Jakob Feinig, Philip Taucher und Franziskus Forster organisierten einen Workshop bei der diesjährigen ATTAC-Sommerakademie.
Die am oberösterreichischen Traunsee gelegene Gemeinde Ebensee, Austragungsort der diesjährigen ATTAC-Sommerakademie (13.-17. Juli 2005), wird sich hinkünftig "ATTAC-Gemeinde" nennen. Der Ebenseer Bürgermeister Herwart Loidl berichtete, dass dies nicht ohne Kontroverse abgegangen sei. Ein besorgter Bürger habe sich an ihn gewandt: "Die reden ja über so gefährliche Leute wie Antonio Gramsci und Paulo Freire". Worin diese Gefahr liegen soll, blieb unerklärt. 300 interessierte Personen versammelten sich zu einer Woche mit interessanten Diskussionen, Aktionismus und Lebenslust im Salzkammergut.
Jakob Feinig und Philip Taucher (Paulo Freire Zentrum Wien) sowie Franziskus Forster (Vorstandsmitglied von ATTAC- Österreich) organisierten einen Workshop mit dem Titel "Befreiende Bildung als Basis politischer Aktion Paulo Freire und Antonio Gramsci". Politisch engagierte Menschen aus verschiedenen Lebenskontexten und Altersgruppen lernten über Gramsci und Freire und versuchten deren Ansätze mit ihrer Lebensrealität und ihrer eigenen politischen Arbeit in Verbindung zu setzten.
Beide beschäftigten sich in Theorie und Praxis ausführlich mit der Frage, wie Bildung und politische Aktion in Beziehung stehen. Paulo Freire setzte dabei seinen Schwerpunkt auf Methodik und Analyse kleinerer sozialer Einheiten. Antonio Gramsci beschäftigte sich mit größeren politischen Einheiten und deren Machtstrategien.
Bildung ist wie ein Nagel
In der Vorstellungsrunde waren die TeilnehmerInnen aufgefordert, ihre persönliche "Bildungsgeschichte" und die Geschichte ihres politischen Engagements mit jeweils einem Wort zu charakterisieren und kurz zu umreißen. JedeR wählte ein Symbol, das für ihn/sie beide Geschichten miteinander verbindet.
"Bildung ist wie ein Nagel, sie ermöglicht uns, unser Leben zu gestalten, hält unser Gesellschaftsgebäude zusammen, und ermöglicht uns auch einmal Stacheln zu zeigen", umschrieb ein Teilnehmer das von ihm gewählte Symbol.
Aus den gesammelten Wörtern wurde in heißen Pausendiskussionen eine Diagnose zur Ausgangslage für politisches Engagement im Hier und Jetzt erstellt: Wut, die sich mehr und mehr aufstaute; Neugier; der coole Deutschprofessor; christlich humanistische Bildung und marxistische Bücher waren einige wichtige Elemente, die die TeilnehmerInnen als Auslöser für ihr politisches Engagement nannten.
Zeitmangel, Ohnmacht, Leistungsdruck, Isolation, Fremdbestimmung und die unüberwindbar scheinende Kluft zwischen Theorie und Praxis wirkten dagegen in die entgegengesetzte Richtung. Der innere Schweinehund, Ungeduld und/oder Orientierungslosigkeit ließen oft Rückzieher machen. Auf Stärken wie Kritikfähigkeit, Liebesfähigkeit, geschlechterkritische Analysefähigkeit, Leistungsfähigkeit, Offenheit und Diskussionsfähigkeit könne man jedoch in Zukunft noch immer bauen.
Bildung ist immer politisch
Paulo Freire und Antonio Gramsci kamen in kurzen Textausschnitten zu Wort. "Die Außenwelt, die allgemeinen Verhältnisse zu verändern, heißt sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln. […] Daher kann man sagen, dass der Mensch wesentlich politisch ist, denn die Tätigkeit zur bewussten Umformung und Leitung der anderen Menschen verwirklicht seine "Menschlichkeit", sein "menschliches Wesen"…." (Antonio Gramsci)
Die Ideen Gramscis und Freires dienten abschließend zur Reflexion persönlichen politischen Engagements: "Wir müssen mit den Leuten über die Themen, die sie jeden Tag beschäftigen, reden…"; "Brauchen wir dann dafür einen, der sich da auskennt?"; "Das muss irgendwo am Abend passieren, aber regelmäßig, darf aber auch keine Belastung darstellen…"; " die Leute müssen auch einen praktischen Nutzen davon haben…"; "…das kann aber eine langwierige Sache werden…"; "…das klingt ja ganz nett, aber wer macht das jetzt wirklich…"; "…und was machen wir mit den Kindern inzwischen…"; "…".
Wie zu erwarten war, wurde nicht die eine Lösung gefunden. Vielmehr wurde den TeilnehmerInnen bewusst, dass es Sinn macht sich mit Freire und Gramsci intensiver auseinander zu setzen, will man Bildung und politisches Engagement als Einheit denken und danach handeln.
Die Gramsci-Zitate sind entnommen aus:
Andreas Merkens (Hg.): Erziehung und Bildung. Gramsci Reader. Hamburg, 2004, S. 94f
Weiterführende Literatur
Bernhard, Armin: Gramscis Politische Pädagogik. Grundrisse eines praxisphilosophischen Erziehungs- und Bildungsmodells. Hamburg, 2005.
Freire, Paulo: Cultural Action for Freedom. Harvard Educational Review XL. Harvard, 1971.
Freire, Paulo: Erziehung als Praxis der Freiheit. Stuttgart, 1974.
Freire, Paulo: Pädagogik der Unterdrückten. Stuttgart, 1971.
Mayo, Peter: Gramsci, Freire and adult education. London, 1998.