Am 10. Jänner 2008 führte Andreas Novy im Rahmen der Vorlesungsreihe
"Ökonomisierung der Bildung" in zentrale Aspekte des Denkens Paulo
Freires ein.
Andreas Novy, wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire Zentrums und stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), bildete eine Brücke zu den Hinterlassenschaften Paulo Freires, dessen Überlegungen bis heute höchste Aktualität genießen.
Paulo Freires Denken habe Tradition, so Andreas Novy. Der Ursprung dieser Art die Welt zu sehen finde sich bereits in den Thesen des jungen Karl Marx und bestehe bis in die Gegenwart. Frei nach Marx leitete Novy die Lehrveranstaltung ein: "Es geht nicht darum, die Welt zu verstehen, sondern sie auch zu verändern." Damit habe Marx die Grundstruktur freireanischer Überlegungsweisen vorweg genommen, die aus zwei Hauptkomponenten bestünden dem Interpretieren der Welt einerseits, und dem Eingreifen und Handeln in Weltgeschehnisse andererseits.
In einer verarmten Mittelschichtsfamilie in Brasilien aufgewachsen, sei Paulo Freire (19221997) durch sein Alphabetisierungsprogramm bekannt geworden. Was ihn aus der Masse der LehrerInnen emporgehoben habe, sei der Kerngedanke gewesen, dass die zentralen Kompetenzen darin liegen sollten, "die Welt lesen und schreiben zu lernen", so Novy. Dies solle als Bild dafür stehen, sich vorerst als handlungsfähiger Mensch in seinem Umfeld bewegen zu können und daraus folgend als mitgestaltendeR AkteurIn die Geschichte der Welt zu beeinflussen.
Kritik Dialektik Fragen
Ein elementarer Aspekt freireanischer Denkart sei die Kritik gewesen, worin er das Hinterfragen von Ist-Zuständen und darüber hinaus den kritische Zusammenhang dieser Zustände mit einem selbst gesehen habe. Fernerhin sei es nicht einfach möglich, die Komplexität des Seins in Schwarz oder Weiß zu malen, wenn Bildung einen ethischen Anspruch habe. Besonders in der Frage von Regeln sei ein dialektischer Zugang von großer Wichtigkeit. Freire sah auch im Unterricht eine Chance zur gemeinsamen Weiterentwicklung und meinte ein beiderseitig (vermeintlich Wissende und Fragen Stellende) nachhaltigeres Ergebnis zu erzielen, indem man Menschen ermögliche, Fragen zu stellen.
Dialog
Lernen finde immer im gegenseitigen Austausch voneinander statt und die Interaktion mit der Umwelt sei für jedes Individuum zentral. Somit unterscheide sich das Menschenbild Freires grundlegend vom "homo oeconomicus" bzw. von der Vorstellung, dass je autonomer und unabhängiger jemand sei, desto mündiger und vernünftiger dieseR handeln könne. Bildungsprozesse seien dementsprechend immer soziale Prozesse und somit auch automatisch politische Prozesse. Soziales Lernen im Team sollte gefördert werden und man könne die Welt erst dann tatsächlich verstehen und erforschen, wenn man mit Menschen außerhalb der universitären Mauern im Dialog stünde und deren Wissen ernst nehme.
"die Welt schreiben lernen"
Dem zugrunde liege die Idee, dass Menschen sich organisieren und anfangen, die Welt zu verändern. Die Einbeziehung der Benachteiligten in die Konzepte Paulo Freires war ebenso elementar wie die demokratische Gestaltungsform jeglicher Prozesse. Die Demokratisierung sei auch letztendlich für die Transformation bestehender Machtverhältnisse verantwortlich.
Solidarität
Es sei ein weit verbreitetes Missverständnis, Solidarität mit Paternalismus oder charity auf eine Ebene zu stellen. Freire sah im gönnerhaften Handeln das Problem, dass durch die Abspaltung des "Ichs" von "den Anderen" abermals Ungleichheit konstruiert würde. Sein Ideal entspreche einer Welt, die sich für alle zum Besseren entwickeln sollte.
Drei Versuche in Wien
Im zweiten Teil des Vortrags, gab der Referent einen kurzen Überblick über drei praxisorientierte Versuche, mit ersten Schritten in Freires Spuren zu treten.
Zu Beginn präsentierte er die 2001 initiierten Entwicklungstagung, bei denen entwicklungspolitisch interessierte Lehrende der Universität mit einer Gruppe von Menschen zusammenkommen, die im staatlichen NGO-Bereich und in der EZA engagiert sind. Diese Treffen stellten insofern einen "Theorie-Praxis-Dialog" dar. Das Ziel dabei sei gewesen, voneinander zu lernen und einen Dialog zwischen Erfahrungswissen und systemischem Strukturwissen herzustellen was auch zumindest zum Teil glückte, wie Novy empfand.
Weiters machte der Vortragende mit dem Projekt "Hauptschule trifft Hochschule" vertraut. Es seien zwei Milieus einander näher gebracht worden, die ansonsten in aller Regel nicht aufeinander treffen würden, nämlich Studierende und HauptschülerInnen. Sie sollten nun gemeinschaftlich an Fragen zu verschiedenen Themen (z.B. "Heimat") arbeiten.
Zuletzt erfuhr man vom im Dezember 2005 dargebotenen Symposium "Volksbildung heute". Der Grundgedanke sei gewesen, das für Paulo Freire und in lateinamerikanischer Bildungsarbeit zentrale Wort "Volksbildung" ("educación popular") auch in Österreich zur Diskussion zu stellen.
Volksbildung heute
Genossenschaften, Gewerkschaften, politische Parteien usw. seien bis zu den Diktaturen in lateinamerikanischen Ländern sehr wichtig gewesen. Es sei klar gewesen, dass eine gesamtgesellschaftliche Veränderung nur möglich sei, wenn eine Vielzahl von außeruniversitären und außerschulischen Angeboten für politische Bildungsarbeit existiere. In Österreich finde man kaum solche Möglichkeiten und im Wesentlichen reduzieren sich diese auf berufsbildende Aktivitäten beim bfi und WIFI.
Nachdem sich die jeweiligen Staaten Lateinamerikas von den militärdiktatorischen Fesseln gelöst hätten, sei auf die zwischenzeitlich v.a. von der katholischen Kirche aufrecht erhaltene politische Bildungsarbeit viel Wert gelegt worden. Diese habe Ermächtigungsprozesse ermöglicht, von denen Paulo Freire wohl geträumt hätte. Am Beispiel des bolivianischen Präsidenten Evo Morales oder des brasilianischen Staatsoberhauptes Lula erkenne man das Potenzial von zuvor Unterdrückten, die durch politische und parteiliche Organisierung zu Subjekten der Geschichte geworden seien. Im Grunde also zwei Menschen, die freireanisch gelernt haben und somit die Welt nicht nur lesen, sondern auch schreiben können.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Rumänisch an der Universität Wien.