Kommerzialisierung der Bildung in Entwicklungsländern

Funktionierende Bildungssysteme spielen für den Entwicklungsprozess eine wesentliche Rolle. In vielen Entwicklungsländern können sie die Anforderungen jedoch nicht erfüllen.

Bildungssysteme fungieren einerseits als Ausbildungsstätten, andererseits als Instrumente zur Gestaltung der Gesellschaft. In vielen Entwicklungsländern (1) sind sie zu schwach und fragmentiert um diesen Anforderungen zu entsprechen. Sie spiegeln im Gegenteil die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern deutlich wider, wie ein Vergleich zeigt.

Die Bildungssituation in den Entwicklungsländern

Die Einschulungsrate von Kindern im Primarschulalterlag im Jahr 2000 in den Industrieländern bei 97%, in den Entwicklungsländern bei 82,1%, wobei Afrika südlich der Sahara und Südasien die niedrigsten Raten aufweisen. Die Ungleichheiten werden in den höheren Bildungssektoren noch deutlicher. Die Schulbesuchsrate in der Sekundarstufe (2) beträgt in den Industriestaaten fast 90%, in den Entwicklungsländer 52,6%, in Afrika südlich der Sahara 23,1%. In den Industrieländern besuchen rund 56,4% der entsprechenden Altersgruppe eine Institution höherer Bildung, in den Entwicklungsländern rund 10,4%, in Afrika südlich der Sahara nur 2,5%.

Auch in Wissenschaft und Forschung besteht ein deutliches Gefälle. Die Entwicklungsländer stellen rund 78% der Weltbevölkerung, jedoch nur 28% der WissenschafterInnen weltweit. Ihr Anteil an den weltweiten wissenschaftlichen Publikationen liegt bei 19,6%, jener des subsaharischen Afrikas bei 0,7%. Die Strukturschwäche der Institutionen führt zu einer tendenziellen Abhängigkeit von ausländischen Fördermitteln, zu mangelnden Verarbeitungskapazitäten von internationalen Forschungsergebnissen, zur Abwanderung von qualifizierten Fachkräften und schließlich zu einem weiteren Zurückfallen gegenüber den Institutionen der Industrieländer.

Bildungskommerzialisierung in der Grundbildung

Das Angebot von (ausländischen) kommerziellen Bildungsdienstleistungen wächst in den Entwicklungsländern vor allem in der Berufsbildung und in der höheren Bildung. Eine direkte Beteiligung von ausländischem Kapital im Grundschulsektor ist hingegen selten. Die Ökonomisierung in diesem Bereich spiegelt sich vor allem im Rationalisierungsdruck auf das öffentliche System wider, was oft zu drastischen Kürzungen von LehrerInnengehältern und Ausgaben für die LehrerInnenausbildung führt. Vielen Ländern wird diese Politik von den internationalen Finanzinstitutionen als Bedingung für Schuldenerlässe oder Kredite auferlegt.

Die strukturelle Unterfinanzierung führt zur Qualitätsminderung der öffentlichen Systeme mit negativen sozialen Folgen, die ungleich stärker sind als in den Industrieländern. Ein duales Schulsystem mit wenigen teuren Eliteschulen und billigen qualitativ minderwertigen öffentlichen Schulen drückt die soziale Segregation aus und reproduziert sie.

Die Ökonomisierung führt ferner zur Liberalisierung der Schulbuchindustrie, die mitunter vollkommen in der Hand ausländischer Verlagskonzerne ist. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Formulierung von Lehrinhalten und -methoden.

Bildungskommerzialisierung in der höheren Bildung

In der Berufs- und Erwachsenenbildung sowie in der Tertiärbildung führt der Kommerzialisierungstrend einerseits zur Verlagerung der Leistungserbringung vom Staat auf private kommerzielle AnbieterInnen, andererseits zur Einführung von Marktmechanismen im öffentlichen System.

Vom gesteigerten Handelsvolumen an Bildungsdienstleistungen profitieren in erster Linie die Industrieländer. Beispielsweise konzentriert sich der Handel mit der kommerziell bislang wichtigste Dienstleistung, den ausländischen zahlenden Studierenden, vor allem auf die USA, Großbritannien und Deutschland. Den Entwicklungsländern, aus denen Studierende in diese Länder abwandern, werden hingegen finanzielle Ressourcen und Fachkräfte entzogen, was ihre öffentlichen Bildungssysteme weiter schwächt.

