Der Kultur- und Bildungsverein ipsum ermöglicht auf einer Wanderausstellung in Salzburg, Klagenfurt und Wien Einblicke in die Werke afghanischer FotografInnen und regt zu einer aktiven Auseinandersetzung damit an.Ipsum Geschichten selbst erzählen
In unseren Breiten ist Afghanistan zwar medial stark präsent, aber die Darstellung ist so einseitig, dass ein Perspektivenwechsel notwendig ist. Dieser kann realisiert werden, wenn Menschen zu Wort kommen, die von ihrem eigenen Alltag berichten – und, im übertragenen Sinn, „zu Bild kommen“, d.h. die Verfügungsgewalt über Bilder, die von ihnen gemacht werden, zurück erlangen.
Bild von Mohammad Sidiq
Bild von Tamana Heela
Dazu ein Beispiel: Ein Foto, aufgenommen offensichtlich im Süden, auf dem Menschen in ihrem Lebensalltag, neugierige Gesichter, ferne Landschaften, zerstörte oder für unser Verständnis armselige Häuser, Städte abgebildet sind das soll uns bestimmt die arme Realität der Menschen in Entwicklungsländern zeigen und uns zum Handeln anregen, bestenfalls zum Spenden bewegen. Der Fotograf war sicher ein Tourist oder ein Entwicklungsexperte aus dem Norden, der die Armen abbildet, um uns eine ferne Realität näher zu bringen Diese Assoziationen sind schnell zur Hand doch warum schließen wir von vorneherein aus, dass der Fotograf oder die Fotografin vielleicht aus der abgebildeten Region stammt und seine/ihre Geschichte selbst erzählt?
Dieses Thema greift ipsum auf, ein international tätiger Verein, der Menschen in Ländern des Südens ermutigt, BerichterstatterInnen ihrer eigenen Realität zu werden und ihre Bildgeschichten selbst zu erzählen. In verschiedenen Ländern (Afghanistan, Angola, Pakistan) werden seit 2003 Workshops abgehalten, in denen die TeilnehmerInnen Fotoreihen zu selbst gewählten Themen des Alltags erstellen. In vier bis acht Wochen lernen sie die technischen Mittel der Fotografie kennen, diskutieren deren Chancen, Risiken bzw. Gefahren und erfahren Details zu ihren Besitz- und Reproduktionsrechten über ihre Bilder. In einer gemeinsam organisierten Ausstellung vor Ort präsentieren und diskutieren sie die Werke dann erstmals mit anderen, während ipsum den Fotos auch den Weg nach Österreich für eine weitere, grenzüberschreitende Auseinandersetzung ermöglicht. Mit diesem Prozess der Gestaltung eines interkulturellen Dialogs vor Ort mit den FotografInnen selbst, in Österreich dann über die Fotos sollen die Perspektiven der globalen Fotolandschaft erweitert und unsere stigmatisierten Konzeptionen bzw. Assoziationen mit Fotos zum Vorschein gebracht und neu reflektiert werden. Ipsum möchte mit diesem Projekt die Menschen dazu anregen, sich ihre Reaktionen auf Bilder bewusst zu machen und richtet sich dabei sowohl an die FotografInnen selbst als auch an die BetrachterInnen der Fotos. Welche Geschichte erzählt das Bild? Wer hat es unter welchen Bedingungen gemacht und mit welcher Intention? Was will der Fotograf/die Fotografin damit sagen oder erreichen?
Von Dialogen und Diskussionen
Bild von Palwasha Waheed
Bild von Zuhra Najwa
Auf der Wanderausstellung Dialog in Bildern: Thema Afghanistan in Innsbruck, Salzburg, Wien und Klagenfurt hat man die Möglichkeit, sich dieser Herausforderung der Überschreitung der eigenen stereotypen Wahrnehmung von Bildern zu stellen und sowohl über die Fotos als auch über die dargestellten Themen zu diskutieren. Die Fotografie dient als Brücke, die einen Dialog zwischen zwei Welten ermöglichen und Grenzen aufbrechen soll. Ipsums Ziel ist es, diese Brücke bei der ersten Begegnung in Workshops in Afghanistan und den anderen Projektländern zu bauen, um schon dort ein möglichst großes Publikum zum Diskutieren anzuregen. Weiters sind dann die BesucherInnen der Ausstellungen vor Ort und schließlich in Österreich gefordert, diesen Dialog aufzunehmen und ihre Reaktionen und Meinungen untereinander sowie mit den Ipsum-MitarbeiterInnen auszutauschen. Nicht nur nationale Grenzen, sondern auch kulturelle, sprachliche, religiöse und die zwischen Foto und Realität werden dabei in Frage gestellt und überwunden.
