Grundeinkommen und Bildung

Anlässlich des Kongresses zum bedingungslosen Grundeinkommen in Wien analysiert der Autor Bildung im Zusammenhang mit der Idee eines Grundeinkommens.
Der moderne Bildungsbegriff ist untrennbar mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft verbunden jener gesellschaftlichen Ordnung, die mit dem Anspruch in die Geschichte trat, dass nicht der Adel des Blutes sondern jener des Geistes über die gesellschaftliche Positionsverteilung entscheiden solle. Er war pädagogischer Ausdruck des Kampfes des Bürgertums um gesellschaftliche Emanzipation und birgt in diesem Sinn bis heute politischen Sprengstoff in sich.

Bildung: Legitimation bürgerlicher Vormachtstellung

Der anfänglich revolutionäre Charakter der Bildungsidee wurde im Zuge der Etablierung der bürgerlichen Gesellschaft jedoch bald wieder in Ketten gelegt. Der Vorstellung von der "Freisetzung der Vernunft" also der Befähigung zum Entwickeln systemsprengender Utopien, die über die sich in den gesellschaftlichen Strukturen widerspiegelnden Werte, Normen und Verhaltensweisen, hinausweisen wurde seine politische Brisanz schnell wieder genommen. Indem Bildung auf eine in keiner Beziehung zu irgendwelchen emanzipatorische Ansprüchen stehende Aneignung zweckfreien Wissens und sogenannten kultivierten Verhaltens reduziert wurde, verkam sie zu einer bloßen Legitimation bürgerlicher Vormachtstellung. Entstanden als Instrument des Widerstandes gegen gesellschaftlich legitimiertes Unrecht wurde sie zunehmend selbst zu einer systemstabilisierenden Größe.

Bildung für wenige – Unbildung für Mehrheit

Die bürgerliche Bildungsvorstellung des nur seiner individuellen Veredelung verpflichteten Menschen, ist nämlich nicht bloß politisch abstinent, letztlich hintertreibt sie jedweden Anspruch von Bildung als gesellschaftstransformierende Kraft. Indem sie konsequent ausblendet, dass der Majorität der Gesellschaftsmitglieder der zur Beschäftigung mit dem Wahren, Guten und Schönen notwendige materielle und intellektuelle Freiraum systematisch vorenthalten wird, liefert sie einer Minderheit die Legitimation dafür, ihr Mehr an Wissen als prestigeträchtige Dekoration vor sich hertragen zu können und sich die Frage nach den Konsequenzen dieses Wissens überhaupt nicht mehr zu stellen. Indem der gesellschaftliche Skandal einer Bildung für wenige auf Kosten der Unbildung für die Mehrheit nicht selbst zum Thema von Bildung gemacht, sondern ganz im Gegenteil systematisch ausgeblendet wird, wirkt das was weiterhin als Bildung bezeichnet wird, letztendlich selbst entmündigend.

Aufflackern der Emanzipation

Erst in den 1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der politische Anspruch der Bildungsidee wieder verstärkt eingefordert. Von einer ganzen Reihe namhafter VertreterInnen der Bildungswissenschaft wurde die zur pädagogischen Pathosformel geronnene Phrase vom mündigen Menschen in die gesellschaftspolitische Pflicht genommen und der gebildete Mensch als jemand definiert, der die gesellschaftliche Domestizierung transzendiert, sich seiner prinzipiellen Freiheit bewusst wird und Kraft dieses Bewusstseins auch deren gesellschaftliche Umsetzung einfordert. Bildung in diesem Sinn zielt auf den Menschen, der sich nicht der Illusion der individuellen Veredelung seiner selbst unabhängig von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hingibt, sondern sich dem allumfassenden ökonomischen Nutzendiktat der bürgerlichen Gesellschaft selbstbewusst entgegenstellt.

