Eine Präsentation des PROKLA-Hefts 137: Bildung und Ausbildung.

Das aktuelle PROKLA-Heft leistet einen wissenschaftlichen Beitrag zur
Debatte über die Transformation des Bildungswesens im Kontext der
fortschreitenden neoliberalen Globalisierung. Bildung und Ausbildung
schließen einander nicht aus, können aber in ihren Bedeutungen auch
nicht gleichgesetzt werden. Die AutorInnen weisen im Editorial auf die
historische Kontinuität hin, die der Transformation des Bildungswesens
innewohne,betonen aber, dass die gegenwärtigen Veränderungen besonders
tief greifend und Teil eines grundlegenden sozialen Wandels seien.
Ökonomisierung der Bildung
Die Ökonomisierung der Bildung wird auf drei Ebenen verortet: dramatische soziale Folgen, es verändern sich Form und strukturelle Gegebenheiten der Bildungsproduktion und schlussendlich auch der Stellenwert und Inhalt von Bildung an sich. Diese Veränderungen bedingen und verstärken einander, weshalb eine Analyse der aktuellen Vorgänge im Bildungsbereich nicht isoliert, sondern immer in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext geschehen müsse.
Die sozialen Folgen der Inwertsetzung des ursprünglich öffentlichen Gutes Bildung seien unübersehbar: Bildung als Ware komme nur mehr jenen zugute, die dafür bezahlen können. Bestehende ungerechte soziale Verhältnisse würden reproduziert und verschärft Angehörige der Arbeiterklasse, Menschen mit Migrationshintergrund und Frauen systematisch benachteiligt. Chancengleichheit sei seit den 1960er nur eine Illusion gewesen, sie sei durch subtile Mechanismen sozialer Selektion immer wieder zunichte gemacht und bis heute nicht verwirklicht worden. Dass an Chancengleichheit ohnehin kein Interesse besteht, wird deutlich, wenn man die aktuelle Diskussion um die Errichtung von Eliteuniversitäten verfolgt. Michael Hartmann zeigt in seinem Beitrag, dass die Spaltung der Universitätslandschaft in Eliteinrichtungen auf der einen und Massenuniversitäten auf der anderen Seite bestehende soziale Polarisierungen weiter tradiert und verfestigt.
Gleichzeitig wird der Druck auf jede Einzelne und jeden Einzelnen immer stärker. Am Arbeitsmarkt besteht, wer lernfähig, flexibel und dynamisch ist und sich so den ständigem Wandel unterliegenden Anforderungen der ArbeitgeberInnen am schnellsten anpassen kann. Die Möglichkeit des lebenslangen Lernens verkommt unter den Gegebenheiten einer neoliberalen Hegemonie zur Notwendigkeit der lebenslangen Nachjustierung eigener Fertigkeiten unter der ständigen Angst vor dem Verlust der Vermittelbarkeit. Dass der Idee des lebenslangen Lernens emanzipatorisches Potential innewohnt, ist unbestritten. Dass seine Ausschöpfung durch die Bedingungen der gesellschaftlichen Polarisierung weitgehend unterbunden wird, beschreibt Oliver Schöller in seinem Beitrag als "Refeudalisierung des Bildungswesens".
Produktionsbedingungen im Bildungsbereich
Auch die Produktionsbedingungen von Wissen und Bildung verändern sich unter ökonomischem Druck. Ferdinand Burghardt bietet den Erfahrungsbericht eines AHS-Lehrers. Veränderte Produktionsbedingungen setzen nicht nur ArbeitnehmerInnen persönlich, sondern auch Forschung und Lehre an sich unter Druck und verändern so die Bildung. Den Veränderungen von Wissenschaft und Bildung im Zuge gegenwärtiger Hochschulreformen geht Alex Demirovic nach. Er argumentiert, dass Wissenschaft als kreativer Prozess zu begreifen sei, der durch wirtschaftlichen und zeitlichen Druck in seiner Entfaltung behindert werde. Die sich in der Vermittlung standardisierter Inhalte erschöpfende Lehre hingegen enthalte Studierenden die Möglichkeit, Wissenschaft selbst zu erfahren, vor. Das Ergebnis dieser Entwicklungen beschreibt Demirovic, auf Adorno verweisend, als wissenschaftliche Halbbildung.
Welche Bildung?
Was Bildung zu sein und was sie zu leisten habe ist eine der zentralen Fragen der gegenwärtigen Diskussion, wobei die AkteurInnen meist eine von zwei Extrempositionen einnehmen. Demnach habe Bildung entweder dem Humboldtschen Ideal entsprechend zweckfrei zu sein und allein der geistigen Entfaltung der Lernenden zu dienen, oder Bildung wird als Humankapitalinvestition betrachtet, die sich persönlich und gesellschaftlich rentieren müsse. Ein Plädoyer für ein Aufbrechen dieser bipolaren Diskussion hält Peer Pasternack. Er argumentiert, dass nur durch die Synthese von Zweckfreiheit und Nützlichkeit Bildung eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Zukunft gewährleisten kann.
Insgesamt bietet die vorliegende Ausgabe der PROKLA umfassende Analysen der Transformation der Bildungssysteme und deren Auswirkungen insbesondere auf den universitären Sektor. Eindringlich weisen die AutorInnen darauf hin, dass die angesprochenen Veränderungen in vielerlei Hinsicht eine Verschlechterung darstellen, sehr wohl aber auch emanzipatorische Chancen und Möglichkeiten bestehen, die nicht unerwähnt bleiben dürfen.
Nähere Einblicke in die Veränderungen des deutschen Hochschulsystems lassen aufgrund ihrer Nähe zu den Entwicklungen in Österreich erkennen, dass es sich dabei um länderübergreifende Veränderungen handelt. Etwas vernachlässigt werden leider die anderen Bereiche der Bildungssysteme eine Auseinandersetzung mit dem Primarschulbereich fehlt beispielsweise völlig. Für LeserInnen, die mit den grundlegenden für die Bildungspolitik entscheidenden Prozessen wie GATS und dem Bologna-Prozess vertraut sind, bietet der Band wertvolle und interessante Einsichten. Als Wermutstropfen betrachte ich das Fehlen geschlechtergerechter Formulierungen: Einerseits die Marginalisierung der Frau im Bildungssystem anzuprangern und sie gleichzeitig selbst durch Verwendung maskuliner Sprache weiter zu tradieren, ist einer Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft nicht würdig.
PROKLA 137. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 34 (2004), Nr 4: Bildung und Ausbildung. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 2004. 165 S. 10,50 . ISBN 3-89691-337-9.
Die Autorin ist Mitarbeiterin des Mattersburger Kreises, geschäftsführende Herausgeberin des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) und Vorstandsmitglied von ATTAC-Österreich.