Der erste Abend des Paulo Freire-Symposiums 2006 stand im Zeichen
der Frage nach der Volksbildung. In einem eröffnenden Dialog
diskutierten Marianne Gronemeyer und Martin Jäggle mögliche Antworten.
"Bildung betrifft uns alle", meinte Gerald Faschingeder, der Direktor des Paulo Freire-Zentrums, in seiner Begrüßung, mit der er die zahlreichen Gäste willkommen hieß, die am 4. Dezember 2006 früh abends ins Europahaus Hütteldorf gekommen waren, um sich im Rahmen eines dreitägigen Symposiums dem Thema "Volksbildung heute?" zu widmen. Als SchülerInnen, StudentInnen, Gebildete, aber auch als LehrerInnen und MultiplikatorInnen, seien "wir alle" sowohl Gegenstand von Bildung als auch deren Subjekte.
Welches Bild meinen wir, wenn wir von Bildung sprechen?
Faschingeder identifizierte zwei unterschiedliche Erzählungen im Zusammenhang mit Bildung: die Unterdrückungserzählung und die Befreiungserzählung. Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire sei von ersterer ausgegangen, um letztere möglich zu machen.
Etymologisch komme Bildung von Bild. Bei Meister Eckart habe dies die Angleichung an das Abbild Gottes bedeutet. "Doch welches Bild meinen wir, wenn wir von Bildung sprechen?", fragte Faschingeder und wies darauf hin, dass Paulo Freire in der Bewegung der "educacao popular" gestanden sei, was auf Deutsch Volksbildung heißt. Die Volksbildung jedoch, habe bei uns eine andere Tradition als im Kontext Lateinamerikas und das könne durchaus zu begrifflichen Verwirrungen und Irritationen führen. Ein Umstand, so Faschingeder, den die VeranstalterInnen bewusst in Kauf nähmen, um dem Ziel des Symposiums gerecht zu werden. "Schließlich sollen hier die Frage nach der Bildung und die Frage nach dem Volk im Mittelpunkt stehen. Stellen wir uns ihnen gemeinsam! Lernen wir gemeinsam daraus!"
Pia Lichtblau (Attac, Mattersburger Kreis) moderierte den anschließenden Dialog zwischen Marianne Gronemeyer (FH Wiesbaden) und Martin Jäggle (Universität Wien). Einleitend stellte sie Bildung in einem Spannungsfeld dar, das vom Verständnis von Bildung als Akt der Selbstbefreiung zur Überwindung von Herrschaftsverhältnissen bis hin zu einer Bildung als Instrument zur Stabilisierung ebendieser Herrschaftsverhältnissen reichte.


Oben:
TeilnehmerInnen des Freire-Symposiums, unten v.l.n.r.: Moderatorin Pia
Lichtblau (Attac, Mattersburger Kreis), Moderator Gerhard Faschingeder (Paulo
Freire-Zentrum). (Photos: Vera Brandner, ipsum)
Bildung abseits politischer Instrumentalisierung
In ihrer ersten Reaktion warf Marianne Gronemeyer die Frage auf, ob es denn keine Bildung gebe, die nicht als Reaktion auf Herrschaft anzusehen sei, etwa eine Bildung als bloßes Geschehen, abseits politischer Instrumentalisierung. Denn im Grunde sei der Mensch doch ein Wesen, das aus Mangel an Instinkten lernen müsse, um zu überleben. In diesem Sinne wäre Bildung in erster Linie ein reflexiver Vorgang, ein Geschehen der Selbstverwandlung, in dem sich die Menschen selbst bildeten, anstatt gebildet zu werden.
Den Begriff Volk sehe sie, so Gronemeyer, mit Skepsis, da er bis heute Erinnerungen an den Nationalsozialismus wachrufe. Man denke nur an Formulierungen wie: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!"
Fragen sind der Anfang der Bildung
Martin Jäggle beschrieb seinerseits das Volk als die Mehrheit der Leute, auf deren Kosten gelebt wird, und stellte die Frage in den Raum, wie weit das Volk gebildet werden müsse. Er selbst meinte, wer glaube, dass Menschen gebildet werden können, leide an Einbildung. Für ihn sei Bildung ein soziales Geschehen, an dessen Anfang die Fragwürdigkeit der Verhältnisse stünde. Die Volksbildung müsse demnach einen Rahmen schaffen, in dem Leute Fragen stellen, sich also bilden können. "Und wir müssen uns darüber bewusst sein", betonte Jäggle weiter, "das Bildung Zeit braucht und von Umwegen lebt." Ohne Entschleunigung würde es in der heutigen Welt kaum noch möglich sein, den langwierigen Prozess des "Sich-bildens" auf sich zu nehmen.

Martin Jäggle und Marianne Gronemeyer debattieren beim Freire-Symposium 2006. (Photos: Vera Brandner, ipsum)
Unbedingter Gehorsam zwischen MeisterIn und SchülerIn?
Das Verhältnis zwischen LehrerIn und SchülerIn ist für jede Bildung zentral. Gronemeyer verwies auf Ivan Illich, der den unbedingten Gerhorsam zwischen Meister und Schüler forderte. Der etwas problematische Begriff des Gehorsams bezeichne in diesem Zusammenhang ein inniges Vertrauensverhältnis, dessen Frist allein der/die Lernende setze. Auch in den Rabbinerseminaren, knüpfte Jäggle an, suche sich der Schüler seinen Meister selbst aus.
Jedenfalls, so Jäggle, könne Bildung als aktive und passive Erfahrung nur in Gegenseitigkeit gedacht werden und beruhe auf gleichem Mitspracherecht der Beteiligten. Es könne nicht darum gehen, anderen das Denken zu ersparen, sondern gemeinsam das Miteinander zu verwandeln. Bildung als tätiger Weltumgang, so Gronemeyer, setze ein aktives, verantwortungsvolles Leben voraus. Da sich das Handeln der Menschen heute auf drei Formen der Aktivität beschränke, eben das Konsumieren, das Produzieren und die Schattenarbeit (die Menschen verrichten, um die beiden ersteren möglich zu machen), stelle sich die Frage nach den Orten, an denen wir noch etwas über das "Sich-bilden" erfahren können.
Was heißt Volksbildung für mich?
Im Anschluss fand ein offenes Weltcafé statt, in dem die TeilnehmerInnen die Möglichkeit hatten, in Gruppen über ihre persönlichen Zugänge zur Volksbildung zu diskutierten. Gemeinsam wurden Fragen formuliert, die für die Begriffsklärung von Bedeutung waren und den Ausgangspunkt für die Reflexion am zweiten Tag des Symposiums bilden sollten. Dabei wurden verschiedene Aspekte von Bildung beleuchtet und alsbald deutlich, welche Fragen noch im Laufe des Symposiums diskutiert werden sollten.
Der Autor ist Student der Internationalen Entwicklung und Praktikant des Paulo Freire-Zentrums.