Bildungspolitik und ihr gegenhegemoniales Potenzial in Venezuela unter Hugo Chavez thematisierte Margarita Langthaler von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) in der Ringvorlesung „Bildung und ungleiche Entwicklung“ an der Universität Wien am 26.11.2018.
Der „bolivarianische Prozess“, initiiert durch den damaligen Präsidenten Hugo Chavez, versprach eine Umgestaltung der Gesellschaft mit dem Anspruch demokratisch, partizipativ und solidarisch zu sein. Die Vortragende begann mit einem kurzen Abriss der politischen und gesellschaftlichen Hintergründe des bolivarianischen Prozesses und ging dann auf Bildungspolitik ein. Sie rückte die mögliche Förderung emanzipatorische Handelns durch Strukturänderungen durch Bildungspolitik in den Mittelpunkt.
Der bolivarianische Prozess.
Der Prozess wurde von der Vortragenden Margarita Langthaler in drei Phasen vorgestellt. Die erste Phase (1998 – 2005) sah eine moderate Umverteilungspolitik seitens des Präsidenten vor. Daraufhin versuchte die Opposition, Präsident Chavez 2002 zu stürzen. Die Zivilbevölkerung hingegen stand zum Großteil hinter Hugo Chavez.
Die zweite Phase begann im Jahr 2005, als Chavez verkündete, Venezuela in den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ führen zu wollen, eine partizipative Demokratie und Wirtschaftspolitik miteingeschlossen. Die Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV), ein Zusammenschluss mehrerer Chavez-Anhängerparteien, sollte Chavez den Einfluss auf die Basis der Parteienstrukturen einbringen. Die Selbstvertretungsräten (Consejos Comunales) erhielten mehr Gelder und Kompetenzen. Diese repräsentierten die einzelnen Gemeinden und sollten als Basis einer neuen weniger korruptionsanfälligen Verwaltungsstruktur dienen.
Ab dem Jahr 2009, der dritten Phase des bolivarianischen Prozesses, führte die weltweite Finanzkrise zum Fall des Erdölpreises in Venezuela. Eine neue Oligarchenschicht etablierte sich in Venezuela, die „Boliburguesía“. Nach dem Tod Chavez‘ im Jahr 2013 gelang es der Opposition, die Parlamentswahlen 2015 zu gewinnen. Im weiteren Verlauf ging die Vortragende auf die während des bolivarianischen Prozesses etablierte Bildungspolitik Venezuelas ein.
Bildung für Alle.
In den 1990er Jahren waren die Beteiligungsraten sehr niedrig, vor allem bei der ärmeren Bevölkerung und die Bildungsqualität war mangelhaft. Hinzu kam, dass der Bildungssektor immer mehr privatisiert wurde und auch öffentliche Universitäten wurden nach und nach zu Eliteuniversitäten umgewandelt und verloren somit ihr herrschaftskritisches Potenzial. Die Bildungspolitik wurde in drei Ebenen aufgegliedert: ein formales und non-formales Schulsystem, sowie höhere Bildung.
Im formalen Schulsystem wurde versucht, die Bildungsbeteiligung der Kinder zu erhöhen, indem Ganztagsschulen eingeführt, verstärkt mit Gemeinden zusammengearbeitet und Schulgebühren abgeschafft wurden. Eine konstruktivistische Pädagogik sollte hierbei ausgehend von der Lebensrealität der Kinder etabliert werden. Im non-formalen Schulsystem wurden die sogenannten Misiones eingeführt, welche teilweise durch das kubanische Alphabetisierungsprogram ¡Yo, Sí Puedo! (dt.: Ja, ich kann!) inspiriert waren. Die Misiones umfassten Alphabetisierung und Grundschule, Sekundarabschluss, Hochschule und berufliche Bildung, sowie die Gründung von Kooperativen. In der höheren Bildung wurde 2003 die Universidad Bolivariana de Venezuela (dt.: Bolivarianische Universität Venezuelas) gegründet. Die Abschlüsse waren zwar offiziell gleichgestellt mit denen des formalen Schulsystems, jedoch gab es inoffiziell erschwerten Zugang zu machen Institutionen und eine geringe Wertschätzung der Abschlüsse am Arbeitsmarkt.
Erfolge und Herausforderungen des neuen Bildungssystems.
Die neue Bildungspolitik habe positive wie auch negative Auswirkungen, so Langthaler. Das bolivarianische Bildungssystem habe zu einer Ermächtigung der Unterschichten geführt, konnte jedoch nicht die Sozialstruktur an sich transformieren. Der Fokus des Lehrinhalts verschob sich vom Fokus auf die individuelle Leistung hin zur Frage der sozialen Relevanz. Außerdem wurde die Bildungsbeteiligung ausgeweitet. Darüber hinaus entstanden eine neue Struktur der Selbstverwaltung (consejos comunales) und kontinuierliche Aushandlungsprozesse zwischen Staat und Gemeinden.
Die Kehrseite des Programmes war jedoch, dass die hierarchische institutionelle Fragmentierung der Unterschichten nicht überwunden und sogar verstärkt wurde. Trotz der Bildungsreformen herrschte weiterhin eine ungebrochene Nachfrage an Privatschulen und der eingeschränkte Wert von bolivarianischen Abschlüssen am Arbeitsmarkt führte zu einer Reproduktion der Ungleichheiten. Hinzu kam, dass weiterhin Korruption die Handlungsfähigkeit der bolivarianischen Akteur*innen einschränkte.
Langthalers Fazit verdeutlicht, dass zwar eine Ermächtigung der Unterschichten geglückt ist, jedoch Ungleichheiten im sozialen und im Bildungssektor gleichzeitig reproduziert wurden. Durch Bildungspolitik eine neue politische und kulturelle Hegemonie durchzusetzen scheiterte wegen weiterhin parallel bestehender Bildungsinstitutionen.
Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at