
Eine Präsentation des Heftes 3 (2007) des Journals für Entwicklungspolitik (JEP): „Paulo Freire heute“. Herausgegeben von Gerald Faschingeder und Andreas Novy. Paulo Freire gilt heute als einer der wichtigsten VolksbildnerInnen. Seine Besonderheit liegt unter anderem daran, dass ein Intellektueller aus der Peripherie einer aus den Ländern des Zentrums stammenden Disziplin, der Pädagogik, einen wesentlichen Impuls zu geben vermochte. 10 Jahre nach seinem Tod bestehen weltweit einige hundert Einrichtungen, die sich an der Pädagogik der Unterdrückten Paulo Freires orientieren oder Freire zumindest im Namen führen.
Volksbildung sei in den letzten Jahrzehnten in Vergessenheit geraten, monieren die Herausgeber: Volksbildung sei ab den 1970er Jahren vom Terminus Erwachsenenbildung abgelöst worden, der wiederum mit dem Begriff des Lebenslangen Lernens Konkurrenz erhalten habe. Das Spezifische der freireanisch inspirierten Volksbildung sei ihr bewusstseinsbildender und politischer Charakter. Man könne zwar einerseits nicht jede Volksbildung als politisch motiviert definieren, andererseits könne die historische Bewegung der Volksbildung nicht ohne jene politischen Bewegungen verstanden werden, in deren Rahmen sie ihre Konturen entwickelt habe.
Gramsci – Matejka – Freire.
Die Herausgeber beziehen sich in ihrer Einleitung auf historische Volksbildner: Antonio Gramsci, Viktor Matejka und schließlich Paulo Freire.
Antonio Gramsci (1891-1937) war einer der wichtigsten VolksbildnerInnen der Zwischenkriegszeit. Er baute nach dem Verbot der Kommunistischen Partei durch den italienischen Faschismus einen Fernkurs zur Führungskräfteschulung auf. Nach seiner Verhaftung entwickelte er eine Gefängnisschule. Gramscis Ideen beeinflussten auch Paulo Freire.
In Österreich kann Viktor Matejka (1901-1993), dissidenter Linkskatholik und Kommunist, Schüler des ebenfalls verdienten Volksbildners Ludo Hartmann (1865-1924), als wesentlicher Promotor der Volksbildungsidee der Zwischenkriegszeit bezeichnet werden. Im Konzentrationslager Dachau gelang es Matejka als Leiter der Häftlingsbücherei, eine Art Gefängnisschule zu entwickeln und Bildungsmaßnahmen für politische Gefangene in der Illegalität anzubieten. Man erkennt unschwer: Volksbildung entwickelte sich, zumindest was einige der profilierten VertreterInnen betrifft, unter extremen Schwierigkeiten und repressiven Verhältnissen.
Nichts anderes gilt für Paulo Freire selbst, der Brasilien 1964 nach dem Militärputsch verlassen musste und erst in den 1980er Jahren wieder in seine Heimat zurückkehrte. Einer der wesentlichen Erkenntnisgegenstände von Volksbildung war stets die Frage nach den strukturellen Verhältnissen, der Machtrelationen, die eine Gesellschaft beherrschen. Emanzipation oder auch Revolution, zumindest auf geistigem Gebiet, oft aber auch in sehr konkret politischer Weise gemeint, ist ein wesentlicher Angelpunkt der historischen Volksbildung.
Volksbildung im 21. Jahrhundert.
Was bedeutet Volksbildung am Beginn des 21. Jahrhunderts? Sind derlei Erfahrungen passé? Heft drei des Jahres 2007 des Journals für Entwicklungspolitik widmet sich der Frage nach der Aktualität des Denkens Paulo Freires. Impuls für diesen Schwerpunkt war ein dreitägiges Symposium, das im Dezember 2006 unter dem Titel „Volksbildung heute?“ in Wien stattfand. Das vorliegende Heft soll als Nachlese dienen. Die AutorInnen gehen der Frage nach, was eigentlich diese Bildung ist, auf die die Volksbildung abzielt(e). Die Herausgeber stellen dem Heft die Prämisse voran, dass Bildung Freiheit und Mündigkeit ermöglichen soll. Unter welchen Rahmenbedingungen ist eine solche Bildung realisierbar? Weiters wird gefragt: Mit wem und für wen bilden? Wie „funktioniert“ Volksbildung? In welchem Sinn, mit welcher politischen Ausrichtung und welchen Zielen? Welche Probleme und Herausforderungen stellen sich dabei?
Drei Hauptbeiträge …
Die ersten Antworten kommen von Carlos Roberto Winckler und einem AutorInnen-Team aus Caxias do Sul im südlichen Brasilien. Sie haben sich im Sinne von Paulo Freires Spätwerk, Pädagogik der Hoffnung, auf eine Spurensuche begeben, um wichtige Entwicklungen im Denken Freires nachzuvollziehen. Diskutiert wird darüber hinaus, wie Freire mit jüngeren Konzepten wie der Forderung nach interkulturellem Lernen in den Jahren der Postmoderne umging.
Andreas Novy, wissenschaftlicher Leiter des Freire-Zentrums in Wien, reflektiert unter dem Titel „Die Welt ist im Werden“ die Aktualität Paulo Freires. Um die Welt lesen zu lernen, sei ein dialektischer Zugang zur Realität nötig, so Novy. Die problemformulierende Bildung Freires habe deshalb den Dialog als einen wesentlichen Weg gewählt. Novy stellt einige konkrete Projekte des Wiener Paulo Freire Zentrums vor, in denen versucht wird, den Ansprüchen einer problemformulierenden Bildungsarbeit gerecht zu werden.
Der dritte Hauptbeitrag stammt von Martha Gregori, die von Ljubljana ausgehend die Geschichte der radikalen Pädagogik nachvollzieht. Gregori stellt mit einem historischen Beispiel Freires Kritik am Autoritarismus in der LehrerInnen-SchülerInnen-Beziehung dar. Daran anknüpfend diskutiert sie unter anderem an den Beispielen der Bildungsansätze der mexikanischen Zapatistas die Selbstermächtigung der Lernenden.
… und Reflexionen
Der zweite Teil des Heftes besteht aus Kommentaren und Reflexionen zu diesen Texten, von MitarbeiterInnen und AktivistInnen von entwicklungspolitischen und globalisierungskritischen Organisationen und Netzwerken: Hans Göttel (Europahaus Burgenland), Heidi Grobbauer (KommEnt), Franz Halbartschlager (Südwind Agentur), Pia Lichtblau (Attac Österreich).
Gerald Faschingeder und Andreas Novy (Hg.): Paulo Freire heute. Journal für Entwicklungspolitik 2007/3. Wien: Mandelbaum Verlag, 2007. 131 Seiten. 9,80 . ISBN 9-78385476-243-0.