Die Präsenz ausländischer privater Universitäten ist aufgrund der Finanzknappheit oft die einzige Möglichkeit für ein Entwicklungsland, sein tertiäres Bildungssystem auszubauen. Allerdings fördert dies wiederum die Herausbildung eines sozial polarisierten Bildungssystems. Aufgrund des Wettbewerbsdrucks führen auch öffentliche Institutionen Studiengebühren ein. Der Zugang zu höherer Bildung wird für die ärmsten Schichten der Bevölkerung massiv erschwert.

Bildungspolitisch führt der Kommerzialisierungstrend zu einer Fragmentierung der Systeme höherer Bildung. Private Hochschulen bieten Ausbildungen vor allem in betriebswirtschaftlichen und Informatik-Fächern an. Kostenintensive naturwissenschaftliche und technische Disziplinen ebenso wie Geistes- Sozial- und Humanwissenschaften verbleiben bei den öffentlichen Institutionen, die zunehmend unterfinanziert sind.

Demokratiepolitisch überträgt die Liberalisierung die Entscheidungsgewalt für das Bildungssystem und seine Inhalte tendenziell vom Staat auf den Markt. Internationale Abkommen wie die Vereinbarung zum Handel mit Dienstleistungen (General Agreement on Trade in Services, GATS) im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) zementieren diesen Trend. In den Entwicklungsländern sind die Auswirkungen ungemein stärker als in den Industrieländern, da die staatlichen Strukturen meistens schwach sind und in den liberalisierten Markt kaum regulierend eingreifen können. Eine Folge davon ist der tendenzielle Verlust der Kontrolle über Qualitätsstandards und Bildungsinhalte. Lokales Wissen und lokale Identitäten verlieren noch stärker an Stellenwert als bisher.

Soziale Segregation und Verlust der gesellschaftlichen Funktionalität

Insgesamt schränkt die weltweite Bildungsökonomisierung die Entwicklungsländer stärker als die Industrieländer in ihren bildungspolitischen Gestaltungsmöglichkeiten ein. Finanzielle und menschliche Ressourcen werden durch den ungleichen Wettbewerb in die Industrieländer verschoben, die Bildungsinstitutionen in den Entwicklungsländern weiter geschwächt, die sozialen Gegensätze zusehends verschärft. Eine gezielte Orientierung der Bildungssysteme auf die Bedürfnisse des Landes im Sinne eines demokratisch organisierten, auf soziale Gerechtigkeit ausgerichteten Entwicklungsprozesses wird unter den Bedingungen der Kommerzialisierung zunehmend verunmöglicht.

Die statistischen Angaben sind folgenden Quellen entnommen:

  • United Nations Development Programme (UNDP) (Hg.): Human Development Report 2004. Cultural Liberty in Today’s Diverse World. New York, NY, 2004.
  • United Nations Educational, Scientific, and Cultural Organization (UNESCO) (Hg.): EFA Global Monitoring Report 2003/4. Paris, 2003.
  • United Nations Educational, Scientific, and Cultural Organization (UNESCO) Institute for Statistics (Hg.): The State of Science and Technology in the World 1996-1997. Paris, 2001.

(1) Im Folgenden werden die von den UNO und UNESCO-Statistiken verwendeten Begriffe "developed and developing countries" mit Entwicklungs- und Industrieländer wiedergegeben.
(2) Die zweite Bildungsstufe baut auf einem mindestens 4-jähren Primarschulzyklus auf und vermittelt allgemeinen oder fachbezogenen Unterricht (oder beides). Für eine genaue Definition der Bildungsstufen vgl. den UNESCO Report.

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der ÖFSE im Bereich Bildung und Bildungszusammenarbeit. Bildungsökonomisierung und deren Auswirkungen auf die Entwicklungsländer stellt einen aktuellen Arbeitsschwerpunkt der ÖFSE dar. Der vorliegende Text ist die stark gekürzte Fassung eines Vortrages, den die Autorin im November 2004 im Rahmen der 10. Entwicklungspolitischen Hochschulwochen an der Universität Salzburg gehalten hat: Die Auswirkungen der Bildungskommerzialisierung auf die Entwicklungsländer (/pdfs/Vortragstext_Langthaler_16.11.04.pdf pdf-Format 109.46 KB )

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.