wird mit Blick auf die Forschungsorganisation und -praxis immer bedeutsamer. Denn die dominante, gegenwärtige Gesellschaftsordnung, die das Forschen im Wesentlichen akademischen Institutionen vorbehält, gerät zunehmend an die Grenzen ihrer Handlungs- und Wirkmacht in der Bewältigung des Notwendigen epochalen Umbruches, der für uns als Weltgemeinschaft ansteht.
Der ermächtigende Zugang zu Bildung, den Paulo Freire im vergangenen Jahrhundert entwickelt hat, bietet ein großes Potential, auch als Zugang zu Forschung entfaltet zu werden. Das bewusste, problematisierende und systematisierende Verhältnis zum eigenen Leben, das seine Pädagogik charakterisiert, stellt die Grundlage dafür dar, Forschung als grundlegende menschliche Fähigkeit zu begreifen und nicht einzig als Profession. Es ermöglicht, Forschende in ihren je eigenen Weltverhältnissen als wesentliches Bestimmungsmoment jeder Forschung wieder in den Blick zu bekommen. Die Prinzipien und Verfahren seiner Alphabetisierung bieten zudem Anhaltspunkte, eine Forschungspraxis zu etablieren, die nicht einzig epistemische Ziele verfolgt, sondern sich ebenso als transformativ begreift. Sie sind zutiefst situiert, dialogisch, offen im Ausgang und als eine Iteration von Aktion und Reflexion, und von Konkretion und Abstraktion verfasst.
Über 20 Jahre nach seinem Tod ist die Wirkmacht Paulo Freires ungebrochen. Dies zeigt sich gegenwärtig vor allem in Brasilien, wo die politische Elite angetreten ist, Paulo Freires Erbe zu vernichten. Mehr denn je ist es an der Zeit, das unerschlossene Potential der Arbeit von Paulo Freire für die Forschung fruchtbar zu machen. Die Investigación Acción Participativa (Partizipative Aktionsforschung), die sich in Lateinamerika unter dem Eindruck des Wirkens Paulo Freires schon in den 1970er Jahren an den Rändern der Sozialwissenschaften etabliert hat, ist eine Form der Forschung, wo dies schon gelungen ist. Wir möchten dieses Potential auch für bestehende Ansätze partizipativer, handlungs- und aktionsorientierter sowie inter- und transdisziplinärer Forschung in unterschiedlichsten Themenbereichen zugänglich machen, eine andere Perspektive darauf eröffnen sowie zur Entwicklung von Verfahren und Methoden beitragen, die sich an freireanischen Prinzipien orientieren.
Wir laden dazu ein, mit uns zu erkunden, wie wir diese Prinzipien und Praxis in Forschungsansätze und Forschungsmethoden realisieren können, die gleichermaßen auf ein Erklären, Verstehen und Verändern von Welt abzielen.
Referent*innen:
Katrin Aiterwegmair absolvierte das Diplomstudium der Internationalen Entwicklung an der Uni Wien und promoviert nun im Doktoratsprogramm Ciencias en Ecología y Desarrollo Sustentable en ECOSUR in San Cristóbal de las Casas, Mexiko zum The¬ma “(Re-)Creando agricultura: (Re-)Construyendo conocimientos, saberes e identidad campesina. Una investigación-acción participativa de las prácticas de acción so¬cio¬política para la defensa de la tierra y del territorio de la OCEZ-CNPA Chiapas.“
Sadhbh Juárez Bourke belegte einen Bachelor in Umweltwissenschaf¬ten an der Universität Barcelona sowie einen Master in Environmental Governance an der Universität Freiburg. Dort erkannte sie: Nachhaltigkeit braucht nicht nur natur- und sozialwissenschaftliche Sichtweisen, so-dern auch Emotionen. Mit anderen Studierenden kam sie über diese Gedanken zum Schauspiel, lernte Methoden und gründete eine wissenschaftliche Theatergruppe. Mit der Förderung der Robert Bosch Stiftung promoviert sie unter der Überschrift „Processes of Sustainability Transformation“ an der Leuphana Universität Lüneburg.
Ulli Vilsmaier ist Geografin und forscht zu epistemologischen und methodologischen Grundlagen inter- und transdisziplinärer Forschung an der Leuphana Universität Lüneburg. Mit ihrem Team entwickelt sie text-, bild- und artefaktbasierte sowie performative Methoden für das Arbeiten an den Schnittstellen zwischen Wissens- und Erkenntniskulturen und nimmt dabei im Besonderen das Verhältnis von Aktion und Reflexion in den Blick. Thematisch bewegt sie sich in den Feldern der Nachhaltigkeitsforschung. Ulli Vilsmaier ist Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates des Paulo Freire Zentrums.
Petra Dannecker ist Entwicklungssoziologin und seit 2010 Leiterin des Instituts für Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Sie arbeitet zu den Themenfeldern Globalisierung und Migrationsprozesse, Gender Studies, Migration und Entwicklung und Entwicklungspolitik mit dem regionalen Fokus auf Süd- und Südostasien. Seit 2016 ist sie Projektkoordinatorin des transdisziplinären Erasmus+/ CBHE-Projekts KNOTS „Fostering Multi-lateral Knowledge Networks of Transdisciplinary Studies to Tackle Global Challenges“. Im Rahmen dieses Projektes bauen Partner*innen aus fünf Ländern dynamische Wissensnetzwerke multilateraler und transdisziplinärer Studien zu den Themen soziale Ungleichheit, Klimawandel und Migration auf.
Eine Veranstaltung des Paulo Freire Zentrum, der Leuphana Universität Lüneburg sowie dem Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien (tbc).



Hinweis: Am 30. und 31. Oktober 2019 findet rund um diese öffentliche Veranstaltung ein wissenschaftlicher Workshop zum intensiven Austausch über freireanisch-transdisziplinäre Methoden statt. Nähere Infos