Kurze Geschichte des Wiener öffentlichen Bibliothekswesens (I)

In einer dreiteiligen Serie erzählt der Autor die Geschichte des öffentlichen Bibliothekswesens in Wien. Teil I: Die Ursprünge.
Die Industrialisierung und der Aufstieg des liberalen Bürgertums führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Bedeutungsanstieg von Wissen und Bildung. Die gleichzeitig sich verschärfenden sozialen Gegensätze stellten die Frage der Demokratisierung des Zugangs zu den Wissensgütern auf die politische Tagesordnung. Dem Kampf gegen die Illiterarität kam dabei zentrale Bedeutung zu. Nicht nur der Ausweg aus der politischen Unmündigkeit und das Erkennen der eigenen Lage in der Gesellschaft sollte das Bewusstsein schärfen; die Verbesserung des Bildungsniveaus förderte auch die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Auf dem Gebiet der Volksbildung trafen sich daher die Interessen von junger Arbeiterbewegung und liberalem Bürgertum.

Volksbildungsvereine als erste Bibliotheksträger

Bibliotheksarbeit in kommunaler Trägerschaft kann in Österreich auf keine lange Tradition zurückblicken. In angelsächsischen und skandinavischen Ländern, aber auch in einzelnen deutschen Großstädten, bestimmten bereits an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Public Libraries und Lesehallen das Bild der Literaturversorgung der breiten Massen der Bevölkerung. Hierzulande liegen die Wurzeln der öffentlichen Büchereien in der Volksbildungsbewegung, die in Vereinen organisiert war.

Der 1887 gegründete Wiener Volksbildungsverein schuf bis 1914 ein Büchereisystem mit 27 Zweigstellen, die jährlich zwei Millionen Entlehnungen erzielten. Der Verein betrieb auch Garnisonsbibliotheken, Gefangenenhausbibliotheken, Krankenhausbüchereien, Lehrlingsbüchereien und eine Lesehalle im berühmten Volksheim Ottakring. 1897 gründete Eduard Reyer mit dem Verein Zentralbibliothek den Träger eines bedeutenden und richtungsweisenden Büchereisystems. Neben der Zentrale unterhielt der Verein 1911 bereits 24 Filialbibliotheken und erreichte eine Entlehnung von 3,5 Millionen Büchern. Die Einhebung von Gebühren ermöglichte die Beschäftigung angestellter BibliothekarInnen und brachte erste Ansätze einer Professionalisierung von Büchereiarbeit. Der Verein Zentralbibliothek wurde wegen seines wissenschaftlichen Buchbestandes geschätzt und führte ein Ringleihsystem ein, das im Verbund mit den Bibliotheken der Wiener Handels- und Gewerbekammer und des Juridisch-Politischen Lesevereins auch deren Bestände den BenützerInnen der Zentralbibliothek zur Verfügung stellte. Der Wiener Volksbildungsverein und der Verein Zentralbibliothek waren Vertreter der "neutralen" Volksbildung, nach deren Auffassung Wissenschaft und Bildung als neutrale Werte fungierten, die der Gesellschaftsentwicklung zugute kommen würden.
Als Reaktion auf die aufklärerischen Volksbildungsbestrebungen wurden von christlich-sozialer und konfessioneller Seite 1899 die Volkslesehalle und 1909 der Katholische Bibliotheks- und Leseverein gegründet. Deren Bestrebungen galten vor allem der Verbreitung volkstümlicher Literatur und der Stärkung katholischer Glaubens- und Sittenlehre. In Frontstellung gegen die "neutrale" Volksbildung wurde in einem Büchereileiterkurs die Ansicht propagiert, dass gute Volksbildungsarbeit nur auf den Grundlagen der Weltanschauung geleistet werden könne.

Sozialdemokratisches Arbeiterbüchereiwesen

Bildung nahm von Beginn an einen wichtigen Stellenwert in der Arbeiterbewegung ein, die ersten Arbeiterorganisationen organisierten sich in Form von Bildungsvereinen. Das ging mit einer hohen Wertschätzung des Buches einher und vielerorts wurden von Partei- und Gewerkschaftsorganisationen Bibliotheken ins Leben gerufen. Das Anwachsen der Sozialdemokratie zu einer Massenbewegung und der große Wahlerfolg nach der Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechtes erforderten eine Intensivierung der Bildungsarbeit. Dazu wurde 1908 die Zentralstelle für das Bildungswesen mit Robert Danneberg als Sekretär geschaffen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Vielzahl der Partei- und Gewerkschaftsbibliotheken gelegt, die reorganisiert und für deren Arbeit qualitative Standards und einheitliche Richtlinien durchgesetzt wurden. Es wurde eine eigene Bibliothekskommission eingerichtet: Leiter war Josef Luitpold Stern, der ein Handbuch für Arbeiterbibliothekare verfasste.

Dadurch wurde eine Aufwärtsentwicklung der Arbeiterbüchereien eingeleitet, die während der Ersten Republik ihren Höhepunkt erreichen sollte. Vor allem in den neu errichteten Gemeindebauten entstanden in architektonisch ansprechenden Lokalen attraktive Arbeiterbüchereien, die sich großen Zuspruches erfreuten. Daneben existierten auch Arbeiterkinderbüchereien. In den in der Arbeiterbildungskonferenz 1928 beschlossenen Richtlinien proletarischer Büchereipolitik wurde das Buch als wesentliches Mittel der Arbeiterbildung anerkannt. Etwas mehr als tausend BibliothekarInnen arbeiteten unentgeltlich und betrachteten ihre Tätigkeit als Teil des politischen Engagements. 1932 wurden in über 60 Arbeiterbüchereien 2,36 Millionen Entlehnungen gezählt. Die Arbeiterkulturbewegung konnte so durch Unterstützung der Kommunalpolitik des "Roten Wiens" ein Bibliothekswesen aufbauen, das auch international Beachtung fand. Die gewaltsame Unterdrückung der Arbeiterbewegung nach dem Februar 1934 setzte diesen Bestrebungen und damit auch dem Arbeiterbüchereiwesen ein jähes Ende.

Lesen Sie in Teil II: Austrofaschismus und deutscher Faschismus

Der Autor ist Bibliothekar der Büchereien Wien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.