© Aivar Ruukel. The picture was cut before publishing. Flickr all creative commons license.

Bildungschancen für Migrant*innen in Europa.

Am 5. November 2018 sprachen Christoph Reinprecht und Gülay Ates im Rahmen der Ringvorlesung „Bildung und ungleiche Entwicklung“ über Bildung als Instrument der Integration.

Christoph Reinprecht ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Er forscht zu Stadt- und Raumsoziologie, Migration sowie sozialer Ungleichheit. Gülay Ates arbeitet am selben Institut und fokussiert sich auf Bildung, Migration und Integration.

Europäische Gesellschaften sind wissensbasiert und post-migrantisch.

Reinprecht und Ates beschreiben die europäische Gesellschaft als wissensbasiert und post-migrantisch. Bildung sei zur wichtigsten Produktivkraft geworden. Damit bestimmt Bildung, als eine Form kulturellen Kapitals, maßgeblich die spätere Platzierung am Arbeitsplatz sowie soziale Mobilitätschancen. Bildung ist ein stetiger, lebenslanger Prozess. In einer post-migrantischen Gesellschaft werden Menschen oft als Migrant*innen adressiert, ohne selbst welche zu sein. Migrant*innen sind sowohl als hoch- als auch als niedrig qualifizierte Arbeitskräfte tätig. Nachfrage gibt es in beiden Bereichen. Dies spiegelt sich in einem neuen, ressourcenorientierten Konzept von Migration wieder: Migrant*innen werden als gewinnbringend und bereichernd empfunden, statt als Belastung für eine Gesellschaft.

Erwachsenenbildung für Migrant*innen.

Migrant*innen haben nicht die gleichen sozialen Aufstiegschancen, wie die restliche Bevölkerung. Reinprecht und Ates gingen in ihrem Forschungsprojekt der Frage nach, welche Institutionen Lernen verhindern und Ungleichheit verstärken. In fünf europäischen Ländern wurden Teilnehmende in Erwachsenenbildung für ältere Migrant*innen (40+) befragt. Ziel war es, Erfahrungen mit Bildungsangeboten und den gewünschten und tatsächlich erlebten Bildungsinteressen der Migrant*innen zu untersuchen. Bildungsangebote für Sprachen sowie für den Umgang mit Computern stießen auf besonders großes Interesse. Denn die Sprache des Wohnortes zu lernen, birgt sowohl berufliches als auch integratives Potential.

Die deutlichste Erkenntnis der Forschung ist, dass Bildungsangebote für ältere Migrant*innen in verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich verfügbar sind. Während in Frankreich ein Großteil der Befragten bereits an Bildungsmaßnahmen teilnahm, waren es in Österreich deutlich weniger und in der Slowakei kam dies überhaupt nicht vor. Die Chance, sich als Migrant*in zu bilden, hängt demnach vom Aufenthaltsland ab. Obwohl Migrant*innen Bildung wichtig ist, nehmen sie den derzeitigen Bildungsstand und Bildungszugang nur selten als zufriedenstellend war. Ebenso verhält es sich bei der Zufriedenheit mit der Mitarbeit in Vereinen, einem wichtigen Indikator für Integration.

Regional unterschiedliche Hürden.

Was Migrant*innen hindert, sich zu bilden, ist von Land zu Land verschieden. Während in Österreich die fremde Sprache und die Erreichbarkeit von Bildungsinstitutionen ausschlaggebend waren, nannten Migrant*innen in Frankreich familiäre Verpflichtungen und die Erwerbsarbeit als Gründe. In allen Ländern mangelt es an Informationen über Bildungseinrichtungen für Erwachsene. Über die Hälfte der Befragten gab Informationsmangel an, und in der Slowakei fühlten sich alle Befragten uninformiert.

Bildung als Ermächtigung.

Dies bringt die Forschenden zu der häufig diskutierten Frage, inwiefern Bildung Migrant*innen ermächtigen kann, stärker am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Reinprecht und Ates argumentieren, dass der rechtliche Status eines Menschen einen viel größeren Einfluss auf Teilnahmechancen für Migrant*innen hat. In Österreich gibt es 15 verschiedene Einteilungen von subsidiär geschützten Flüchtlingen bis hin zu EU-Ausländer*innen, die jeweils unterschiedliche Rechte haben. Der rechtliche Status eines Menschen kann erhebliche Nachteile bezüglich Bildungschancen mit sich bringen, weil Bildung nicht für alle Menschen zugänglich ist.

Produktivkraft Mensch.

Zuletzt spricht das Forscherteam nochmals über die Norm der lebenslangen Bildung, die sich auch im Lifelong Learning (dt.: lebenslanges Lernen) Programm der Europäischen Union wiederspiegelt. Dieser Ansatz hat wenig mit einem emanzipatorischen Charakter von Bildung zu tun. Vielmehr zielt er auf die wirtschaftliche Nutzbarkeit von sich stetig weiterbildenden Arbeitskräften ab. Die wirtschaftliche Vermarktbarkeit der Bildung hat eine Ermächtigung in die Defensive gerückt. Ziel der Bildungspolitik sowie vieler Bildungseinrichtungen hat sich auf eines zugespitzt – so Reinprecht und Ates – die Produktivkraft Mensch.

Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, der Autor studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Foto: © Aivar Ruukel. The picture was cut before publishing. Flickr all creative commons license.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Globale Ungleichheiten, Themen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.