In einem dreiteiligen Beitrag zeigt der Autor, dass die Konzepte der
beiden Brasilianer keineswegs an Aktualität eingebüßt haben. Teil III:
Was ist Unterdrückung?
In der Masse unterzugehen, nicht als Individuum geachtet zu werden und durch ein Bildungssystem von sich selbst, von der Menschlichkeit, entfremdet zu werden, ist Unterdrückung. Gibt es auch in Österreich Unterdrückung? Passt dieser Begriff nicht besser nach Brasilien? Und lässt sich dieses Konzept überhaupt in eine andere Zeit, ein anderes Land übertragen?
Neben extremen Beispielen von Entfremdung und Unterdrückung wie etwa Wahlkampfparolen á la "Daham statt Islam" oder die Schließung der eigentlich profitablen Semperit-Werke bleibt Unterdrückung in Österreich vielfach versteckt und subtil. Schon immer versuchte Herrschaft ihren Unterdrückungscharakter zu verbergen, ob hinter "Gottes Wille" oder hinter geschicktem Marketing. Boal spricht vom "Polizisten im Kopf". Das kann Konsumzwang, Markenzwang, Autozwang oder Verkehrszwang sein.
Was ist Befreiung?
Befreiung ist der Versuch, sich von den subtilen Fäden der Manipulation zu lösen (Medien, Konsum etc.) sowie den diesbezüglichen Konsens in Frage stellen, etwa im Hinblick auf Bildung, Verkehr, Konsum, Mythen der Ökonomie. Volksbildung und Volksbewegungen können so ein Weg sein. Zur Befreiung gehören Konfrontationen, die mal friedlicher, mal weniger friedlich ablaufen. Man sollte nicht naiv erwarten, dass Kaiser und Könige freiwillig ihren Thron anbieten.
Freire wie Boal entwickelten ihre Ansätze im Kontext von Militärdiktaturen. Revolution bedeutete bei ihnen zunächst sehr konkret die Beendigung der Diktatur, die Wiederherstellung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Aber Demokratie ist nie ein Zustand, sondern immer ein Prozess. Es braucht dafür Engagement und immer wieder auch Auseinandersetzung oder Kämpfe.
Achtung – dieses Theater ermächtigt!
Sowohl Freire als auch Boal verstehen sich als "reflektierte Praktiker". Theater der Befreiung braucht beides, Theorie und Praxis, Handeln und Reflexion, um Beiträge zu einer geänderten Welt, zur Stärkung von Subjekten der Befreiung zu leisten.
Ein Theater der Unterdrückten, das kein Unbehagen auslöst, keine Diskussionen, keine Konflikte, geht an seinem Zweck vorbei. Das Forumtheater will der Auseinandersetzung ein Forum bieten. Es will nicht, dass sich nachher alle wohl fühlen. Erzielt beispielsweise ein Theaterprojekt in einem sozial sensiblen Gebiet wirkliche Ermächtigung, ruft das nicht automatisch Zufriedenheit bei den AuftraggeberInnen hervor. Möglicherweise wollten diese zwar weniger offene Konflikte, nicht aber, dass sich die BewohnerInnen zusammentun und kollektive Aktionsformen entwickeln.
Dem Forumtheater sollte eine Art Beipackzettel beiliegen: "Achtung, dieses Theater ermächtigt. Es könnte sein, dass die TeilnehmerInnen nachher einen kritischeren Blick auf die Wirklichkeit haben als vorher." Das verlangt nicht nur von PolitikerInnen einen Reifungsprozess.
Hier wird Freires Idee der Subjektwerdung zentral – er spricht vom Stadium des transitiven Bewusstseins: "sich verstehen, sich selbst deuten, sich erschaffen". Eigenständiges Denken ist gerade dort wesentlich, wo es um die Subjekthaftigkeit einer Person geht. Erst dadurch kann sie zur Protagonistin des eigenen Lebens werden und ihre Rolle auf der Bühne der Weltgeschichte spielen. Und zwar nicht als Mutter Courage, sondern als die Person, die sie selbst sein möchte.
Der Beitrag beruht auf einem Impulsreferat,
gehalten beim Workshop Theater macht Politik in Wiener Neustadt, 20. September
2006.
Literatur
Augusto Boal (1989): Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Frankfurt am Main.
Paulo Freire (1971): Pädagogik der Unterdrückten. Stuttgart.
Paulo Freire (1974): Erziehung als Praxis der Freiheit. Stuttgart.
Paulo Freire (1981): Der Lehrer ist Politiker und Künstler. Neue Texte zu befreiender Bildungsarbeit. Reinbek/Hamburg.