Am 21. Juni 2007 fand im Amerlinghaus ein Gesprächsabend zu befreiender Bildung im Theater der Unterdrückten und der Arbeit der größten indischen Theaterbewegung „Jana Sanskriti“ statt.
Die Ideen der beiden brasilianischen Weggefährten Augusto Boal und Paulo Freire und deren anhaltende Bedeutung für gesellschaftsverändernde Praxis bildeten den Ausgangpunkt für eine Diskussion zwischen Sanjoy Ganguly, dem heute wichtigsten sozialpolitischen Theatermacher Indiens, und Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums. Moderiert wurde das Gespräch von der Theaterpädagogin Birgit Fritz.
Theater und Politik in Indien
Als Sanjoy Ganguly vor einigen Jahren im Auftrag der Kommunistischen Partei Indiens als, wie er selbst sagt, "romantischer Anhänger" der Ideen Marx durch die Dörfer gezogen sei und mit den Leuten gesprochen habe, sei es den Menschen sehr schwer gefallen, ihre eigenen Anliegen zu artikulieren und sich aktiv an den Diskussionen zu beteiligen. Diese Form der einseitigen Kommunikation, des Monologs, habe ihn die Notwendigkeit erkennen lassen, nach neuen Mitteln zur Förderung eines Dialogs zu suchen, in dem einerseits die ZuseherInnen zu AkteurInnen würden, andererseits alle AkteurInnen in einem Prozess der "kollektiven Aktion" von einander lernen sollten.
Bald sei Ganguly auf die Ideen Boals und dessen Konzept des Theater der Unterdrückten gestoßen, das im Kontext Brasiliens in den 1970er Jahren entwickelt worden war und in dem es gerade darum ging, den ZuseherInnen die Möglichkeit zu geben, selbst als "spectactors" in das Geschehen auf der Bühne einzugreifen, es mitzubestimmen. Die SchauspielerInnen sollten ihrerseits durch den Blick auf das Publikum Einsichten in das eigene Handeln gewinnen.
Alsbald habe Ganguly angefangen, Boals Techniken für seine Arbeit fruchtbar zu machen und die kulturelle Bewegung Jana Sanskriti gegründet, die heute in 12 Bundesstaaten Indiens aktiv sei und als größte Theatergruppe des Landes gelte. Gerade die Aufhebung der Trennung zwischen "Herz und Hirn" und die Möglichkeit einer "Artikulation in beiden Richtungen" würden für ihn, so Ganguly, Boals Herangehensweise so wertvoll machen.
Entwicklungspolitik ohne Politik?
Unter ähnlichen Vorzeichen und doch in einem ganz anderen Kontext stehen Gerald Faschingeders Erfahrungen mit den Ideen Boals und deren Nähe zu den Konzepten des Pädagogen Paulo Freire.
Die erste österreichische Entwicklungstagung 2001 habe zu einer Zeit stattgefunden, in der sich nach tiefgreifenden Veränderungen in der Österreichischen Entwicklungslandschaft ein gewisses Unbehagen unter den in diesem Bereich tätigen Menschen breit gemacht habe. Sie hätten sich als Teil einer Struktur empfunden, die nur mehr wenig Raum für Veränderung und die Austragung damit verbundener Konflikte geboten hätte.




Sanjoy Ganguly bei der Diskussion im Wiener Amerlinghaus, links oben mit Birgit Fritz, rechts unten mit Gerald Faschingeder. (Photos: Sarah Prucha)
Es schien an politischer Phantasie gefehlt zu haben, mit der man der veränderten Situation hätte begegnen können. Angesichts dieser Ernüchterung habe es gegolten, nach alternativen Konzepten zu jenem Monolog zu suchen, der den Entwicklungsdiskurs mehr und mehr zu bestimmen drohte.
Dies, so Faschingeder, bildete den Ausgangspunkt seiner Auseinandersetzung mit Freire und Boal. In deren Sinne Fragen zu stellen, habe den Menschen ermöglichen sollen, ihre eigene Rolle in der Entwicklung wahrzunehmen. Wer spielt eine Rolle in der Welt? Wer sind die Partner für den Dialog? So habe er sich dann auch in seiner Arbeit für das Paulo Freire Zentrum eine Repolitisierung der Entwicklungspolitik zur Aufgabe gemacht. Menschen sollten zu Subjekten ihrer eigenen Geschichte werden und in einem gegenseitigen Prozess über sich selbst und die Welt lernen.
Innere Revolution in äußerlichen Strukturen
Wir Menschen wüssten gewöhnlich nur sehr wenig über uns selbst, meinte Ganguly. Durch die Konstruktion von Beziehungen zu anderen Menschen könnten wir aber zu aktiven ZuseherInnen der eigenen Realität werden. Gerade in der Gegenseitigkeit unserer Beziehungen läge dann die Möglichkeit der Freiheit. Die dabei entstehenden Konflikte, so Ganguly, würden uns auf eine Reise führen, deren Ziel die Befreiung des Selbst, eine "innere Revolution" sein könnte.
Demgegenüber verwies Faschingeder auf die Bedeutung der Strukturen, in die wir Menschen eingebettet seien. Die Befreiung müsse sowohl die Unterdrückten als auch die UnterdrückerInnen betreffen. Dabei könne sich aber niemand gänzlich selbst befreien, sondern müsse in einen Dialog treten. Freires Konzept einer befreienden Bildung, das auch die unterdrückenden Funktionen von Bildung aufzeige, könne hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.
Österreich und die Kultur des Schweigens
Funktionieren die Methoden Freires und Boals auch im österreichischen Kontext? Wie können sie übertragen werden? Gibt es hierzulande überhaupt noch Unterdrückung? Sind die Mechanismen der Unterdrückung zu subtil geworden, um sie freizulegen?
Für Ganguly scheint die Sache klar: die Unterdrückung funktioniert in Europa nicht grundlegend anders als in anderen Teilen der Welt. Zwar seien die Menschen in Österreich durch Individualismus und Demokratisierung in manchen Bereichen etwas unabhängiger als in Indien, trotzdem existierten nach wie vor soziale Klassen, anhand derer sich klare Machtverhältnisse ablesen ließen. Umso verwunderlicher sei es für ihn, dass er auf seinen Reisen durch Europa immer wieder auf jene "Kultur des Schweigens" gestoßen sei, die auch schon Freire im Kontext Brasilien thematisierte.
Auch Gerald Faschingeder beklagte dieses Schweigen und die Fragmentierung der Subjekte, die zwar als KonsumentInnen, nicht aber als politische Subjekte in der Umwandlung ihrer Gesellschaft frei seien. Die in europäischen Gesellschaften oft versteckt wirkende Unterdrückung zeige sich vor allem dann, wenn Menschen – wie etwa im Zuge des G8-Gipfels in Heiligendamm gegen bestehende Strukturen aktiv würden. Hier gelte es anzusetzen und Widersprüche aufzuzeigen, da gerade deren Sichtbarkeit gesellschaftsverändernde Energien freisetzen könne.