Welche Rolle spielt Bildung bei der Umsetzung von nachhaltiger Entwicklung?

Welche Art von Bildung brauchen wir für eine nachhaltige sozialökologische Transformation? Über den Zusammenhang von Bildung und Entwicklung und die Notwendigkeit neuer Konzeptionen transformativer Bildung.

Bildung als Katalysator für Nachhaltige Entwicklung.

Die UN Agenda 2030 und ihre 17 Sustainable Development Goals (SGDs) beinhalten ein eigenes Bildungsziel, SGD 4. Bei einem Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion am 8. April 2019 im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung, wurden die komplexen Zusammenhänge zwischen Bildung und Entwicklung im Kontext der SDGs diskutiert. Das dicht besetzte Podium sowie die rund 60 Interessierten im Publikum verdeutlichten die Relevanz des Themas. Die Diskutant*innen Stephanie Bengtsson (UNESCO), Angelika Heumader-Rainer (JUMP), Erwin Künzi (ADA), Werner Wintersteiner (Universität Klagenfurt) und Manfred Wirtitsch (BMBWF) öffneten unterschiedliche Perspektiven auf die Rolle von Bildung für nachhaltige Entwicklung.

„Bildung in, durch und für Entwicklung”?

Nach den einleitenden Worten Gerald Faschingeders (Paulo Freire Zentrum) und der Moderatorin des Abends Margarita Langthaler (ÖFSE), erläuterte Stephanie Bengtsson in ihrer Keynote die Bedeutung von Bildung für Entwicklung. „Bildung ist eine Investition wert, da Lehr- und Lernprozesse ein natürliches und bestimmendes Merkmal der Gesellschaft sind“, so Bengtsson. Mit einer Einführung über die Entstehung internationaler Entwicklungsagenden zeigte sie auf, dass kritisches Hinterfragen des derzeit dominanten Entwicklungsdiskurses notwendig sei. Dennoch wären die SDGs im Gegensatz zu den MDGs ein Fortschritt, da sie den „globalen Norden“ mit in die Verantwortung nehmen würden. Anschließend widmete sich Bengtsson dem in SGD 4.7 verankerten Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sie kritisierte vor allem, dass die instrumentelle Funktion von Bildung in gegenwärtigen Entwicklungsdiskursen eine zu große Bedeutung erfährt. Abschließend fügte sie hinzu, dass es bei SDG 4 hauptsächlich um den Zugang zu Bildung und die Messbarkeit von Bildung ginge und Prozesse des Lehrens und Lernens, kritisches Denken oder die Rolle der Lehrpersonen zu kurz kommen würden.

Bildung kann nicht alles lösen.

Bengsstons Vortrag verdeutlichte, dass Bildung eine wichtige Rolle für Entwicklung spielt, aber nicht überschätzt werden sollte, denn „auch diese kann nicht alles lösen und besser machen“, bestätigte Erwin Künzi. Besonders problematisch sah Werner Wintersteiner die von Langthaler bezeichnete „Pädagogisierung der globalen Probleme“: „Alles, was wir selbst nicht tun möchten, wird auf die Bildung ausgelagert“, so Wintersteiner. „Wir leben nicht nachhaltig, die Kinder sollen aber zur Nachhaltigkeit erzogen werden. Wir zerstören die Umwelt, die Kinder sollen aber den Wert des Umweltschutzes lernen“, äußerte Wintersteiner kritisch. Globale Probleme könnten mittels Bildung gelöst werden, ohne dabei etwas an den politischen Strukturen selbst zu ändern, fasste Langthaler die Kritik zusammen. Wintersteiner ergänzte, dass Bildung durchaus auch positive Wirkungen hätte, die auch für eine Veränderung der Gesellschaft bedeutend sein könnten.

Welche Art von Bildung brauchen wir?

An Wintersteiners Argumente anschließend, leitete Langthaler den dritten Teil der Diskussion ein, in dem es um transformative Bildung ging. Wintersteiner sah in der transformativen Bildung einen bildungspolitischen Beitrag zu einer sozial-ökologischen Transformation der Gesellschaft sowie einem guten Leben für alle. Das könnte durch Bildung gelingen, die einerseits hilft, Zusammenhänge zu verstehen und andererseits gesellschaftsverändernd wirkt.
Nicht nur in Österreich, sondern auch auf globaler Ebene sei transformative Bildung notwendig, bestätigte Künzi. Er betrachtete das Thema aus der Perspektive der Entwicklungszusammenarbeit und ergänzte, dass der Zugang zu Bildung im „globalen Süden“ oft nicht gegeben sei. Außerdem stoße die Umsetzung von Bildung aufgrund des globalen patriarchalen Systems häufig an Grenzen. Das Bildungssystem sei in Machtstrukturen verstrickt und eine elitäre Institution, die nicht für alle zugänglich sei.

Politische Bildung als Lösung?

Insgesamt waren Vortragende und Teilnehmende aus dem Publikum der Meinung, dass Politische Bildung in Österreichs Schulen mehr fokussiert werden sollte. Daraufhin entgegnete Manfred Wirtitsch vom Bildungsministerium, dass politische Bildung einerseits im Unterrichtsfach Geschichte, und andererseits als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip für alle Schulformen und Schulstufen verankert sei. Zusätzlich würden derzeit im Ministerium Lehrpläne neu definiert. Ziel sei es, beispielsweise politische Bildung auch in Gegenständen wie Mathematik, Deutsch oder Physik stärker unterzubringen. Damit könne ein Beitrag geleistet werden, vernetztes Denken zu fördern. Dennoch brauchen solche Bildungsprozesse Zeit, argumentierte Wirtitsch.

Hoffnungen trotz großer Herausforderungen, Bildung zu transformieren.

Trotz unterschiedlicher Perspektiven auf Bildung und Entwicklung waren sich die Diskutant*innen einig, dass eine andere Art von Bildung notwendig sei, um einen wichtigen Beitrag zur Transformation der Gesellschaft leisten zu können. Die vielfältigen Antworten und Fragen der Teilnehmenden zeigten, dass es verschiedenste Wege und Möglichkeiten geben würde, um Bildung zu transformieren. Lösungsvorschläge waren unter anderem die Überarbeitung von Lehrplänen sowie eine stärkere Thematisierung von Themen wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder Frieden in den Schulen. Außerdem sollten „Bildungsangebote kreativer gestaltet sein, um Interesse zu wecken“, fügte Angelika Heumader-Rainer hinzu. Sowohl in der Erwachsenenbildung als auch in der Schulbildung sollte mehr Raum für eigene Ideen, Kreativität, vernetztes und kritisches Denken geschaffen werden. Auch bei der Wissensvermittlung könnte einiges getan werden: „Wir sollten uns darauf fokussieren, wie wir unterrichten und nicht darauf, was wir unterrichten, denn so können wir letztlich alles unterrichten“, so Stephanie Bengtssons Fazit.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


Weiterführende Links:

Fotogalerie der ÖFSE

Präsentation Stephanie Bengtsson

Radiobeitrag zur Veranstaltung


 

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Globale Ungleichheiten.