Das Theater der Unterdrückten ist Theaterarbeit für politisches Denken, schreibt die Autorin anlässlich des Besuches des indischen Theatermachers Sanjoy Ganguly in Wien.Unterdrückung ist ein Thema, dass in einem demokratischen Rechtsstaat nicht ernst genommen wird, denn theoretisch gibt es diese nicht. In der Realität sind es Bequemlichkeit oder Zynismus die uns Unterdrückung ignorieren lassen. Das Theater der Unterdrückten (TdU) ist eine Bewegung, die Unterdrückung aufzeigt und anspricht. Sie wurde Mitte der 1970er Jahre vom Brasilianer Augusto Boal ins Leben gerufen. TdU ist ein politisches Theater für alle, das Interaktion und Kontinuität der Handlung über die Bühnenrealität hinaus fördert und fordert. Die Theaterarbeit soll einen Raum zum Denken und Hinterfragen schaffen, in dem die Menschen dazu inspiriert werden ihre eigenen Realitäten zu gestalten. Heute hat es sich zu einer internationalen sozialpolitischen Kunstform entwickelt. Es wird in über 70 Ländern praktiziert. In Österreich seit 1994, vernetzt in der ARGE-Forumtheater-Österreich.
Sanjoy Ganguly in Wien
Der indische Theatermacher Sanjoy Ganguly, der in engem Kontakt zu Augusto Boal und dessen Sohn Julien Boal (in Paris) steht, war von 08.12. bis 12.12. 2005 zum zweiten Mal zu Besuch beim TdU Wien und veranschaulichte in einem Workshop seine Arbeitsweisen.
Anders als beim normalen Theater werden beim TdU ZuschauerInnen zu ProtagonistInnen. Verschiedene Formen der Unterdrückung werden dargestellt, woraufhin die ZuseherInnen aufgefordert werden, zu intervenieren oder auch die Rolle des/der Unterdrückten zu übernehmen und eigene Lösungen zu finden. EinE VermittlerIn unterstützt den Austausch von Publikum und KünstlerInnen. So entsteht ein Dialog zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen, in dem die Beteiligten Probleme analysieren und Lösungen finden können. Das Theater fungiert als eine Art Generalprobe für die Realität.
In dem Workshop, der vom Paulo Freire Zentrum finanziell unterstützt wurde, zeigte Sanjoy Ganguly zunächst verschiedene Herangehensweisen an die Thematik, um dann immer konkreter Standbilder und kleine Szenen aus unserem Alltag, in denen es zu Unterdrückung kommt, auszuarbeiten.
Zu sehen war bei dem Workshop, dass diese Form des Theaters, das sich immer mehr auch in Europa ausbreitet, nicht nur für Schwellen- oder in Entwicklungsländern funktioniert. In Ländern wie Indien, in afrikanischen Ländern oder in Lateinamerika sind die Problematiken, die angesprochen werden, deutlichere Formen der Unterdrückung. Thematisiert werden zum Beispiel das Kastenwesen, Alkoholismus und dessen Auswirkungen auf die Familien, Gewalt in der Erziehung oder Zwangsheirat, Benachteiligung und Entmündigung der Frau.
Entstanden ist das Theater in Lateinamerika, wobei Augusto Boal bei seiner Arbeit von europäischen Theatermachern wie Brecht, aber auch Stanislawski inspiriert wurde.
Theater der Unterdrückten in Europa
Trotzdem führte der Weg erst Ende der 1970er Jahre nach Europa. Die Techniken mussten an die viel subtileren und feineren Formen der Unterdrückung in Europa angepasst werden. Probleme der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur, wie Isolation, Einsamkeit, Kommunikationshemmungen, Beziehungslosigkeit der Menschen oder Lebensangst sind Indikatoren und Ausdruck von Unterdrückung. Das Problem ist, dass diese Folgeerscheinungen meist bagatellisiert werden. Repressionen werden nicht bewusst wahrgenommen und Gesellschaftsstrukturen kaum in Frage gestellt. Zum Beispiel trainieren Eltern ihren Kindern oft automatisch stereotype Männer- und Frauenrollen an, ohne diese anzuzweifeln. Solche Formen von verinnerlichter Unterdrückung sollen beim TdU ebenso aufgedeckt und verändert werden, wie Muster struktureller Gewalt, etwa in Form von Hetze gegen MigrantInnen. Der Gedanke ist, dass die Menschen im Theater Lösungswege finden und auf die Realität übertragen.
Das Theater der Unterdrückten bietet verschiedene Methoden an, die sich jedoch in einem ständigen Veränderungsprozess befinden, der keinen Platz für Dogmen lässt. Wie der Besuch Sanjoy Gangulys zeigt, ist der internationale Austausch zwischen den verschiedenen Gruppen des TdU wichtig, um die unterschiedlichen Dimensionen der Unterdrückung erfassen zu können und voneinander zu lernen.
Theater der Unterdrückten in Wien
Dieser Austausch ist eine der Intentionen des TdU Wien. Das politische Theater, dessen Obfrau die Theaterpädagogin Birgit Fritz ist, arbeitet mit sozial benachteiligten Personengruppen und veranstaltet mit diesen Theatervorführungen, organisiert Fortbildungen und Workshops und stellt ReferentInnen für diverse Veranstaltungen in Kooperation mit dem Forumtheaternetzwerk in Österreich.
Eines der aktuellen Projekte des TdU Wien im Rahmen des internationalen Austauschs war der Workshop mit Sanjoy Ganguly. Er ist Begründer des Theatergruppennetzwerkes Jana Sanskriti, das in zehn indischen Bundesstaaten tätig ist und über tausend Mitglieder zählt. Über die Theaterarbeit hinaus gründete Jana Sanskriti Menschenrechtskomitees und Schulen, um die in Zusammenarbeit mit dem Publikum gefundenen Beschlüsse auch umzusetzen. Eine Art der Kontinuität der Handlung, die in Österreich so noch nicht anwendbar ist. Das Thema Unterdrückung ist hier nicht gesellschaftsfähig, das heißt, die Unterdrückung wird nicht wahrgenommen oder will nicht wahrgenommen werden.
Die Zusammenarbeit mit dem TdU Indien ist daher von Bedeutung für die Theaterarbeit und die Selbstwahrnehmung der Menschen hier, um Theaterpraktiken zu übertragen und eine Kontinuität über einzelne Workshops und Vorführungen hinaus zu bewahren. Ein Schritt von vielen ist es, die auf dem Workshop entwickelten Szenen, professioneller auszuarbeiten und an die Öffentlichkeit zu tragen, um den Austausch herzustellen, ein anderer, bereits bestehende Projekte, wie Integrationsworkshops, die an Grundschulen den Kindern mit Hilfe von Geschichten, Musik und Spielen Einblicke in fremde Länder und Kulturen geben sollen, auszubauen und im größeren Rahmen anzubieten.
Die Autorin ist Studentin der Theaterwissenschaft an der Universität Wien, im Theaterbereich tätig und Mitglied des TdU Wien.