Vom Informationsdienst für Entwicklungspolitik zum Bündnis für Eine Welt (II)

Gedankensplitter zur Geschichte einer Idee, anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Bündnisses für eine Welt. Teil II.
Die Messbarkeit der Bildung steht auf der internationalen Tagesordnung. Das Ranking-Fieber grassiert. Europas neue Generation soll fit gespritzt werden für den Kampf am globalen Arbeitsmarkt. Die Jugendlichen werden in einen gnadenlosen Wettkampf gegeneinander geschickt Finnland gegen Österreich, Gymnasium gegen Hauptschule, Reiche gegen Arme, Buben gegen Mädchen. Es geht der Überblick verloren, was eigentlich bewertet wird.

Vision für das Leben

Ein höheres Tempo führt nicht zwangsläufig zu tieferen Einsichten. Ein Mehr an rasch gesammelten Daten oder Parolen, dass die Welt vom Untergang bedroht ist, dass die Erde bald nicht mehr bewohnbar sein wird, dass es fünf vor zwölf oder gar schon später ist, führen nicht unmittelbar zu besserem Verständnis. Einsicht und Weisheit können nicht angelernt, nicht auf fixen Bahnen im Wettlauf ersprintet werden, sondern es liegen ihnen unmarkierte Wege ohne Start und Ziel zugrunde. Orientierung in Zeit und Raum kann nur durch eigenständige und selbsttätige Leistung erreicht werden.

MEPHISTOPHELES.
Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand!
Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!
(J. W. Goethe: Faust. Der Tragödie Zweiter Teil. Vers 7847-7848)

Lernen, und im besonderen entwicklungspolitisches Lernen wie ich es verstehe, strebt zweierlei an. Es will zur besseren Orientierung im eigenen Leben beitragen und es möchte eine Vision für das Leben in einer human gestalteten Weltgesellschaft entwickeln. Dies ist ein höchst anspruchsvolles Unterfangen. Ein solches Lernen will nichts "ausräumen", will ent- und nicht verdecken, will finden und sich nicht abfinden, will er- und nichts ausschließen, will suchen und nicht aussuchen. Die Interessen, Erfahrungen und Fähigkeiten aller an einem solchen Lernprozess Beteiligten müssen darin ihren Ort haben.

Es ist dies ein Plädoyer für eine Bildung, in der die Fähigkeiten der Menschen gefragt sind, ihre Kreativität, ihre Empathie und ihr Mut, ihre Offenheit und ihre Bereitschaft zu Neuem. Dies verlangt Lernvorgänge, die unser Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein stärken. Ein solches Lernen erfordert unsere volle Anteilnahme, unsere lebendige Neugier. Wir müssten uns mit Menschen, Dingen, Ereignissen aufhalten, ohne uns aufgehalten zu fühlen. Es braucht immer wieder Erkundung und Besinnung, auch ein Nachdenken über die Herkunft und nicht nur ein Vorausdenken in die Zukunft. Die in den letzten Jahren durchgeführten Lehrgänge des ÖIE Kärnten zu Globalem Lernen waren ein eindrückliches Beispiel für einen solchen Ansatz. Sie förderten die differenzierte und sinnstiftende Auseinandersetzung und gaben neuen Formen des Lernens gebührenden Raum.

Bildung und Kontrolle: Planen, Messen, Prüfen

Überzogene Erwartungen an die Möglichkeiten, die mit den derzeit für entwicklungspolitische Bildungsarbeit eingesetzten Mitteln erfüllt werden können, kennzeichnen die Politik vieler GeldgeberInnen. Sie zerteilen langfristige Programme in kurzfristige Projekte. Sie vereinheitlichen die Planung und drängen auf genau festgelegte Ziele und Indikatoren, um deren Erreichung zu messen. Sie erstellen Leistungsverträge und entwickeln technokratische Instrumente (möglichst in englischer Sprache, dann klingt es gleich noch einmal so "cool). Wer dieser Logik nicht folgt, wird disqualifiziert. Sie übersehen, dass sie der Bildung ihr Herz rauben: ihren Eigensinn. Sie verwehren den Raum für das Unentdeckte, das Unverhoffte, das Überraschende.

Dies ist kein Plädoyer gegen Professionalisierung und Spezialisierung, aber eine klare Absage an jede Verzweckung von Bildung zur Unterstützung vorgegebener Ideenwelten und Meinungen. Bildung sollte in erster Linie Lernmilieus, Wissensumgebungen schaffen und damit Lernende als Subjekte anerkennen und nicht vorrangig auf Dienstleistungen zum Wissenserwerb setzen, die Lernende als Objekte versteht.

Bildung sollte sich um Kommunikation und Entfaltung bemühen. Ich trete für Bildungsprozesse ein, die sich des Identitätsbereichs annehmen. Sie geben den lebensgeschichtlichen Erfahrungen aller Beteiligten Raum und Zeit. So kann Lernen zu Erkenntniszuwachs und zur persönlichen wie gesellschaftlichen Befreiung beitragen.

Heimat im Hier und Jetzt

"Entwicklung wurde immer wieder mutig eingeschlagen. Zu oft sind jedoch die Voraussetzungen und die Rahmenbedingungen für Entwicklung mir gefällt das Wort Entfaltung besser nicht genügend reflektiert worden.

Es hat auch die Proklamation "Wir machen hier etwas, um das Leben dort zu verändern nicht funktioniert. Es ist anmaßend und in der Einschätzung der Zusammenhänge von Ursache und Wirkung trügerisch. Es ist erforderlich, die globalen Veränderungen insgesamt zu bedenken und als sehr komplex zu begreifen. Ein Bündnis für Eine Welt geht von den Sorgen und Nöten der Menschen hier aus, von deren konkreten Erfahrungen und Lebenszusammenhängen, und sieht sie eingebettet in weltweite Beziehungen und Veränderungen. So kann eine globale Partnerschaft entstehen; Respekt für die anderen, weil sie Teil meines eigenen Schicksals sind; Aufbruch zur Nachdenklichkeit und Besinnung.

Zugleich sollen wir sehen, dass nicht alles global ist, sondern das Konkrete, das Lokale, das Individuelle hat eine globale Dimension. Diese Wahrnehmung kann uns helfen, die Verknüpfung des eigenen Nahbereichs mit weltweiten Entwicklungen zu erfassen und damit auch Globalität besser zu verstehen. Es kann die Einsicht wachsen lassen, dass Ereignisse an ganz anderen Orten Auswirkungen bei uns haben. Es kann uns helfen, durch Einblicke in unterschiedliche Kulturen und Gesellschaften unser eigenes Selbstverständnis und Tun kritisch zu hinterfragen und eventuell zu verändern.

Das Bündnis für Eine Welt in Kärnten kann dazu beitragen, der Entwicklungspolitik und der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit jene gesellschaftspolitische Bedeutung zukommen zu lassen, die sie bei Blick auf die Lage der Menschheit verdient. Diesen Erfolg wünsche ich dem Verein und uns allen.


Der Beitrag erschien zuerst in: Bündnis für eine Welt (Hg.): … und
kein bisschen leise! Vom Informationsdienst zum Bündnis für eine Welt.
Festschrift anlässlich des 25-jährigen Bestehens des "Bündnis für eine
Welt", vormals Österreichischer Informationsdienst für
Entwicklungspolitik – Kärnten. Villach, 2005, 17-21.


Der Autor ist Leiter der Abteilung Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung in der Austrian Development Agency (ADA).

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.