„Die Wirkkraft Paulo Freires kam aus dem Jetzt“

Die Autorin sprach mit einer Reihe von Personen aus dem Bildungsbereich
über deren Beziehung zu Paulo Freire und seinem Werk. Das erste
Gespräch führte sie mit der Geographin Ulli Vilsmaier.

"Es besitzt Wirkkraft, wenn wir uns aus dem personalen Vollzug heraus verhalten und nicht zu Beginn festlegen, was wir wollen… wenn wir uns einem Tun öffnen, das nicht hinstrebt auf etwas; es ist im Hier und Jetzt stark. Paulo Freire lehrt uns die Wirkkraft des Vollzuges – die Wirkkraft Paulo Freires kam aus dem Jetzt."

Ulli Vilsmaier ist Geographin und arbeitet als Assistentin an der Universität Salzburg. Dies ist für sie nicht Beruf, sondern eine Berufung. Bereits in der frühen Jugend wurde ihr entwicklungspolitisches Interesse geweckt zum einen durch Lektüre wie Galeanos "Die offenen Adern Lateinamerikas", zum anderen durch die stille Förderung eines Geographieprofessors während der Gymnasialzeit, der es sehr gut verstand, mit den Ansätzen Paulo Freires pädagogisch/didaktisch umzugehen. Das historisch bedingte Ungleichgewicht in Lateinamerika wurde für sie während des Geographiestudiums und darüber hinaus zu einem zentralen Arbeitsfeld.

Praxis und Wissenschaft

Die Pädagogik Freires wurde von Ulli Vilsmaier erstmals bewusst bei einem Lehrforschungsprojekt eingesetzt. Dabei ging es um eine Synthese in der österreichischen Kulturlandschaftsförderung – eine transdisziplinäre Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis. Beteiligt waren dabei die Universität Salzburg, die Universität für Bodenkultur in Wien und die Region Oberpinzgau. Möglichkeiten künftiger Entwicklung des Oberpinzgaus sollten erforscht werden. Innerhalb des Projektes wurden die verschiedenen Wissensdimensionen der Beteiligten berücksichtigt. Methoden der Wissensintegration wurden angewandt, die Thesen Paulo Freires eingeflochten. Die Frage nach den Subjekten und Objekten der Unterdrückung wurde vom Kontext Freires losgelöst betrachtet und auf verschiedene Realitäten bezogen:

"Es ging um die Frage des Selbstverständnisses der WissenschaftlerInnen und/oder der PlanerInnen sowie der Auszubildenden zum einen und um die Situation jener, die beplant, beforscht werden und sich in Planungs- und Forschungsprozessen häufig in einer objektartigen Situation befinden zum anderen; Ziel war es, im Sinne transdisziplinären Forschens allen Beteiligten zu ermöglichen, als Subjekte mitzuwirken."

León und Salzburg

Ein weiteres Projekt, das Ulli Vilsmaier betreut und das sie immer wieder mit Ansätzen Paulo Freires verknüpft, ist die Städte- und Universitätspartnerschaft Salzburg/León (Nicaragua). Der StudentInnenaustausch sei schwer im Gleichgewicht zu halten wegen der sprachlichen Barriere, finanzieller Umstände und unterschiedlicher Bildungsansprüche. Die KollegInnen in Nicaragua seien sehr interessiert am Kontakt mit Österreich. Sie hofften auf Hilfe von außen durch die Partnerschaft.

Es könne bei der Begegnung mit den KollegInnen in León auch zu einer Form von SchülerIn-LehrerIn-Verhältnis kommen. Jedoch bleibe die SchülerInnen-Rolle viel zu oft den KollegInnen aus León vorbehalten. Die KollegInnen aus Salzburg fänden sich meist in der Rolle wieder, zu wissen, wo es langgehe. Die Erwartungshaltung seitens León, von Österreich lernen zu können und Österreich als Vorbild zu betrachten, sei sehr groß.

Ein Ansatz, dieser Rollenverteilung entgegenzuwirken, ist für Ulli Vilsmaier, das Problem direkt und ganz bewusst gemeinsam zu besprechen und beide Seiten zu fragen, welche Möglichkeiten im konkreten Fall bestünden, eine solche Situation zu überwinden. Sobald die eigene Rolle in dem LehrerIn-SchülerIn-Verhältnis wahrgenommen werde, könnten die bestehenden Rollenbilder aufgebrochen werden.

Lernende und Lehrerin

Die Verknüpfung mit Paulo Freire innerhalb der Städtepartnerschaft findet auch in Form von Workshops mit LehramtstudentInnen in Österreich statt, in denen Texte von Freire genauer studiert werden. In derartigen Lehrveranstaltungen arbeitet Ulli Vilsmaier auf einer sehr persönlichen Ebene.

Es finde keine Trennung der intellektuellen Ebene und der Vollzugsebene statt: "Die Bewegtheit, die im Vollzug ausgelöst wird, muss erfahren werden!" Trotzdem bestehe die Bindung an ein klassisches LehrerIn/SchülerIn-Verhalten. Der/die LehrerIn habe eine gewisse Erwartungshaltung wie auch die StudentInnen. Umso wichtiger ist es für Ulli Vilsmaier, in diesen sehr starren Erwartungsmustern als LehrerIn die eigene Rolle permanent zu reflektieren.

Erst durch die Reflexion könne es der/die LehrerIn schaffen, die Erwartungsmuster zu durchbrechen, um mit den StudentInnen neue Ebenen des Lernens zu erschließen.

Ulli Vilsmaier beschreibt, dass dieser persönliche Zugang vorerst befremdend und irritierend auf die StudentInnen wirke sei der/die StudentIn doch meist in universitärem Rahmen nicht aufgefordert, persönliches Empfinden zu einem Thema zu äußern. Mit der Zeit komme jedoch Neugierde und Interesse für diese Begegnungsform auf.

Ein zufrieden stellender Zustand sei erst erreicht, wenn eine gewisse Form von Irritation bereits passiert sei. Die Überwindung der Enttäuschung über sich selbst sei notwendig, um sich über diese Entwicklung freuen zu können, denn die Irritation könne auch sehr hart auf die eigenen Grundsätze zielen.

Subjekte und Objekte der Unterdrückung

Die Rolle der Unterdrückten und der UnterdrückerInnen in Österreich sieht Ulli Vilsmaier in unendlichen Kombinationen von der privaten Dimension innerhalb einer Partnerschaft bis hin zu Forschungskontexten.

Ulli Vilsmaier stellt die Begrifflichkeit der Unterdrückung in engen Bezug zu den Gesetzen des Inneren, die im äußeren Tun Ausdruck finden. Unterdrückung passiert, wenn auf die Gesetze des Inneren und Äußeren keine Rücksicht genommen wird:

"Wenn man für sich erkannt hat, dass die Gesetze des Inneren gleich sind, wie die Gesetze des Äußeren dann ist die Aufmerksamkeit mehr auf eine innere Bewegung, den stillen Gedanken gelegt. Wenn sich die Konzentration auf das Innere verlegt hat, ist nicht mehr wichtig, wie sich das Äußere verändern sollte. Ohne die Gesetze des Inneren zu beachten, wird es äußerlich zu keinen nachhaltigen Veränderungen kommen."

Die Autorin ist ipsum-Aktivistin und Studentin der Internationalen Entwicklung.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.