Kurze Geschichte des Wiener öffentlichen Bibliothekswesens (III)

In einer dreiteiligen Serie erzählt der Autor die Geschichte des öffentlichen Bibliothekswesens in Wien. Teil III: Die Zweite Republik.
1945 boten die Städtischen Büchereien ein desolates Bild. Vom dichten Netz der Arbeiterbüchereien war nur ein Drittel übriggeblieben: Zum Zeitpunkt der Befreiung waren 23 Zweigstellen in Betrieb. Nun waren die Städtischen Büchereien erstmals Teil einer demokratischen Stadtverwaltung geworden. Durch den Verzicht der Sozialdemokratie auf Rückgabe der Arbeiterbüchereien konnte die Kommunalisierung beibehalten werden, die Büchereien wurden vom Kulturamt verwaltet. Auf den Buchbestand hatten die Säuberungsaktionen zweier Diktaturen verheerende Auswirkungen gehabt, ein Teil des Buchbestandes war unbrauchbar geworden. Buchbeschaffung und Instandsetzung von Zweigstellen zählten damit zu den vordringlichsten Aufgaben der unmittelbaren Nachkriegsjahre.

Seit den 1950er Jahren wurden in neu errichteten Gemeindebauten auch Büchereien eingeplant. Später entstanden in Volksheimen und Häusern der Begegnung weitere Zweigstellen. Die Dichte des Netzes führte zu einem hohen Maß an Nahversorgung und konnte mit der Zahl der Zweigstellen wieder an das Arbeiterbüchereiwesen anknüpfen. Dagegen war es erst spät (1970) zur Errichtung der Hauptbücherei mit einer angeschlossenen Musikbücherei gekommen. In der Zweiten Republik wurde auch auf einen gleichmäßigen Ausbau der Kinder- und Jugendbibliotheken geachtet, sodass seit den 1950er Jahren alle Zweigstellen mit einer eigenen Abteilung für Kinder und Jugendliche ausgestattet waren.

Ein besonderes Spezifikum der Leitungsperiode von Rudolf Müller (1950-1970) war die als praktische Literaturförderung gedachte Beschäftigung von AutorInnen als BibliothekarInnen. Unter den schreibenden MitarbeiterInnen waren neben anderen Christine Busta, Rudolf Felmayer, Gerhard Fritsch, Karl Anton Maly, Walter Buchebner, Franz Hiesel, Wilhelm Meissel, Eva Loewenthal, Herbert Wadsack, Margret Neuhauser-Körber, Paula Weinhengst, Richard Kovacevic tätig, die auf diese Weise ihr literarisches Schaffen mit einem Brotberuf absichern konnten. Ein weiteres Charakteristikum des Wiener Büchereisystems war das lange Festhalten am sogenannten Theken-Ausleihsystem, in dem die LeserInnen keine selbständige Buchauswahl am Regal treffen konnten. Diese Form entsprach Vorstellungen einer Lesepädagogik, die in der praktischen Handhabung für die BenutzerInnen nicht nur unattraktiv war, sondern auch als bevormundend empfunden wurde. Mit der Durchsetzung der Freihandausleihe verschwand der Charakter einer Erziehungseinrichtung – heute ist der Status der Büchereien als Servicestelle, in der die Bedürfnisse der LeserInnen im Vordergrund stehen, unbestritten.

Bücherbus der Gemeinde Wien

Auf einigen Gebieten betraten die Städtischen Büchereien Neuland. So werden seit Ende der 1950er Jahre Stadtrandgebiete und Siedlungsgebiete ohne Zweigstellen durch Bücherbusse versorgt. Mit der Übernahme von Lehrlingsbüchereien in Berufsschulen wurde eine Sonderform der Büchereiarbeit etabliert und die Einrichtung von Spitalsbüchereien erschloss ein weiteres Feld von Bibliotheksarbeit im sozialen Bereich. Allerdings zog sich im Jahr 2003 die Stadt Wien aus der Trägerschaft der Spitals- und Lehrlingsbüchereien wieder zurück. Seit 1982 können gehbehinderte Menschen durch einen Hausbesuchsdienst mit Büchern versorgt werden. Im Rahmen einer Reform der Geschäftsgruppeneinteilung des Wiener Magistrates wurden die Städtischen Büchereien 1979 aus dem Kulturamt ausgegliedert und in die neu geschaffene Magistratsabteilung 13 (Bildung und außerschulische Jugendbetreuung) integriert.

