Befreiende Bildung im Theater der Unterdrückten.

Am 21. Juni 2007 wird im Amerlinghaus ein Gesprächsabend zu Augusto Boal, Paulo Freire und aktuellen Lernerfahrungen unter asymmetrischen Verhältnissen stattfinden.Paulo Freire und Augusto Boal waren Weggefährten, die viel gemeinsam hatten. Sie regten einander zu immer neuen Reflexionen über die sozialen Verhältnisse ihrer Gegenwart an und inspirierten einander zu neuen Experimenten. „Educar para transformar“ bilden, um zu verändern, lautet einer der Leitsprüche Freires. Unter das Motto „Playing for Change“ stellt sich auch Jana Sanskriti, eine indische Theaterbewegung, die in der Tradition Boals und Freires steht.

Diese drei Fluchtpunkte werden an diesem Abend zusammengebracht und zusammengedacht: Was haben Freire, Boal und Jana Sanskriti miteinander zu tun? Welches Verständnis von Unterdrückung steht hinter einer „Pädagogik der Unterdrückten“ des 21. Jahrhunderts? Vor welchen Kulissen spielt heute ein „Theater der Unterdrückten“? Haben diese Konzepte heute noch befreiendes Potential? Mit welchen Widersprüchen sind sie konfrontiert?


Paulo Freire

Paulo Freire war ein bedeutender Volksbildner. Seine Alphabetisierungskampagnen in den Slums und mit LandarbeiterInnen in Brasilien in den 1960er Jahren haben die MachthaberInnen aufgeschreckt. Das Militärregime zögerte nicht, Freire zu verhaften und auszuweisen. Aber Freires pädagogische Praxis und sein Bildungsprinzip der „Bewusstseinsbildung“ richteten sich nicht nur gegen Armut und Ausbeutung, sondern forderten und fordern heute noch die traditionellen Bildungssysteme Europas heraus. Seine Erziehung zur Selbstbefreiung will aus dem Lernen an und in der Lebenssituation von Einzelnen die Einheit von Denken und Handeln entwickeln. Bildung wird zum Erkenntnisvorgang und zur Veränderung des eigenen Lebens.

Jana Sanskriti

„Jana Sanskriti“ hat sich beginnend in West Bengalen seit mehr als 20 Jahren in 12 verschiedenen Bundesstaaten dafür eingesetzt, durch Theaterarbeit eine nachhaltige Veränderung von ungerechten Machtverhältnissen zu erreichen. Im Bundeststaat Westbengalen allein ist die Theaterbewegung in über 150 Dörfern aktiv. Das Hauptmedium ihrer Arbeit ist das von Augusto Boal begründete Theater der Unterdrückten, das über die Bühne hinaus den künstlerischen und demokratischen Raum für die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit ihren Problemen bietet.

Es war das erste Mal in der Geschichte Indiens, dass eine Theaterorganisation dieser Reichweite nicht als kultureller Teil einer politischen Partei sonder als BürgerInnenbewegung gegründet wurde. Jana Sanskriti wird in ihrer Arbeit von 50 Bürgerinteressensvertretungsorganisationen unterstützt, sogenannten „mass organisations“ , die die Interessen von über drei Millionen Inderinnen und Inder vertreten.

Programm:

Playing for Change kurze filmische Impressionen aus der Arbeit von Jana Sanskriti in Indien

Augusto Boal, Paulo Freire und die Frage nach der befreienden Bildung. Sanjoy Ganguly und Gerald Faschingeder im Gespräch.



Moderation:
Birgit Fritz, Theater der Unterdrückten – Wien

Sprache: Englisch und Deutsch – Das Gespräch wird in englischer Sprache geführt; Publikumsfragen können übersetzt werden.



Die ReferentInnen


Sanjoy Ganguly ist Indiens wichtigster sozialpolitischer Theatermacher und Begründer eines Theatergruppennetzwerkes, das in mehr als zehn indischen Bundesstaaten tätig ist und über tausend Mitglieder zählt.

Gerald Faschingeder ist Direktor des Paulo Freire Zentrums für transdisziplinäre Entwicklungsforschung und dialogische Bildung, Mitarbeiter des Mattersburger Kreises und Lehrbeauftragter für Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Langjährige Tätigkeit in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit.

Birgit Fritz ist Gründungsmitglied des TdU-Wien, Theaterpädagogin, Lektorin am Institut für Internationale Entwickung, Uni Wien (interkulturelle Kommunikation:Transkulturelle Theaterarbeit). Mitaufbau der Forumtheatergruppe Spielerai von Amnesty International, Mitglied der ARGE-Forumtheater Österreichs und der ITO (international theatre of the oppressed organisation) und Lehrgangsleitung (Methodenlehrgang Theater der Unterdrückten, VHS-Meidling).

Termin: Do., 21. Juni 2007, 20.00 – 21.30 Uhr

Ort: Amerlinghaus, Stiftgasse 8, 1070 Wien; Galerie im 1. Stock

Veranstaltet vom „Theater der Unterdrückten – Wien“ und dem Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.