In welchem Verhältnis stehen Bildung und Religion zu einander? Gerald Faschingeder referierte am 29. Oktober 2018 im Rahmen der Ringvorlesung „Bildung und ungleiche Entwicklung: Globale Konvergenzen & Divergenzen in der Bildungswelt“ über die Zusammenhänge zwischen Religion, Bildung und Entwicklung.
Der Titel „Die Geburt der Bildung aus den Religionen“ stelle dabei Faschingeders These dar: Bildung sei das Kontinuum von Orten religiöser Unterweisung. Gleichzeitig sei für die Entwicklung moderner Bildungsinstitutionen auch ein Bruch mit der religiösen Patronanz notwendig.
Ist Religion nun gut oder böse?
Fördert Religion produktive Entwicklungsprozesse, indem sie religiöse Bildungssysteme unterhält und Zugang zu Bildung ermöglicht? Oder verhindert Religion Entwicklungsprozesse, indem sie partikulare Gruppen bevorzugt und sowohl Religion wie auch Bildung zur Sicherung der eigenen Gesellschaftsinteressen nutzt? Diese beiden konträren Fragestellungen würden die Debatte ob des Charakters von Religion bestimmen. Hier bedarf es laut Faschingeder allerdings einer differenzierteren Betrachtung. Beide Konzepte, sowohl Bildung als auch Religion, haben einen Doppelcharakter: Bildung diene sowohl der Anpassung im Sinne einer Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse als auch der Emanzipation von gesellschaftlichen Verhältnissen. Religion diene einerseits der Absicherung der Hegemonie der herrschenden Klasse; sie könne aber auch Motor für Entwicklungsprozesse sein und Machtasymmetrien herausfordern.
Die Problematik der Vorannahmen.
Gängigen Vorurteilen, wie dass Jüd*innen gut gebildet seien, Frauen im Islam von Bildung ausgeschlossen würden oder muslimische Eltern mehr Kinder bekommen würden als andere, widersprach Faschingeder mit Verweis auf zwei Studien, denn diese Vorannahmen bedürften einer differenzierten Betrachtung. Nicht “Muslime”, sondern “Religiöse“ seien zum Beispiel durchschnittlich kinderreicher als nicht Religiöse Menschen. Der Kritik, Religion sei das Opium des Volkes – ein illusorisches Glück, das es aufzuheben gilt, um wirkliches Glück erfahren zu können (vgl. Marx/Feuerbach) – stehe Paulo Freire’s Christlicher Humanismus entgegen. Freire versteht befreiende Pädagogik nicht im Gegensatz zu Religion oder als Befreiung von Religion, sondern als kompatibel mit einer kritischen Form von Religion.
Auch die verbreitete Annahme, dass staatliche Schulen, im Gegensatz zu privaten Schulen, den Zugang zu Bildung für alle ermöglichen, stellte Faschingeder in Frage. Indem sie Bildung für unterprivilegierte Gruppen zur Verfügung stellen, füllen private (religiöse) Schulen laut UNESCO vor allem dort eine Lücke, wo es an staatlichen Bildungsinstitutionen mangelt.
Die Geburt der Bildung aus dem Geist der Religion.
Wie Bildung konzipiert wird, sei laut Faschingeder vor allem historisch und gesellschaftlich bedingt. Während im Mittelalter unter Meister Eckhart der Mensch als Ab-Bild Gottes „gebildet“ wurde – sich also nicht selbst „bildete“ – war Bildung während der Aufklärung und mit der Emanzipation des „Bildungsbürgertums“ zunehmend ein Instrument der sozialen Allokation und Abgrenzung. Das Humboldtsche Bildungsideal wiederum betonte den ganzheitlichen Charakter der Bildung: indem sie Persönlichkeitsentfaltung ermögliche und selbstbestimmte, autonome Individuen hervorbringe, wurde Bildung mit Entwicklung gleichgesetzt.
Universitäten in Europa als islamischer „Import“.
Die Erfindung der Schrift als dauerhafte Trägerin der „ewigen Wahrheiten“ sowie die Verwendung von Schrift und Druckpresse hatten bedeutenden Einfluss auf Entwicklungsprozesse. Ob die religiösen Texte vervielfältigt werden durften oder nicht, konnte sich dabei als religiöses Kapital oder als religiöse Hypothek herausstellen. Auch heute sei der Einfluss von Religion auf Bildung und Entwicklung noch aktuell. Die Universitäten in Europa seien sozusagen ein islamischer „Import“: Viele Elemente, wie akademische Ornate, gingen auf die islamischen Madrasen zurück. Auch die Universität Wien spiele mit ihren Werbesujets („The Sky is not the limit. Since 1365.“ dt.: Der Himmel ist nicht die Grenze. Seit 1365.) stark mit dem transzendenten Charakter von Bildung.
Die Christliche Mission als Alphabetisierungs-Akteurin sowie die Einrichtung von religiösen Bildungsstätten in (ehemals) kolonisierten Regionen ermögliche indigenen Völkern Zugang zu Bildung und Emanzipation von der Mehrheitsgesellschaft. Auf der anderen Seite werde Missionierungsarbeit als Disziplinierungsinstrument, als Mittel zur Entfremdung von der eigenen Kultur über die „fremde Sprache“, instrumentalisiert.
Islamische Bildungsstätten als Brutstätten des Terrors?
Faschingeder beendete seinen Vortrag mit der aktuell sehr prominenten religiösen Bildungsdebatte: Werden Schüler*innen in islamischen Bildungsstätten radikalisiert und sollten diese Orte deshalb verboten werden? Madrasen sind gratis und ermöglichen dadurch Zugang zu Bildung auch für weniger privilegierte Schichten. Dass sie gratis sind, liegt daran, dass sie oftmals von frommen Stiftungen finanziert werden. Und hier liege auch das Problem. In Südindien zum Beispiel dominieren Madrasen, die eine Nähe zum Wahabismus, einer fundamentalistischen Rezeption des Islam, aufweisen, weil diese durch Gelder aus Saudi-Arabien gefördert würden. Doch auch hier bedarf es laut Faschingeder einer differenzierteren Betrachtung, da nicht alle Madrasen streng religiös ausgerichtet seien und die lange Tradition der Madrasen als Schule islamischer Gelehrsamkeit nicht negiert werden dürfe. Der „Terror des Islam“ konnte sich auch durch den Einfluss von westlichen Mächten ausbreiten. Hätten doch die USA im Kampf gegen die sowjetische Präsenz in Afghanistan gezielt die Bewaffnung, Ausbildung und Finanzierung islamistischer afghanischer Widerstandskämpfer gefördert.
Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung „Bildung und ungleiche Entwicklung“, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
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