„Kultur ist nicht eindeutig“ so könnte eine der größten Schwierigkeiten bei der Frage nach der Rolle von Kultur in Konflikten zusammengefasst werden. Somit wird es auch problematisch, Identität aufgrund einer Nationalität zu definieren. Fortsetzung des Berichtes über den Diskussionsabend in der Kooperativen Mittelschule 18 am 12. März 2008.Kultur- oder Macht-Konflikt?
Ob Konflikte nun als kulturelle oder kulturunabhängige Konflikte gedeutet werden, hänge, meinte Gerald Faschingeder, stark von der Interpretation des Begriffs „Kultur“ ab. Für ihn sei Kultur nicht allein in einem engen Sinn zu verstehen etwa als „Ö1 hören“ und „Burgtheater“ , sondern ebenso als kultureller Habitus, also all das, was Alltagshandlungen prägt. In diesem Begriffsverständnis sei Kultur in hohem Maße „unsichtbar“ und unbewusst, vergleichbar etwa mit der Spitze eines Eisbergs. Oft werde in Konflikten die kulturelle Ebene nicht wahrgenommen, auch deshalb, weil andere Ebenen der Interpretation dominierend werden können. Ökonomische Aspekte drängen sich mitunter ebenso wie politische Motive in den Vordergrund, auch wenn die Form des Konfliktes eine kulturelle sei. Politik, Ökonomie und Kultur seien eng miteinander verzahnt. So können Frustration im Kontakt der Kulturen und Infragestellung der kulturellen Identität auch durch Faktoren wie Arbeitsmarktsituation oder ein fehlendes soziales Netzwerk entstehen.

Publikum im Physiksaal der KMS 18 (Photo: Katharina Auer)
„Nur weil ich Yoga mache, bin ich nicht Inderin“ zur Bedeutung kultureller Identität
Für Göksel Yilmaz stellen seine türkischen Wurzeln kein Hindernis im Zusammentreffen mit österreichischen kulturellen Elementen dar. Andererseits wies er auf die Gefahr eines „Kulturschocks“ hin, der vor allem dann auftreten könne, wenn die Lebensbedingungen im Herkunftsland ganz andere waren. Die Eltern spielen eine wichtige Rolle dabei, wie Kinder mit Kultur umgehen und ob sie sich einer Kultur zugehörig fühlen.
Eine Besucherin der Diskussionsveranstaltung fragte daraufhin, weshalb es eigentlich nötig sei, dass sich Menschen einer Kultur zugehörig fühlten. Für sich selbst sehe sie es so, dass sie aus verschiedenen Kulturen das wähle, was ihr am besten erscheine. So sei es ihr möglich, Yoga zu machen, ohne damit zur Inderin zu werden.
„Kultur ist nicht eindeutig“, meinte Faschingeder dazu, und, dass das „Bewusstsein, dass die eigene Kultur einem/einer selbst nie völlig bewusst sein kann“ ein wichtiger Aspekt in der Frage der kulturellen Zugehörigkeit sei. In der Diskussion mit dem Publikum wurde ein statisches Verständnis von Kultur, das nach einer eindeutigen Antwort auf die Frage „Wohin gehörst denn du?“ verlangt, kritisiert. Im Kontakt der Kulturen entstehen wie im Modell vier neue, hybride Formen von Kultur. So wird es nicht möglich, sich für eine Seite zu entscheiden. Die Notwendigkeit einer eindeutigen Zugehörigkeit werde auch auf Druck von außen gefordert. Faschingeder wies darauf hin, dass historisch betrachtet ein Bedürfnis nach nationalem Bekenntnis nicht selbstverständlich sei. Erst mit dem Entstehen der modernen Nationalstaaten erhielten Militär, Steuersystem und die Schule die Funktion, Menschen so zu formen und zu prägen, dass sie sich als Angehörige ihrer Nation verstehen und bereit sind, nicht nur die eine Staatssprache zu sprechen und Steuer zu zahlen, sondern im Krieg auch für ihre Nation zu sterben. Kultur sei kein unschuldiges Konzept, so Faschingeder.
Kultur als Brille
Im Konflikt zwischen Generationen wird deutlich, dass Kultur sich ständig verändert und laut Faschingeder „wie eine Brille“ ist, durch die man die Dinge betrachtet. Großeltern hätten demnach nicht dieselbe „Brille“ auf wie ihre Enkel, was einen kulturellen Unterschied zwischen den Generationen darstelle. So werden Generationenkonflikte auch zu Kulturkonflikten: Zwischen den Generation läge mitunter ein kultureller Graben, der dem kulturellen Wandel der Gesellschaft als solcher geschuldet sei.
Und wie ist das mit der Religion?
Religion als Dimension des interkulturellen Dialogs ist auch in der Schule ein Thema. In der Diskussion fragten BesucherInnen des Abends, wie denn die Gefahr radikalisierter Religionen eingeschätzt werde. Göksel Yilmaz sah deren Rolle vor allem in der Bestätigung der eigenen Identität, als etwas das sie von anderen unterscheide. Faschingeder benannte die Gefahr, Religion zu vereinheitlichen „den Islam“ gäbe es nicht, vielmehr finden sich in Österreich sehr unterschiedliche Ausprägungen des Islam. Eine vereinfachende Darstellung einer Religion werde bewusst genutzt, um wirksame Feindbilder aufzubauen. Umgekehrt tragen aber alle Religionen friedensstiftendes Potential in sich und sprechen gemeinsame Grunderfahrungen der Menschen an. Auf der Grundlage gemeinsamer existentiellen Erfahrungen lasse sich auch ein positiver Weg im Zusammenleben der Religionen finden.
Kultur konkret-abstrakt
Wer von Kultur spricht, begibt sich auf unsicheres Terrain. Kultur ist vielfältig, ständig in Bewegung und entspricht eher einem Prozess, als einer Gegebenheit. Die Diskussion über Konflikt oder Dialog der Kulturen im Kontext Schule bringt ein abstraktes Phänomen auf eine konkrete Ebene und wirft somit neue und interessante Fragen auf. Das Projekt „Hauptschule trifft Hochschule“ steht vor großen Fragen und Herausforderungen. Die TeilnehmerInnen stimmten in der positiven Rückmeldung über den Diskussionsabend überein und ließen den Abend an einem interkulturell-plurikulinarischen Buffet ausklingen.
Eine Dokumentationssendung zur Veranstaltung finden sie hier.
Katharina Auer studierte Spanisch und Internationale Entwicklung und Nadine Mittempergher studiert Internationale Entwicklung. Beide sind derzeit Praktikantinnen des Paulo Freire Zentrums.