Während der Leitungszeit von Franz Pascher (1976-1998) wurde der Servicecharakter weiter verstärkt. Neue Medien fanden Eingang in den Bestand und die Bibliotheksarbeit wurde nunmehr durch EDV-Systeme unterstützt. Ebenso verschärften die Büchereien ihr Profil als Kultureinrichtung und etablierten sich als lokale Zentren einer regen Veranstaltungstätigkeit. Zur Jahrtausendwende konnten sich die Büchereien Wien unter der Leitung von Alfred Pfoser (ab 1998) als vollends vernetzte Einrichtung präsentieren. Die BenutzerInnen können nunmehr von zu Hause via Internet auf den elektronischen Katalog zugreifen, um Medienbestellungen und -verlängerungen zu tätigen. Ebenso bieten die Büchereien Wien kostenlose Internetzugänge in Form von Publikum-Workstations an. Attraktive Neubauten und anspruchsvolle Renovierungen erhöhen die Effizienz des Büchereisystems, das im Jahr 2005 mit einem Bestand von 1,59 Millionen Medien in 42 Zweigstellen eine Quote von 5,607 Millionen Entlehnungen durch 129928 LeserInnen erzielte. Nachdem die Hauptbücherei bereits während der 1980er Jahre an ihre räumlichen Grenzen gestoßen war, wurde mit der Errichtung der neuen Hauptbibliothek Am Gürtel (Urban Loritz-Platz) ein zukunftsweisender Meilenstein urbaner Bibliotheksentwicklung gesetzt.


Die Serie erschien ursprünglich (als ein Beitrag) auf https://www.buechereien.wien.at.

Der Autor ist Bibliothekar der Büchereien Wien.

Literatur

Exenberger, Herbert: Die Arbeiterbüchereien der Stadt Wien nach dem März 1938. In: Wien 1938. Hg. von Felix Czeike. Wien, 1978. S.237ff. (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, Bd.2)

Exenberger, Herbert: Die Wiener Arbeiterbüchereien. Ihre Geschichte und ihre kulturellen Leistungen im Dienste der Wiener Volksbildung. Wien, 1968. (Volksbildungspreis 1968)

Gruber, Heimo: Bücher aus dem Schutt. Die Wiener Städtischen Büchereien 1945-1950. Wien, 1987.

Nötsch, Birgit: Eduard Reyer und die Anfänge des Vereins Zentralbibliothek. Wien, 1989. (Hausarbeit Städtische Büchereien)

Pfoser, Alfred: Die Leipziger Radikalkur. Die Wiener Städtischen Büchereien im Nationalsozialismus.In: Bibliotheken während des Nationalsozialismus. Teil II. Hg. von Peter Vodosek und Manfred Komorowski. Wiesbaden, 1992, S. 91ff.

Pfoser, Alfred: Literatur und Austromarxismus. Wien, 1980.

Pfoser, Alfred: Die Wiener Städtischen Büchereien. Zur Bibliothekskultur in Österreich. Wien, 1994.

Pfoser, Alfred: Die Wiener Städtischen Büchereien im Nationalsozialismus.In: Bibliotheken während des Nationalsozialismus. Teil I. Hg. von Peter Vodosek und Manfred Komorski. Wiesbaden, 1989, S. 273ff.

Steinlechner, Karin: Abschnürung und Weltoffenheit. Der Aufbau des Buchbestandes der Wiener Städtischen Büchereien nach 1945. In: Zur Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken in Österreich. Hrsg. von Alfred Pfoser und Peter Vodosek. Wien, 1995, S. 118ff. (BVÖ-Materialien 2)

Stickler, Michael: Die Volksbüchereibewegung in Österreich. In: Die Bibliotheken Österreichs in Vergangenheit und Gegenwart. Wiesbaden, 1980, S. 157ff. (Elemente des Buch- und Bibliothekswesens, Bd.7)

Stifter, Christian: "Library work is not philantropy". Zur historischen Rolle der Volksbüchereien im Kontext der Volksbildung des 19. und 20.Jahrhunderts. In: Zur Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken in Österreich. Hg. von Alfred Pfoser und Peter Vodosek. Wien, 1995, S. 70ff. (BVÖ-Materialien 2)

Die verbrannten Bücher 10.5.1933. Redaktion: Alfred Pfoser und Friedrich Stadler. Wien, 1983. (Schriftenreihe des Instituts für Wissenschaft und Kunst, Nr.3)

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.