Bildung für alle Der UNESCO Weltbildungsbericht 2006

Alphabetisierung steht im Mittelpunkt des diesjährigen
Weltbildungsberichtes der UNESCO. Die UNESCO-Kommission widmete diesem viel
diskutierten Thema eine Informationsveranstaltung.

Anläßlich des UNESCO Weltbildungsforums 2000 in Dakar wurden unter dem Motto Education For All (EFA) sechs Bildungsziele erarbeitet, die bis 2015 umgesetzt werden sollen:

1. Ausweitung und Verbesserung der frühkindlichen Erziehung
2. Einführung der kostenfreien Schulpflicht
3. Zugang zu Lehrangeboten für Jugendliche und Erwachsene
4. Verminderung der AnalphabetInnenrate bei Erwachsenen um die Hälfte
5. Geschlechtergleichheit im gesamten Bildungswesen
6. Verbesserung der Bildungsqualität.

Der Weltbildungsbericht 2006 zieht eine Zwischenbilanz, die die Umsetzung des Vorhabens bis 2015 als illusorisch einstuft. Im Rahmen einer von der Österreichischen UNESCO-Kommission in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe (ÖFSE) organisierten Informationsveranstaltung am 30.März 2006 wurden die Auswirkungen der EFA-Initiative auf nationale und internationale Bildungspolitik erörtert.

Eine Initiative, die alle betrifft

Nach der Begrüßung durch den Präsidenten der Österreichischen UNESCO-Kommission, Hans Marte, eröffnete Werner Mauch vom UNESCO Institut für Pädagogik (UIP), Hamburg, mit der Vorstellung des Weltbildungsberichtes. Der Bericht behandle in zehn Kapiteln die Thematik der Alphabetisierung in großer Bandbreite: von Bedeutung und Funktion des Begriffes bis hin zu verschiedenen praktischen Ansätzen. Eine Thematik, die sich nicht nur auf die Länder des "Südens" beschränke, sondern auch Fragen von Mängeln im europäischen Bildungssystem aufwerfe.

Mauch legte die Betonung auf die breite Ausrichtung des Begriffs Bildung im Rahmen der EFA-Initiative. In ihrem Umfang erkenne sie die Bedeutung alphabetisierter Gesellschaften für den Entwicklungsprozess. Eine hohe Alphabetisierungsrate einer Gesellschaft könne jedoch nur dann langfristig Bestand haben, wenn die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben im Alltagsleben regelmäßig eingefordert und auch freiwillig ausgeübt werde. Dazu sei eine gewisse Infrastruktur wie Bibliotheken und Zeitungen, die mehrheitlich gelesen werden, unabdingbar. Alphabetisierung müsse also im gesamtgesellschaftlichen Kontext geschehen.

Die EFA-Initiative sei, so Mauch, einerseits das Hauptprogramm der UNESCO, andererseits aber kein UNESCO-Programm im engeren Sinn. Es handle sich vielmehr um eine internationale Initiative (unter Koordination der UNESCO), die von der gesamten Weltgemeinschaft ausgegangen sei. Bei der Ausarbeitung waren alle wichtigen UN-Organisationen im Bereich Entwicklung beteiligt, u.a. die UNICEF und die Weltbank. Die Beteiligten seien damit eine Verpflichtung im Kampf gegen den Analphabetismus eingegangen.

Eine Zwischenbilanz

Doch wie fällt nun, im Jahre 2006, die Bilanz der Initiative aus? Die absoluten Zahlen zeigen eine Verbesserung der Situation: Die Zahl der AnalphabetInnen ist seit 1990 um 100 Millionen gesunken, vor allem aufgrund der steigenden AlphabetInnenrate in China. Trotzdem liege die praktische Umsetzung der sechs Ziele noch in weiter Ferne und werde bis zum Jahr 2015 weiterhin nur auf dem Papier bestehen.

Was haben die Länder des "Südens" davon?

Margarita Langthaler (ÖFSE) ging in ihrem Vortrag auf die Bedeutung der EFA-Initiative für die Länder des Südens ein. Den hohen Stellenwert sah sie vor allem in der beidseitigen politischen Verpflichtung. Die Länder des "Südens" würden aufgefordert, geeignete Strategien zur Verminderung der AnalphabetInnenrate auszuarbeiten und umzusetzen, während die Länder des "Nordens" zur Unterstützung herangezogen würden. Bildung werde in der Formulierung der sechs Ziele als lebenslanger, gesellschaftsintegrierter Prozess verstanden. Darin liege sein großes Potential.

Die Umsetzung selbst weise, betonte Langthaler, jedoch noch erhebliche Mängel auf. Die unterschiedliche Prioritätensetzung der sechs Bildungsziele führe zu einer unausgewogenen Reform des Bildungssystems. So liege die Konzentration allzu sehr auf der Ausweitung der Grundschulbildung (Ziel 2), während die Ausbildung der LehrerInnen großteils außer Acht gelassen werde. Auch der Anspruch auf Geschlechtergleichheit (Ziel 5) hinke der Wirklichkeit weit hinterher. In Zukunft müsse die Initiative ihre Aufmerksamkeit auf alle sechs Ziele richten und so ein ganzheitliches Bildungssystem ermöglichen. Als gegenwärtiges Hauptproblem sieht Langthaler vor allem die mangelnde Bildungsqualität in den Ländern des "Südens". Dies führt sie vor allem auf globale strukturelle Abhängigkeiten und Bildungsdisparitäten innerhalb der Länder zurück.

Verbesserte Bildungsarbeit, auch für den "Norden"

Nach einer Diskussion und kurzen Pause erhielt Karl-Heinz Gruber (Universitäten Wien und Oxford) das Wort. Sein Interesse galt der Bedeutung des Weltbildungsberichtes für Österreich. Angesichts der Evaluierungsmethoden im Bereich der Bildungspolitik deutete er Kritik an der rein quantitativen Erfassung von Daten und der Erstellung von Tabellen an, die den Anschein eines einzigen, westlich geprägten, Weltmodells von Schule und Bildung erwecken. Eventuelle Mängel im Bildungssystem, die aus dem quantitativen Raster fallen, blieben unerkannt. So könnten beispielsweise im Rahmen der PISA (Programme for International Student Assessment)-Studie der OECD bestimmte Mängel nicht erfasst werden. Gruber nannte als konkretes Beispiel das PISA-Siegerland 2004, Finnland, wo das Ziel der Geschlechtergleichheit im Bildungssystem noch lange nicht erreicht worden sei. Bis 2015 sollen auch in diesem Bereich deutliche Fortschritte gemacht werden. Es gebe also auch in den Ländern des "Nordens" Nachholbedarf im Bereich Bildung, der exakten Evaluierungen unterzogen werden müsse.

Der Autor studiert Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Wien und ist Praktikant des Freire-Zentrums.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.