Über 100 BesucherInnen versammelten sich am 18. Mai 2018 im Wiener Rathaus, wo sich der junge Verein Afro Rainbow Austria einem größeren Publikum vorstellte. Im Zentrum standen die Erfahrungen von Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität flüchten mussten.Als „LGBTIQ Africans“, also als lesbische, schwule (englisch: gay), bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere AfrikanerInnen bezeichnen sich die AktivistInnen und Mitglieder von Afro Rainbow Austria (ARA). ARA soll ein Sprachrohr für die afrikanische LGBTIQ-Community in Österreich sein, um Rassismus, Homophobie und strukturelle Diskriminierung zu bekämpfen. Die Vereinsgründerin und Obfrau Henrie Dennis gab an diesem Abend Einblicke in die spezifischen Herausforderungen, mit denen schwarze LGBTIQ-Personen im Asylverfahren und in der österreichischen Gesellschaft konfrontiert sind. Anschließend diskutierte sie mit VertreterInnen aus Medien, Politik und Aktivismus über den Kampf um gesellschaftliche Sichtbarkeit und die Rechte von LGBTIQ Africans.
Claiming spaces – Räume für sich behaupten.
Die Grüne Wiener Gemeinderätin Faika El-Nagashi eröffnete die Veranstaltung im prunkvollen Wappensaal und betonte die symbolische Bedeutung. „Das hier ist unser Raum“, erklärte El-Nagashi, die in Österreich als einzige lesbische Frau of Color ein Mandat in einer gesetzgebenden Körperschaft innehat. Am heutigen Tag solle es darum gehen, Räume und Rechte in Anspruch zu nehmen. Es solle um „unsere Geschichten“ („our stories“) gehen, um Erfahrungen von Exklusion, Diskriminierung und Marginalisierung und um die Frage, wie sichere Orte für LGBTIQ-Personen of Color geschaffen werden können.
„Wir brauchen diese sicheren Orte“, unterstrich Negede Gbremeskel, ARA-Mitglied und Menschenrechtsaktivist aus Äthiopien, in der Diskussion. „Wenn du Diskriminierung und Unterdrückung erfährst, gibt es niemanden besseren als dich selbst, um sichere Orte herzustellen und deiner Meinung Gehör zu verschaffen.“, so der Aktivist. Dafür brauche es Sichtbarkeit von Einzelpersonen, aber auch kollektive Sichtbarkeit. Die Gründung von ARA und die Auftaktveranstaltung im Wiener Rathaus stellen wichtige erste Schritte dar.
Probleme im Asylverfahren.
Als sichere Herkunftsländer gelten im Asylverfahren sogar Länder, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften unter Strafe stellen. Das müsse sich dringend ändern, erklärte ARA-Obfrau Henrie Dennis in ihrem einführenden Vortrag über die Erfahrungen und Forderungen von Afro Rainbow Austria. Weitere Forderungen bezogen sich auf die Einvernahmen im Asylverfahren, die die Grundlage für positive oder negative Asylbescheide durch das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) in erster und das Bundesverwaltungsgericht in zweiter Instanz darstellen. In negativen Entscheidungen werde, so Dennis, das so genannte „Diskretionsargument“ gegen LGBTIQ-AsylwerberInnen verwendet. Demnach können AsylwerberInnen ihre Homosexualität im Herkunftsland gefahrlos versteckt ausleben, wenn sie diese in der Öffentlichkeit nicht sichtbar machen. Diese Argumentation würde allerdings der geltenden Rechtsprechung widersprechen, wonach Personen in ihren Menschenrechten verletzt werden, wenn sie ihre Beziehung in der Öffentlichkeit nicht zeigen dürfen.
Problematisch sei auch der Umgang mit bisexuellen AsylwerberInnen, deren sexuelle Orientierung häufig abgesprochen und zum Grund für einen negativen Bescheid gemacht werde. Hier würden sich fehlendes Wissen und mangelnde Kompetenzen im Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt auf Seiten der EntscheidungsträgerInnen zeigen. Umso wichtiger wären beispielsweise Schulungen, in denen BFA-MitarbeiterInnen für diese Themen sensibilisiert werden – eine weitere Forderung von ARA. Ziel müsse es laut Dennis sein, dass die jeweilige Selbst-Definition der LGBTIQ-AsylwerberInnen anerkannt wird.
Eine weitere Schwierigkeit für LGBTIQ-AsylwerberInnen sei, dass sie potentiell in Österreich Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt in ihren eigenen Herkunftscommunitys erfahren. Um davor geschützt zu sein, fordert ARA den Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Mindestsicherung, was finanzielle Abhängigkeiten verhindern soll – aktuell will die Bundesregierung allerdings die Mindestsicherung sogar für Asylberechtigte massiv kürzen.
Intersektionalität & Allianzen
“There is no such thing as a single issue struggle, because there is no such thing as a single issue life”, meinte Faika El-Nagashi und zitierte damit die bereits verstorbene US-amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde. Das Zitat von Lorde, die sich selbst als schwarze lesbische Feministin bezeichnete, greift auf Konzepte von Intersektionalität und intersektionaler Diskriminierung zurück. Intersektionalität meint die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungskategorien wie zum Beispiel Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Orientierung, Klasse oder rechtlicher Status. Je nachdem, wie sich diese Kategorien in einer Person verschränken, kommt es in der jeweiligen Situation zu unterschiedlichen Diskriminierungen und Privilegien.
Es sei wichtig, die „Intersektionalität von Unterdrückung“ zu verstehen, meinte Negede Gebremeskel in der Diskussion. „Wir leben in einer Zeit, in der manche Menschen das Recht haben, eine gleichgeschlechtliche Ehe einzugehen, aber gleichzeitig Menschen umgebracht werden, weil sie trans* oder Flüchtlinge sind“, erklärt der Aktivist. Deshalb brauche es Allianzen, die intersektional denken. Gleichzeitig müsse man bei der Auswahl von Verbündeten vorsichtig sein, um nicht als bloße Dekoration zu enden, erklärte Dennis. „Am Ende des Tages möchte ich nicht die eine schwarze Person am Fotos sein. Ich will nicht der Zuckerguss am Kuchen sein. Ich will gehört werden.“
Hier folgt in Kürze ein Interview mit ARA-Gründerin und Obfrau Henrie Dennis.
Paul Haller ist Geschäftsführer der Menschenrechtsinitiative HOSI Salzburg, Referent der Bildungsprojekte Schule der Vielfalt und Vielfalt im Beruf und als Sexualpädagoge im Verein Selbstbewusst tätig. Er hat Internationale Entwicklung und Soziale Arbeit studiert und ist Mitglied der Plattform Intersex Österreich.Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
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Fotos: Petra Paul/Mariella Müller/Paul Haller © Paulo Freire Zentrum