Die Systematisierung von Erfahrungen waren ein wesentlicher Aspekt des vom Paulo Freire Institut Berlin organisierten Symposiums „Von befreiender Bildungsarbeit zur Pädagogik der Autonomie. Eine Begegnung mit Paulo Freire heute.“ (19. und 21. Oktober 2007)
Zwei zentrale Themen des Symposiums waren Freires Pädagogik der Autonomie und die Rolle von Systematisierung von Erfahrungen im Bildungsprozess. In der Pädagogik der Autonomie beschreibt Paulo Freire Demokratie als revolutionären Prozess und Ziel befreiender Bildung. Um einen Prozess radikaler Demokratisierung in die Wege zu leiten, benötigt man eine andere Art der Produktion von Wissen, als wir sie aus dem Mainstream der heutigen Sozialwissenschaft kennen. Es gilt, die persönliche Erfahrungen jedes und jeder einzelnen zu nutzen. Die Systematisierung von Erfahrungen leistet dazu einen wichtigen Beitrag.
In seinem Vortrag am ersten Tag des Paulo Freire Symposiums diskutierte Oscar Jara die Prinzipien und Anwendungsmöglichkeiten einer solchen Systematisierung. Jara arbeitet schon seit Jahrzehnten im Bereich der „Educación Popular“ („Volksbildung) in unterschiedlichen Ländern Lateinamerikas und ist im zentralamerikanischen Bildungsnetzwerk ALFORJA für Arbeiten zu Systematisierung und TrainerInnenausbildung zuständig.
Systematisierung von Erfahrungen ist ein grundlegender Bestandteil eines kollektiven Lern- und Forschungsprozesses in der lateinamerikanischen Tradition der „Educación Popular“. Alle Beteiligten sollen dabei gemeinsam zu ErforscherInnen der Welt, in der sie leben, und vor allem ihrer eigenen Praktiken werden. Dies sei, Oscar Jara zufolge, Grundvoraussetzung dafür, dass sie diese Praktiken und die Welt, in die sie eingebettet sind, verändern können. Der Raum und die Arbeitstechniken der Systematisierung sollen einen Rahmen bieten, um diese eigenen Erfahrungen kollektiv zu reflektieren. Jara betont, dass diese Arbeitstechniken nicht als Zusammenstellungen von Methoden zu sehen seien, die über Beforschte möglichst viele zuverlässige Daten generieren, anhand derer daraufhin Wissen zur angemessenen Regierung von Menschen entwickelt werden könne.
„Niemand kann die Erfahrungen anderer systematisieren.“ (Oscar Jara)
Ob in einer Landwirtschaftskooperative, im Stadtteil-Komitee oder in der Schule, zuallererst gehe es bei der Systematisierung darum, gemeinsam ein Problem zu definieren und alle Erfahrungen, die die Beteiligten in Bezug auf dieses Problem haben, zu sammeln, erklärt Jara. In einem zweiten Schritt werde kollektiv versucht, diese Erfahrungen sinnvoll zu ordnen, um eine angemessene Interpretation möglich zu machen. Der dritte Schritt beinhalte dann die gemeinsame Diskussion, um Lösungen und Maßnahmen in Bezug auf das eingangs definierte Problem zu finden.
In der Praxis der Educación Popular wurden für alle drei Schritte unzählige sehr niederschwellige Arbeitstechniken entwickelt, die es sogar Personen, die weder schreiben noch lesen können, ermöglichen, zur Lösung eines komplexen Problems beizutragen. Zentral in diesem Prozess sei, betont Jara, dass die Interpretation der Erfahrungen und die Suche nach Lösungen nur kollektiv mit allen Beteiligten geschehen könne. Dies schaffe eine kreative Atmosphäre, in der völlig neue Ideen und Fragestellungen aufkommen können und vor allem die Bereitschaft und das Verlangen zur Teilhabe und der Gestaltung des Gemeinwesens provoziert werde. Damit werde dieser Lern- und Forschungsprozess zu einem politischen.
„Es ist möglich etwas zu verändern, und wir sind fähig zu verändern.“ (Oscar Jara)
Eine besondere Bedeutung haben langfristige Systematisierungsprozesse, die z.B. ein mehrjähriges Programm begleiten. Schon allein dadurch, dass alle Beteiligten ihre Erfahrungen über einen längeren Zeitraum detailliert aufzeichnen, eröffnen sich viele Möglichkeiten für die gemeinsame Reflexion, spricht Jara aus eigener Erfahrung. Die Menschen können sich selbst vor Augen halten, wie sie sich und ihre Umgebung verändert haben. Sie lernen, wie sie durch ihre Arbeit und die Reflexion dieser ständig von sich und von anderen lernen können. Sie schaffen nicht zuletzt dauerhaft wertvolles Wissen, das wichtige Anknüpfungspunkte für zukünftiges Arbeiten biete.
Die Systematisierung von Erfahrungen ist nur ein Teil eines kollektiven Lern- und Forschungsprozesses. Um ein effektives Lernen aus der Praxis und ein Eingreifen in die Praxis zu ermöglichen, betont Jara, müsse die Systematisierung mit gemeinsamen Evaluierungen der Praxis und anderen Arten der Forschung verbunden werden, die den gleichen demokratischen Ansprüchen Rechnung tragen. Ein solcher umfassender Zugang werde in einem Magisterstudium „Educación popular“ auf Cuba vermittelt. Zum Abschluss des Studiums werden die Studierenden nicht dazu angehalten, eine klassische Diplomarbeit zu schreiben, sondern sie müssen eine umfangreiche Systematisierung von Erfahrungen erarbeiten und entsprechend dokumentieren. Dass für eine solche Herangehensweise Interesse vorhanden ist, zeigt schon die Tatsache, dass sich bei Eröffnung des Lehrgangs sofort 76.000 LehrerInnen und StudentInnen aus ganz Lateinamerika für das Studium eingeschrieben haben.
Ein Prozess der Systematisierung sei jedoch nicht auf das Feld der „Educación Popular“ und professioneller Projektarbeit beschränkt, unterstrich Oscar Jara in seinem Vortrag. Die dem Prozess eigene Idee sei vor allem, den Reichtum der eigenen alltäglichen Erfahrung zu nutzen, indem man diese dokumentiere und sich das eine oder andere Mal Zeit nehme, die dokumentierten Erfahrungen zur eigenen Reflexion heranzuziehen. Der umfangreiche Apparat an ausgearbeiteten Methoden und Arbeitsweisen solle vor allem als Hilfestellung dienen und die Arbeit in unterschiedlichen Gruppen unterstützen.
Eine solche Reflexion helfe uns nicht zuletzt „unsere Geschichte als Möglichkeit zu sehen, in der wir immer unfertig sein werden, wie die Welt, in der wir leben“, wie Oscar Jara zum Abschluss seines Vortrags anmerkte.
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Der Autor studiert Soziologie in Wien.