Dieses Aufflackern des an Emanzipation und gesellschaftlicher Freiheit orientierten Bildungsbegriffs war allerdings bloß ein vorübergehendes Phänomen. Heute ist Bildung sowohl in ihrer theoretischen Rezeption als auch in ihrer praktischen Umsetzung weitgehend dem gesellschaftlichen Status quo untergeordnet; sie gilt in diesem Sinn fast ausschließlich als eine Funktion ökonomischer Prozesse. Wird von Bildung gesprochen, wird damit meist ein Lernen verstanden, das den Einzelnen für ökonomische Prozesse verwertbar macht, ihn also befähigt, für seine Arbeitskraft einen hohen Marktwert zu erzielen und einen Beitrag zur Attraktivität des jeweiligen Wirtschaftsstandortes zu leisten. Von einer Bildung, die an der Freiheit und Würde des Menschen orientiert ist und ihn in die Lage versetzt, über den Tellerrand des Status quo hinauszublicken und Lebensbedingungen einzufordern, die das historisch mögliche Höchstmaß an Freiheit und Würde für alle ermöglichen, ist kaum mehr die Rede.

Grundeinkommen: Konnex zu emanzipatorischer Bildung?

Aufbauend auf diese kurze Revue der Geschichte der Bildungsidee ließe sich also durchaus der Schluss ziehen, dass die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle in engem Konnex zu emanzipatorischen Bildungsvorstellungen steht. Zum einen so könnte man meinen wird damit der unerbittliche und allgegenwärtige Zwang, die eigene Haut zum Arbeitsmarkt tragen zu müssen, gemildert und damit ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Freiheit verwirklicht. Zum anderen suggeriert die Idee, dass dadurch auch das Lernen zumindest zum Teil wieder von seiner Anbindung an die Verwertbarkeitsprämisse befreit werden könnte; es bestünde quasi die Chance, die gewonnene Freiheit dafür zu nützen, Lernen zumindest fallweise wieder unter dem Anspruch einer Bildung stattfinden zu lassen, die zur Transformation gesellschaftlicher Zustände in Richtung eines Mehr an Humanität beiträgt.
Viele BefürworterInnen verbinden mit dem Grundeinkommen deshalb die Vorstellung, dass seine Einführung tiefer gehende gesellschaftliche Veränderungen initiieren würde. Auf das Grundeinkommen gestützt so die Hoffnung könnte sich eine Subkultur eines Lebens jenseits der Verwertung in Konsum und Arbeit, im Sinne von Enklaven und Keimzellen des guten Lebens, entwickeln.

Zwei Illusionen

Hinter dieser Vorstellung stehen allerdings gleich zwei Illusionen: Die eine, dass ein gutes Leben im Schlechten möglich wäre; und die andere, dass man ein System aushebeln könnte, indem man an der Aufrechterhaltung des Systems partizipiert. Tatsächlich schließt die Idee des Grundeinkommens genau an der bürgerlichen Bildungsvorstellung individueller Befreiung und Veredelung an. Denn ein Grundeinkommen mag es dem Einzelnen zwar ermöglichen, sich von gesellschaftlichen Zwängen ein wenig freizuspielen (wobei vieles darauf hindeutet, dass auch dies eine Illusion ist), bewirkt aber zugleich, dass er genau deshalb umso mehr an der Aufrechterhaltung der entmündigenden gesellschaftlichen Bedingungen interessiert sein muss. Die Forderung nach einem Grundeinkommen paralysiert in letzter Konsequenz jeden Anspruch, den Zustand der Entfremdung generell zu beseitigen und Menschen zu befähigen, Formen des Zusammenlebens zu kreieren, die nicht vom Diktat der Verwertung bestimmt sind. Indem sie die Brosamen des Verwertungsprozesses einfordert, der ja genau den Zustand der allgemeinen Entmündigung zur Grundlage hat, ist die Grundeinkommensforderung letztendlich in einer ähnlichen Form entmündigend, wie es die bürgerliche Bildungsidee in ihrer üblichen Rezeption ist.

Der Autor ist Universitätsprofessor am Institut für Weiterbildung an der Universität Wien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.