
Was bedeutet „imperiale Lebensweise“ und wieso verhindert dieses Konzept ein gutes Leben für alle? Ein Autor*innenkollektiv versucht in „Auf Kosten Anderer? Wie die imperiale Lebensweise das gute Leben für alle verhindert.“ Antworten auf diese Fragen zu finden und Alternativen aufzuzeigen.
Das Dossier „Auf Kosten Anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“ ist 2017 im Oekom Verlag erschienen und wurde vom I.L.A. Kollektiv (Imperiale Lebensweise und Ausbeutungsstrukturen im 21. Jahrhundert) verfasst. Das interdisziplinäre Kollektiv besteht aus 15 jungen Wissenschaftler*innen aus Volkswirtschaftslehre, Entwicklungs- und Agrarökonomik, Politikwissenschaft, Politischer Ökonomie, Internationalen Beziehungen, Erziehungswissenschaft, Umweltwissenschaften, Nachhaltigkeitswissenschaft, Geschichte und Recht. In ihrer ersten gemeinsamen Publikation versuchen sie, das Konzept der imperialen Lebensweise einfach und verständlich zu erklären und zeigen anhand von Beispielen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, wie und wo sich die imperiale Lebensweise im Alltag zeigt. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf mögliche Alternativen.
Das Dossier im Überblick.
Nach einer Vorstellung des Konzepts der imperialen Lebensweise folgt ein historischer Abriss über die Entwicklung der imperialen Lebensweise während der letzten 500 Jahre. Darauf folgen exemplarische Darstellungen von Bereichen des alltäglichen Lebens, in denen sich die imperiale Lebensweise zeigt und wirkt. Die im Dossier vorgestellten Gebiete umfassen Digitalisierung, Sorgearbeit, Geld- und Finanzwirtschaft, Bildung, Ernährung und Mobilität. Den Abschluss von „Auf Kosten Anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“ bildet ein Überblick der gewonnenen Erkenntnisse, der um Ideen und Ansätze für Strategien zur Überwindung der imperialen Lebensweise ergänzt wird.
Das Leben „der einen“ auf Kosten „der anderen“.
Die Grundidee der imperialen Lebensweise beruhe auf ungerechter globaler Ressourcenverteilung und würde durch Ausbeutung von Mensch und Natur aufrechterhalten. So schreiben die Autor*innen: „Die imperiale Lebensweise beruht auf dem Ideal des komfortablen und modernen Lebens mit seiner dauerhaften Verfügbarkeit von Konsumgütern. Um einen solchen Alltag zu ermöglichen, müssen Menschen in aller Welt hart arbeiten, Bodenschätze abbauen und Tiere schlachten. Dies in einem Ausmaß, das an die ökologischen und sozialen Grenzen der Erde stößt“ (S.8). Die Probleme, die aus dieser Lebens- und Produktionsweise entstehen, werden immer offensichtlicher: wachsende soziale Ungleichheit, die globale Klimakrise, sich wiederholende Finanz- und Wirtschaftskrisen. Dennoch breitet sich die imperiale Lebensweise, ausgehend vom sogenannten Globalen Norden, immer weiter in andere Teile der Welt aus. Das I.L.A. Kollektiv erklärt diesen scheinbaren Widerspruch: „Denn die imperiale Lebensweise gilt als die Norm: Tief sitzende Vorstellungen und Orientierungen von dem, was erstrebenswert ist (zum Beispiel ›Wachstum‹ als persönliches und wirtschaftspolitisches Ziel), physisch-materielle Infrastrukturen (Autobahnen oder Kohlekraftwerke) und politische Institutionen (Europäische Zentralbank, Weltwährungsfonds oder Freihandelsabkommen) stützen sie“ (S.8).
Schnell, billig und imperial.
Am Beispiel Mobilität zeigen die Autor*innen den Einfluss der imperialen Lebensweise auf. Mit Mobilität ist „die Bewegung von Lebewesen, Gütern oder Informationen in Raum und Zeit“ (S.77) gemeint. Transport werde immer schneller, leichter zugänglich und billiger. Das zeige sich beispielsweise daran, dass Transportkosten beim Endpreis eines Produktes nur einen minimalen Anteil ausmachen würden. Billigfluglinien, die in den letzten Jahren weltweit geboomt haben, würden viel staatliche Unterstützung erhalten. Die negativen Auswirkungen davon treffen jedoch diejenigen, die nicht von billigen (Textil)Produkten oder Billigflügen profitieren können. Hierin manifestiere sich die imperiale Lebensweise: „Das vorherrschende Mobilitätssystem ist höchst exklusiv und imperial: Es beruht darauf, dass diejenigen, die sich schnell fortbewegen oder stets auf Überseeprodukte zugreifen, dies auf Kosten anderer tun. Auf Kosten der Biosphäre, einkommensschwacher, jüngerer oder älterer Verkehrsteilnehmer*innen, zukünftiger Generationen und derjenigen im Globalen Süden, die schon jetzt die dadurch verursachten Klimafolgen zu spüren bekommen“ (S.78). Um diese Form der imperialen Mobilität zu überwinden, brauche es nicht nur eine Veränderung auf institutioneller Ebene, es müsse auch ein generelles Umdenken stattfinden. Die Autor*innen halten fest: „Letztendlich muss erreicht werden, dass die individuelle, motorisierte Mobilität und der stete Zugriff auf Waren von überall nicht mehr die gesellschaftliche Norm sind“ (S. 86).
Ein erster Schritt in Richtung Veränderung.
Den Autor*innen ist es gelungen, das Konzept und die Mechanismen hinter der imperialen Lebensweise sowie ihr konkretes Wirken verständlich darzustellen. Mit Hilfe von Infographiken, anschaulichen Beispielen und einem ausführlichen Glossar wird die komplexe Idee der imperialen Lebensweise schlüssig und einfach zugänglich gemacht. Besonders hilfreich sind die Infoboxen, die – ergänzend zum Text – abstrakte Theorien und komplexe Problemstellungen kurz und prägnant erklären. So wird ein wissenschaftliches (Nischen)Thema auch für Menschen ohne einschlägiges Vorwissen verständlich gemacht.
Durch das Aufzeigen und Erklären von globalen Zusammenhängen und der Wirkungsweise der imperialen Lebensweise sollen die Leser*innen des Dossiers für das Thema sensibilisiert werden. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass auch eine nachhaltige Lebensweise nicht für alle möglich ist, die nicht über die notwendigen Ressourcen oder den Zugang zu Informationen verfügen. Ziel sollte es nicht sein, die Verantwortung auf die Endverbraucher*innen abzuwälzen, sondern strukturelle und systematische Veränderungen auf politischer Ebene zu erreichen.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Zur Website des Buchprojekts „Auf Kosten Anderer?“
Rezension des zweiten I.L.A. Werks „Das Gute Leben für Alle. Wege in die solidarische Lebensweise.“
Mitmachen? – Website des I.L.A. Kollektivs