Im Rahmen der Ringvorlesung zu Bildung und ungleiche Entwicklung des Instituts für Internationalen Entwicklung sprach Erich Ribolits am 21. Januar 2019 über das Thema „Mythos Bildung“ und warum Bildung nie das hält, was sie verspricht.
Erich Ribolits ist Bildungsforscher und als Privatdozent an den Universitäten Wien, Graz und Klagenfurt tätig. Ribolits, der sich lange Zeit als kritischer Bildungswissenschaftler betrachtet hatte, sieht sich heute eher als bildungskritischer Wissenschaftler.
Das (Aus-)Bildungsversprechen.
In unserem Kulturraum herrsche, laut Ribolits, der Mythos, dass Bildung und systematisches Lernen in der Lage seien, die Welt zu verbessern. Bildung pushe die Wirtschaft, verspreche mehr Wohlstand, senke Arbeitslosigkeit und mache Menschen kritischer gegenüber gegebenen Machtverhältnissen. So das Bildungsversprechen. Diesem Bildungsideal gegenüber gelte es, laut Ribolits, Vorsicht walten zu lassen. Er plädiert dafür, genauer hinzuschauen: Was ist gemeint, wenn von Bildung die Rede ist? Wer sagt was, in welchem Kontext und warum?
Bildung als Nonplusultra.
Unabhängig der politischen Anschauungen oder gesellschaftlichen Prägung einer Person gelte Bildung heute als das Nonplusultra, wenn es um die Verbesserung von Lebensbedingungen oder der Optimierung und Weiterentwicklung gesellschaftlichen Zusammenlebens geht. Systematisches Lernen und Weiterbildung von Erwachsenen werde von allen Politiker*innen und Interessensvertreter*innen als notwendig und sinnvoll betrachtet und verspreche eine bessere Zukunft. Selbst in gesellschaftskritischen Kreisen, in denen die „ökonomische Verwertung“ und die Reduktion von Bildung auf das Produzieren optimalen Humankapitals kritisiert werde, werde unentwegt „Bildung für alle“ gefordert. Zwar werde die Form der Bildungsprozesse bemängelt, so zum Beispiel, dass Autonomie, Mündigkeit und Emanzipation zu wenig gefördert und teilweise untergraben werden, jedoch sei es trotz der Instrumentalisierung von Bildung erstrebenswert, vielen Menschenzu ermöglichen, an gesellschaftlich organisierten Lernprozessen teilzunehmen. Es wird angenommen, dass sich der emanzipatorische Aspekt von Bildung mit der Zeit durchsetzen wird.
Der Bildungsbegriff als Folge einer misslungenen, bürgerlichen Revolution.
Um zu verstehen, wie diese Bildungsidee entstanden ist und sich so verfestigen konnte, bezieht sich Ribolits auf die Aufklärung. Sie gelte als Aufbruch, als Befreiungsakt und emanzipatorische Bewegung der Menschen, in der sie ihre eigene Lebenswelt selbst zu gestalten begannen. Der Grundgedanke der Aufklärung ist es, dass das Leben zwar von einer höheren Instanz vorherbestimmt sei, doch dass jeder Mensch letztendlich selbst denken und entscheiden könne, ob er sich der Vorherbestimmung unterwerfe oder nicht. Jeder Mensch sei in der Lage, ein gutes Leben für sich selbst zu entwickeln. Getragen sei die Aufklärung von der bürgerlichen Bevölkerungsschicht, die für sich erkannte, dass eine Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse selbst in die Hand genommen werden müsse. Obwohl eine bürgerliche Revolution im deutschsprachigen Mitteleuropa scheiterte, wurde diese Niederlage von der bürgerlichen Gesellschaftsschicht überhöht, so Ribolits. Mit der Auffassung der bürgerlichen Gesellschaft, verstanden zu haben, wie es besser gehen könnte, wurde Bildung zum Mittel der gesellschaftlichen Reform. Anstatt eines aktiv-widerständigen Eingreifens in gesellschaftliche Verhältnisse oder gar einer gewaltsamen Revolution, war eine gesellschaftliche Veränderung durch aufgeklärte, gebildete Bürger das Ziel. Reflexion statt Widerstand stand somit im Fokus der Aufklärung und diese sollte durch Bildung für jede Person erreichbar sein. Im Sinne eines Sozialappells wurde zudem auf eine „Revolution von Oben“ gehofft, auf die Einsicht der Regierenden, die gesellschaftlichen Zustände zu ändern.
Instrumentelle Vernunft.
Im Zuge der Aufklärung sei eine objektive Vernunft, eine religiös begründete Wahrheit abgeschafft worden. Zugleich sei die Vernunft auf ein Verfahren reduziert worden, auf die subjektive Vernunft, die es für jeden Menschen gäbe und die gefördert werden könne. Als Resultat der subjektiven Vernunft, bleibe lediglich das Eigeninteresse des Menschen und wie er dieses vernünftig argumentiert. Folglich werde Konkurrenz der Orientierungsmaßstab der Lebensführung und Vernunft eine Strategie, um die eigenen Interessen durchsetzen zu können. Was vernünftig sei, entscheide sich somit, laut Ribolits, lediglich nach Kosten-Nutzen-Kalkülen. Alles was nicht der kalkulatorischen Vernunft untergeordnet werden kann, wie zum Beispiel das Verliebtsein, erscheine uns unvernünftig und diesen Zustand gelte es rasch zu überwinden, sofern man ihn sich nicht leisten kann. Bildung ist somit zum Synonym der instrumentellen Vernunft geworden, die die Kultivierung von Konkurrenz und Eigennutz impliziert.
Bildung in der Entwicklungspolitik.
Solidarität könne in diesem Sinne als kalkulatorische Liebe bezeichnet werden. Der Gedanke, irgendwann betreffe es vielleicht auch mich selbst, stünde im Vordergrund der Solidarität und sei präsenter als die selbstlose Liebe zu Menschen und der Wille, dass es ihnen deshalb gut gehe. Laut Ribolits sind wir alle der Vernunft unterworfen und an kalkulatorische Vernunft gebunden. Die bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse würden aufrechterhalten, solange wir davon ausgehen, dass es dem tüchtigen Menschen besser gehen soll, als dem der weniger tüchtig ist. Das Exportieren dieses Bildungsmythos, der es uns verunmöglicht, ein erstrebenswertes Leben außerhalb seiner Grenzen wahrzunehmen, sei kritisch zu betrachten. Es sei möglicherweise erforderlich, „dass wir aus der in vorindustriellen Kulturen noch ansatzweise vorhandenen Orientierung an ‚Freiheit durch Muße‘ lernen“, so Ribolits.
Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at