Erich Ribolits sprach am 8. November 2007 im Rahmen der Ringvorlesung „Ökonomisierung der Bildung“ über die Veränderungen im österreichischen
Bildungssystem. Den Trend zur Ökonomisierung der Bildung belegen unter anderem die teuren Privatuniversitäten, so Ribolits, Universitätsprofessor am Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien, die immer populärer werden und durch hohen Studiengebühren gute Qualität und lukrative Jobaussichten verkaufen wollen. Bildung werde zunehmend zur Ware, die man sich leisten will und – um konkurrenzfähig bleiben zu können – auch muss. Aber wie bestimmt sich der Wert von Bildung konkret?
Gebrauchswert versus Tauschwert.
Ribolits ging von einer grundsätzlichen Unterscheidung aus, die der politischen Ökonomie entstammt: Allen Dingen hafte entweder der Gebrauchswert oder der Tausch-, Geld- oder Marktwert an. Der Gebrauchswert definiere sich durch den konkreten, individuellen Nutzen, den eine Sache für ein Individuum habe. Dieser Wert sei für verschiedene Menschen unterschiedlich hoch, denn es gehe um ein persönliches Empfinden und Einschätzen eines individuell wertvollen Gegenstandes oder Leistung. Der Tausch-, Geld- oder Marktwert hingegen entspreche dem Preis, der für den Erwerb einer Sache am Markt entrichtet werden müsse. Dies begründe sich aus der Notwendigkeit, dass für die Herstellung eines Gegenstandes oder einer Leistung Arbeit und Zeit aufgewendet werden müsse, die zumindest abgegolten werden müssten. In marktwirtschaftlich-kapitalistischen Gesellschaften werde tendenziell nur noch der Tauschwert als relevant angesehen. Es werde nicht daran gedacht, was etwas einem/r persönlich wert sei, sondern was es gekostet habe.
Emanzipation versus Anpassung.
Wenn man den Wert der Bildung hinsichtlich des Gebrauchswerts betrachte, dann bilde sich das Individuum für den persönlichen Nutzen und für die persönliche Weiterbildung. Es eigne sich Wissen und Fertigkeiten an, um sein Leben autonom gestalten zu können und könne durch dieses erworbene Selbstbewusstsein kritisch die Gesellschaft hinterfragen und sich darin positionieren, so Ribolits. Bildung in diesem Zusammenhang kläre auf und emanzipiere. Beim Tauschwert träten andere Faktoren in den Vordergrund. Das Individuum entscheide bei der Wahl der Bildung im Hinblick auf den Grad der Verwertbarkeit, auf das potentielle Einkommen und auf das damit verbundene gesellschaftliche Image. Das Interesse trete insofern in den Hintergrund, als dass auch nach den Bedürfnissen des Marktes gefragt werde, an die man sich anpassen will. Diese Art von Bildung diszipliniere die Lernenden, damit sie ihre Plätze in der Hierarchie der Gesellschaft je nach Leistungsbereitschaft einnehmen könne. Die Statistiken bestätigen diese Entscheidungen insofern, als dass man mit einem höheren Abschluss einen höheren Tauschwert sprich Einkommen erzielen könne. Bei einer Arbeitslosenrate unter AkademikerInnen in Österreich von 2% und unter Personen, die als höchste Ausbildung einen Pflichtschulabschluss haben, von 13,3%, ist die Aussicht von HochschulabsolventInnen, von Arbeitslosigkeit bedroht zu werden, weit geringer. Ein höheres Ausbildungsniveau bedeute ein niedrigeres Arbeitslosenrisiko.
Humanressourcen und Humankapital.
Dass Bildung in einem ökonomischen Zusammenhang gesehen werde, zeige sich nicht nur in der Tatsache, dass Bildung als eine Investition gesehen werde, die einen lukrativen Arbeitsplatz sichere, sondern auch in der Instrumentalisierung der Bildung, bei der Bildungseinrichtungen als zumindest potentiell profitable Unternehmen angesehen werden. Und auch die Bildungsinhalte werden als Ware und als Möglichkeit zur Steigerung des Wertes des Auszubildenden am Arbeitsmarkt gesehen. Der ungeschliffene Rohstoff Mensch gelte als Ressource, der mit der entsprechenden Ausbildung, Weiterbildung und Erfahrung für den Markt relevante Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen erlange und somit den Marktwert beträchtlich erhöhen könne. In dieser kapitalistischen Sichtweise werden Menschen als Waren gehandelt, die durch verschiedene Bildungsniveaus unterschiedliche Werte besitzen. Die persönliche Würde bleibt beim Tauschwert auf der Strecke, so Ribolits.
Chancengleichheit beim Bildungszugang.
Das Ziel „Bildung für alle“ ist als Schlagwort in aller Munde und soll laut UNICEF und UNESCO bis 2015 weltweit umgesetzt werden. Diese Forderung entspreche einem weit verbreiteten Gerechtigkeitsempfinden, allen Menschen am Markt gleiche Chancen bieten zu können, stelle aber nicht das prinzipielle soziale Ungleichheitsgefüge in Frage. Im Gegenteil, meinte Ribolits. Der einheitliche Zugang zu Bildungsinstitutionen ermögliche zwar „faire“ Wettbewerbsbedingungen, die aber wiederum nur Sinn machten, wenn es weiterhin „GewinnerInnen“ und „VerliererInnen“ am Markt gebe. Somit legitimiere diese Forderung soziale Ungleichheit. Denn je mehr Menschen Zugang zum Bildungsmarkt hätten, desto größer werde der Kampf um Arbeitsplätze und desto mehr werde der Bildungsabschluss selbst zu einem Kriterium der sozialen Ungleichheit. Um wettbewerbsfähig zu werden, müsse man sich auch gezielt an die Bedürfnisse des Marktes anpassen. In einer tauschwertorientierten Gesellschaft könne die Kluft zwischen „SiegerInnen“ und „VerliererInnen“ durch den härteren Konkurrenzkampf nur immer größer werden, argumentierte Ribolits.
Chancengleicher Zugang zur Bildung könne Benachteiligten nur helfen, wenn dem Trend Bildung als Ware Einhalt geboten würde. Durch die Intensivierung der „Humankapitalanpassung“ könne keine mündige Gesellschaft aufgebaut werden. Dieses System fördere nur funktionales Denken, aber nicht kritisches Denken. Aber genau das brauche es, um bestehende Systeme zu hinterfragen und neue, funktionierende zu schaffen. Wissen sei beliebig vermehrbar und sollte auch für alle zu Verfügung stehen, meinte Ribolits. Entscheidend seien die Inhalte, die vermittelt werden. Wir selbst würden steuern, ob wir Bildung als Ware ansehen wollen, die einen Gebrauchs- oder einen Tauschwert besitzt, schloss Ribolits seine Ausführungen.
Susanne Haslacher studiert Bildungswissenschaft und Internationale Entwicklung an der Universität Wien.