Ein Dialog entsteht gleichzeitig durch die Fotos selbst, die insofern zu einem sprachlosen Kommunikationsmittel werden. Themen, die in Worten vielleicht nie ausgesprochen werden, weil sie dadurch zu hart oder zu heikel werden, artikulieren sich stattdessen in den Bildern und ermöglichen so eine stille Auseinandersetzung, sozusagen einen Dialog ohne Worte.
Fair Trade mit Bildern
In den Informationsmaterialien des Vereins liest man jedoch noch ein anderes sehr wichtiges Ziel heraus: der Fair Trade mit Bildern. Hierbei wird der Fokus noch stärker auf die Fotos selbst auf einer künstlerischen und technischen Ebene gelenkt. Die TeilnehmerInnen werden in ihrer Suche nach einem kreativen, künstlerischen Weg unterstützt und wählen selbst aus, wen oder was sie fotografieren bzw. welche Themen sie ansprechen wollen. Diese alternative Form der Berichterstattung richtet sich gegen die vorherrschende eurozentristische Darstellung der Menschen in Ländern des Südens, die sehr oft im Mittelpunkt unserer Medien stehen. Sie werden darin präsentiert, kritisiert und beurteilt, aber fast nie selbst einbezogen. Da die Medien eine sehr wichtige und lenkende Rolle in unserer Meinungsbildung, der Auseinandersetzung mit bestimmten Themen und der Interpretation der Wirklichkeit spielen, ist es notwendig, sie immer wieder zu hinterfragen und Ungleichgewichte aufzudecken.
Die FotografInnen bei ipsum werden in den Workshops über das Prinzip des Copyrights informiert, darüber dass ihre Bilder einzig und allein ihnen gehören. Sie selbst entscheiden, was mit den Bildern geschieht, ob sie ausgestellt oder verkauft werden. Der Erlös aus einem Verkauf geht vollständig an die UrheberInnen der Fotos. Dieser faire Handel mit Bildern soll es ihnen ermöglichen, von ihren Werken in gerechtem Ausmaß zu profitieren und die ungleichen Bedingungen in Beziehungen der globalen Bildberichterstattung aufzubrechen.
Nur ein kleiner Ausschnitt
Dies war nur ein kleiner Ausschnitt aus der Arbeit von ipsum. Um den Kultur- und Bildungsverein in seiner ganzen Dimension zu verstehen, ist eine genauere Auseinandersetzung mit seinen Ideen und Zielen zu empfehlen, zum Beispiel auf seiner Homepage www.ipsum.at, wo es auch Fotos und Informationen zu weiteren Projekten gibt, oder auf den Ausstellungen in Salzburg, Wien und Klagenfurt (Termine siehe unten).
Wie die Menschen auf die Ausstellungen reagieren und ob es ipsum gelingt, sie wirklich zum regen Diskutieren anzuregen, bleibt abzuwarten. Um dieser Gefahr der unzureichenden Auseinandersetzung entgegenzuwirken, gibt es jedoch an fast allen Ausstellungsorten organisierte Diskussionsveranstaltungen und andere Möglichkeiten, tiefer in die Materie einzudringen. Mithilfe dieser Rahmenbedingungen wird es hoffentlich gelingen, die Brücke von den Fotos zu den unterschiedlichen Lebenswelten zu schlagen und die Dialoge anzuregen.
Ausstellungen und Veranstaltungen (genauere Hinweise)
Salzburg:
31.10. 12.11.2008 im AAI Salzburg (KHG), Wr. Philharmoniker-Gasse 2
Mo-Fr, 9-17 Uhr
Vernissage: Do, 30.10.2008, 19.30 Uhr
Wien:
Präsentation: Di, 4.11.2008, 19 Uhr im Großen Saal des AAI Wien, Türkenstraße 3
10.11. 21.11.2008 im Café Ando, Yppenplatz 11-15
täglich außer sonntags
Eröffnungsparty: Fr, 14.11.2008 mit DJ Naylo
18.11. 30.11. 2008 im Ragnarhof, Grundsteingasse 12
täglich 15-20 Uhr, nach tel. Vereinbarung unter 0650/3408441
Vernissage: Mo, 17.11.2008, 19.30 Uhr Bilder zum Hören von Lydia Hermann (Liedermacherin)
Party: Fr, 21.11.2008, ab 21 Uhr mit DJ D.B.H.
Podiumsdiskussion: Mo, 24.11.2008, 19 Uhr
Klagenfurt:
9.12. 21.12.2008 im Volxhaus, Südbahngürtel 24
Vernissage: Mo, 8.12.2008, 19 Uhr Bilder zum Hören von Lydia Hermann (Liedermacherin)
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.