Unter dem Titel „Dialogisches Denken und Bildung als Praxis der Freiheit“ veranstaltete die Paulo-Freire-Kooperation e.V. (PFK) zusammen mit der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg vom 9. bis 11. November 2018 einen Internationalen Kongress zur Freire-Pädagogik. Teilgenommen haben etwa 100 PraktikerInnen aus der Erwachsenenbildung, der außerschulischen Jugendbildung, der Schule und der Sozialarbeit sowie Studierende und Lehrende an Hochschulen aus Brasilien, USA, Schweiz, Belgien, Ägypten, Finnland und Deutschland.
Paulo Freire inspiriert: Arbeitskreise und Initiativen.
Bereits 1971 stellte Gottfried Hausmann Studierenden der Vergleichenden Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg die Ideen Freires vor, dessen „Pädagogik der Unterdrückten“ gerade in deutscher Sprache erschienen war. Spontan bildete sich damals eine Arbeitsgruppe, die 1973 ihre Ergebnisse veröffentlichte. Weitere Arbeitskreise und Initiativen waren schließlich nach und nach entstanden: AG SPAK, PFG/ Paulo Freire Gesellschaft in München, PFK/ Paulo Freire Kooperation in Oldenburg, PFI/ Paulo Freire Institut in Berlin und der Paulo-Freire-Verlag in Oldenburg. Im November 2003 organisierte die PFK einen Kongress in Oldenburg „Das Menschenrecht auf Bildung für Alle“. Im Oktober 2017 veranstaltete das PFI die Tagung in Berlin “Lernen im Dialog mit Lateinamerika – 20 Jahre in Bewegung mit Paulo Freire“.
Neuerfindung und Weiterentwicklung.
Nun wieder in Hamburg wurde unter der Fragestellung, welche Anregungen Theorie und Praxis Paulo Freires zur Neuerfindung des eigenen Praxis- und Lernbereichs bieten, zum einen eine kritische Bestandsaufnahme des Wirkens von Freire in verschiedenen Ländern und Arbeitsbereichen vorgenommen. So war seine Arbeit als Stadtrat für Bildungsangelegenheiten von Sao Paulo (1989 bis 1993) ein gerade im deutschsprachigen Raum noch weitgehend unbekannter Schwerpunkt. Zum anderen beschäftigten sich die Teilnehmer*innen mit der Weiterentwicklung der Grundlagen einer Theorie der Dialogischen Pädagogik als Praxis der Freiheit und fragten nach ergänzenden Theorien.
„Warum gerade Freire?“
Zum Auftakt des Kongresses stellte Christel Adick (Ruhruniversität Bochum) in ihrem Einführungsvortrag die Frage „Warum gerade Freire? Seine pädagogische und erziehungswissenschaftliche Bedeutung“. Ja, Freire gehört auch im deutschsprachigen Raum bereits zum Kanon, so ihr Befund. Im weiteren Verlauf des Kongresses gab es dann neben acht offenen Diskussionsforen auch drei Workshops zur praktischen Umsetzung von Paulo Freires und Augusto Boals Ansätzen aus den Bereichen Theaterpädagogik und Kunsttherapie.
Freire Pädagogik in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung
Ganz im Sinne Freires dialektischen Verständnisses von Aktion und Reflexion ermöglichte das Programm eine Neubewertung der Erfahrungen mit seiner Pädagogik in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung. Dabei ging es unter anderem um folgende Fragekomplexe:
- Welche Freiräume lassen uns die Reorganisation der Curricula für eine dialogische Bildung in formalen Bildungsinstitutionen wie Schule und Hochschule? Wie lässt sich das Verhältnis von formaler und non-formaler Bildung zugunsten dialogischer Lernprozesse gestalten? Wie kann das Lernen in Schule beispielsweise nachhaltiger mit Leben und Lernen im Quartier bzw. Stadtteil oder auf dem Land verzahnt werden?
- Welchen Beitrag kann dialogische Bildung für die Sozialarbeit in Grenzsituationen leisten? Was heißt hier überhaupt Bildung? Welche Rollen spielen dabei Vergangenheitsbewältigung und Gegenwarts-/Zukunftsorientierung sowie Beziehungsarbeit und das Nähe-Distanz-Verhältnis? Wie kann in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit von SozialarbeiterInnen und LehrerInnen verbessert werden?
- Wie kann dialogische Bildung entgegen einer neoliberalen, vor allem an ökonomischen Verwertungsinteressen orientierten Bildung Gestaltungskraft und Souveränität fördern? Welche Zugänge bietet uns die Freire-Pädagogik zu anderen Pädagogiken wie der Friedens- und Menschenrechtspädagogik oder der Global Citizenship Education?
Von kritischer Reflexion zu transformativem Handeln.
Der Austausch der KongressteilnehmerInnen zu diesen und weiteren Fragestellungen hat dabei deutlich gemacht, dass Freire-Arbeit insbesondere Lehr-Lernprozesse zu entwickeln versucht, die Wendepunkte von kritischer Reflexion zu transformativer Handlung ermöglichen. Dies erfordert, sowohl strukturelle als auch persönliche Lebens- und Lernbedingungen in diese Prozesse einzubeziehen. Auch im formalen Bildungswesen sind dazu oft keine neuen Strukturen notwendig, um Dialogprozesse zu führen. Vielmehr müssen im Bildungsauftrag dialogische Prozesse gefunden werden, die Kritik im Rahmen des gegenseitigen Respekts erlauben und zu konstruktiven Ergebnissen führen. So waren beispielsweise Schulparlamente mit Haushaltsrechnung erste Antworten, die in Brasilien bereits gegeben wurden. Der in Deutschland und der Schweiz (z. B. Evangelische Grundschule „Paulo Freire“ in Parchim) praktizierte Situationsansatz versucht ähnliches.
Freires Resonanz: global, regional, lokal.
Verlauf und Ergebnisse des Kongresses haben schließlich die Vielfalt der Anwendungsfelder sowie die weltweite Anerkennung und Resonanz Freires Wirken bis heute unterstreichen können. So geben zentrale Konzepte wie die „Kultur des Schweigens“, „humanisierende statt domestizierende Bildung“ oder die „Bewusstseinsbildung als Praxis der Freiheit“ auch heute noch wichtige Impulse für eine dialogische Pädagogik und politische Reflexion im globalen und auch regionalen Kontext. Denn Freires Denken bündelt die humanistische Tradition und positioniert sie neu im Kampf um friedliche Formen eines inklusiven Zusammenlebens mit der Teilhabe aller Menschen an den Ressourcen – global, regional, lokal, eingebunden in die Auseinandersetzungen um ‚gender‘, ‚class‘, ‚disability´ und Rassismus.
Ausblick.
Um Theorie und Praxis Paulo Freires in Deutschland und weltweit weiterzuentwickeln, sind weitere Kongresse – es gründete sich spontan eine Initiative für freiredresden2020 – sowie Fortbildungen von und für Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen angedacht. Außerdem sollen die Kongressbeiträge in Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Institut sowie mit den Zeitschriften „Widersprüche“ und „Dialogische Erziehung“ veröffentlicht werden.
Dieser Artikel wurde dem Freire Zentrum dankenswerter Weise von Markus Auditor (Universität Kassel) zur Verfügung gestellt.
Weiterführende Links & Kontakt:
– Paulo Freire Institutionen in Deutschland
– Kontakt: Stefan Berzel