Über die Ökonomisierung des Hochschulsektors. Teil1

Seitdem die schwarz-blaue Regierung Anfang 2018 Änderungen bei den Studiengebühren verkündet hat, empören sich viele Betroffene wieder verstärkt über die Ökonomisierung der Bildung – ein passender Anlass, sich mit dieser jahrzehntelangen Entwicklung näher auseinanderzusetzen.

Was ist neu?

Konkret handelt es sich bei besagter Reform um die neuerliche Einführung von Studiengebühren für berufstätige Studierende, die die Mindeststudienzeit plus zwei Toleranzsemester überschritten haben. Bisher waren diese von Gebühren befreit. Außerdem gebe es Überlegungen, den entsprechenden Betrag für Drittstaatenangehörige, also Studierende aus Nicht-EU-Ländern, anzuheben.
Während die Regierung damit zu schnellerem Studieren motivieren möchte, kam es von breiten Teilen der Bevölkerung sowie der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH), Arbeiterkammer (AK) und der Opposition zu heftiger Kritik. Der Vorwurf lautet, dass der Bildungssektor durch derlei Maßnahmen zur Institutionalisierung einer Zweiklassengesellschaft beitragen würde.

Entwicklung über Jahrzehnte.

Allerdings ist die Forderung nach einem effizienteren Hochschulbetrieb weder neu noch eine (rein) schwarz-blaue Angelegenheit. Spätestens seit dem Bologna-Prozess zur Jahrtausendwende ist diese Entwicklung EU-weit zu beobachten. Auch in Österreich wurden seither kontinuierlich Maßnahmen zum Zweck der propagierten Harmonisierung der Hochschulsysteme gesetzt, unabhängig davon, welche Parteien die Regierung stellten.

Mit AktivistInnen im Gespräch.

Gegen diese Trends in der Bildungspolitik spricht sich auch das Aktionskollektiv Freie Bildung aus. Diese bunt gemischte in Wien ansässige Gruppe ist unter anderem aus der Initiative von Basisgruppen der Uni Wien entstanden und trifft sich regelmäßig seit Herbst 2017. Die Autorin hat die beiden Mitglieder Marie und Tobias getroffen und wollte wissen, was eigentlich genau mit der Ökonomisierung der Bildung gemeint ist.

Zunehmender Druck auf Studierende.

Neben der Wiedereinführung von Studiengebühren für berufstätige Studierende kritisiert das Aktionskollektiv noch weitere umstrittene Reformen im Hochschulbereich. Dazu zähle das striktere Rahmenwerk für Studierende (etwa durch weniger Prüfungsantritte), um sogenannte „Bummelstudierende“ loszuwerden, so Tobias. Würde man dann pro Semester nicht eine bestimmte Anzahl von ECTS-Punkten (European Credit Transfer System) erbringen, könne es bis zur Exmatrikulierung kommen.

Wer ist besonders betroffen?

Abgesehen davon, dass ein Studium somit für viele Berufstätige, die aus Haushalten mit geringem Einkommen kommen, nicht mehr finanzierbar ist, könnte sich das Studium auch qualitativ weiter verändern, erklärt Marie. Studierende sollten möglichst schnell einen Abschluss erlangen. Dabei gehe es um eine vorgefertigte, spezifische Ausbildung (Anm: In einer gemeinsamen Erklärung von 1999 sprachen die Europäischen BildungsministerInnen von sogenannten arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen) statt um Bildung im Sinne tiefgreifender, individueller Auseinandersetzung mit einem oder mehreren Fächern. Von diesem Leistungs- und Zeitdruck seien ob der geplanten Neuerungen bei den Studiengebühren vor allem arbeitende Studierende und migrierte beziehungsweise geflüchtete Studierende betroffen, ergänzt Tobias. Was letztere angeht, wolle man außerdem das erforderliche Sprachniveau für die Aufnahme eines Studiums an österreichischen Universitäten weiter anheben.

Wie fair sind Aufnahmetests?

Auch Zugangsbeschränkungen für einzelne Studien, wie sie es derzeit schon für einige Studiengänge gibt, sieht das Aktionskollektiv kritisch. In diesen Verfahren würden sich laut Tobias ebenso ökonomische Verhältnisse widerspiegeln. Denn wer aus einer sozioökonomisch bessergestellten Familie käme, genieße in der Regel schon im Primär- und Sekundärbereich höherwertige Bildung und könne bei allfälligen Aufnahmetests somit leichter gute Ergebnisse erzielen. BewerberInnen, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben und die nachweislich ohnehin geringere Chancen haben, selbst zu studieren (Quelle: Eurostudent-Datenbank), wird der Zugang zur Hochschulbildung dadurch zusätzlich erschwert. Auch die vor kurzem erschienene Bildungsstudie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) besagt, dass Bildung in Österreich nach wie vor „vererbt“ wird.  Nur ein Drittel der Studierenden in Österreich kommt nicht aus AkademikerInnen-Haushalten. Damit liegt Österreich deutlich unter dem OECD Durchschnitt.

Verschiedene Bildungsbegriffe.

Doch die Forderung nach freier Bildung problematisiert nicht nur den zunehmend exklusiven Zugang zu dem, was als Bildung bezeichnet wird. Marie betont, dass das Kollektiv generell ein anderes Verständnis dieses Begriffs vertritt, als es derzeit durch die Politik suggeriert wird. „Bildung sollte die Möglichkeit sein, Verschiedenes zu lernen und nicht, mit Scheuklappen links und rechts nur gewisse Inhalte vorgesetzt zu bekommen.“, erklärt die Aktivistin. Dies sei wesentlich, um einen breiteren Blick auf die Gesellschaft zu erlangen und Entwicklungen kritisch hinterfragen zu können. Insofern vertritt Marie die Ansicht, dass freie Bildung gerade in Zeiten erstarkenden Rechtspopulismus umso wichtiger sei.

In der Pädagogik der Unterdrückten (1970) spezifiziert auch Paulo Freire (s)einen ähnlichen alternativen Bildungsbegriff: Bildung sei nicht statisches Wissen, das passiven SchülerInnen von einer überlegenen Instanz eingetrichtert wird. Vielmehr handle es sich um einen Bewusstwerdungsprozess durch den Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden, der sodann zur Humanisierung beider Seiten führe. Die Lernenden sollten sich der auf sie wirkenden Herrschaftsmechanismen bewusst werden, darüber reflektieren, um schließlich aktiv in die bestehenden Strukturen einzugreifen und sich zu emanzipieren. Die Lehrenden sollten also keine Antworten vorgeben, sondern im Gegenteil Fragestellungen aufbringen, um zum eigenständigen Denken anzuregen. Ein derartiges Bildungsverständnis mutet immer mehr als Gegenposition zu aktuellen Bildungspolitiken an.

Der zweite Teil des Artikels wird sich der Frage widmen, wie die Privatwirtschaft auf den Bildungssektor einwirkt und was das für die politische Partizipation der Zivilbevölkerung bedeutet. Zum Artikel geht es hier.

 

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at



Weiterführende Links:

OECD Studie

Eurostudent Datenbank

 


Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.