Über die Ökonomisierung des Hochschulsektors. Teil 2

Im weiteren Gespräch mit Marie und Tobias vom Aktionskollektiv Freie Bildung ging es um private GeldgeberInnen in der Wissenschaft und die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Allianzen im Bildungsbereich.

Hegemonieansprüche im Wissenschaftsbetrieb.

In den verschiedenen Bildungsbegriffen (siehe Teil 1) gründen sich auch unterschiedliche Ansichten darüber, welche Inhalte oder Studiengänge als sinnvoll erachtet werden und somit finanziell unterstützenswert sind. Hier würde wissenschaftsimmanente Machtpolitik betrieben, indem man die Logik der Ressourcenknappheit auch auf den Bildungssektor überträgt, so Maries Analyse. Das Argument lautet, man würde bei besonders theorielastigen, vergleichsweise breit angelegten Studieninhalten, wie sie vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu finden sind, die Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt vermissen. Diese wurde aber in der Logik des Bologna-Prozesses 1999 zu einem wesentlichen Anspruch der EU-weiten Hochschulpolitik. Dieser Entwicklung fiel, gegen den Widerstand vieler Studierender, bereits das Bachelorstudium Internationale Entwicklung zum Opfer. Von Seiten des Rektorats der Uni Wien wurde mit Ressourcenknappheit argumentiert, die es nicht ermöglichen würde, das Studium weiterhin zu finanzieren. Die Entscheidung, hier zu sparen, sei aber durchaus auch eine politische Entscheidung der Universität, argumentierten Studierende sowie die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH). Denn auch diese betont rationalen und dem Anschein nach notwendigen Maßnahmen fußen auf subjektiven Werturteilen. Die Hochschulpolitik scheint sich jedenfalls zunehmend an marktwirtschaftlichen, konkurrenzorientierten Kategorien zu messen.

Private GeldgeberInnen in der Forschung.

Die Hegemonie der Wirtschaft sei inzwischen noch tiefer verwurzelt, nämlich in der Wissensproduktion. Die Forderung nach freier Bildung schließt für das Aktionskollektiv daher mit ein, „dass wir die Abhängigkeit der Hochschulen von privaten Drittmitteln zurückdrängen wollen.“, so Marie. Dass Forschung und Entwicklung (F&E) ganz wesentlich durch Drittmittel finanziert werden, ist bereits weitläufige Praxis. Laut dem Universitätsbericht des Bundesministeriums von 2017 ist Österreich das Land, in dem der Anteil staatlicher Drittmittel am größten ist. Gleichzeitig habe aber die unternehmensfinanzierte Forschung, also private Drittmittel, in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Allein von 1998 bis 2013 habe sich der Finanzierungsanteil von F&E durch heimische Unternehmen verdreifacht. Durch private Förderungen ist es letzten Endes möglich, dass Wirtschaftstreibende mitbestimmten, welche Forschungsprojekte an den Universitäten umgesetzt werden, und können dabei Eigeninteressen verfolgen. Zwar seien jene Mittel laut einer Publikation von Transparency International „wichtige Impulsgeber für neue Forschungsfragen und das Entstehen von Innovationen“, jedoch beständen gleichzeitig Sorgen um die Freiheit beziehungsweise den emanzipatorischen Gehalt der Wissenschaft. Die Mittelherkunft einzelner Forschungsprojekte sei zudem meist nur schwer nachvollziehbar, was Korruption begünstige.

Alltag der Studierenden.

Natürlich sind aber nicht nur PolitikerInnen, UnternehmerInnen und ForscherInnen mit der Ökonomisierung der Bildung konfrontiert. Auch die Studierenden selbst spüren diesen Trend unmittelbar im täglichen Leben. Während Tobias die durch das Bologna-Abkommen geförderte Mobilität während und nach dem Studium als Fortschritt sieht, missfällt ihm dessen Bedeutung für den alltäglichen Uni-Betrieb. Ehemalige Diplomstudien würden in Bachelorstudien mit viel weniger Semestern „zusammengepresst“ und einzelne Lehrveranstaltungen durch Voraussetzungsketten verbunden. Dadurch würde die Koordination des Studiums erschwert und der Druck auf die Studierenden umso höher. Freizeit oder Zeit für politisches Engagement gebe es dementsprechend  wenig.

Breite Allianzen.

Auch die ÖH zeigt sich angesichts der aktuellen Entwicklungen im Hochschulbereich unzufrieden. Marie und Tobias weisen in diesem Zusammenhang auf das politische Mandat der ÖH hin. Dieses sei eine wichtige Möglichkeit für die HochschülerInnenschaft, die Interessen der Studierenden in allgemeinen politischen Diskursen zu vertreten. Die Existenz dieses Mandats bedeute, dass die Hochschule und die Hochschulpolitik als integraler Bestandteil breiterer, gesellschaftspolitischer Zusammenhänge anerkannt werden, so Tobias. Diese Ansicht teilt auch das Aktionskollektiv und will daher nicht nur Studierende mobilisieren, sondern in der gesamten Gesellschaft Bewusstsein für die weitreichende Bedeutung der Hochschulpolitik schaffen.

Aufstand der Empörten.

Ein erstes wichtiges Projekt dahingehend sei der „Aufstand der Empörten“ am 9. Juni 2018 gewesen. Bei dieser Demonstration habe das Aktionskollektiv Freie Bildung gemeinsam mit anderen Gruppierungen zum Protest gegen die weitere Ökonomisierung der Bildung aufgerufen. Schließlich hätten sich zwischen 1000 und 1500 Menschen an der Aktion beteiligt. „Für die erste Demo ist das zufriedenstellend“, so Tobias. „Aber in Zukunft möchte man natürlich mehr mobilisieren, auch außerhalb der Unis und Schulen.“ Beim Aufruf zur Vollversammlung des Aktionskollektivs habe man deshalb bewusst die Solidarität mit Nicht-Studierenden betont, ergänzt Marie. Diese gelte auch all jenen, die von der Abschaffung der Notstandshilfe, der Einführung des Zwölf-Stunden-Tags, der Schwächung der ArbeiterInnenkammer und Gewerkschaften oder von rassistischer Hetze betroffen sind.

Teil des Kollektivs werden.

Dementsprechend freut sich das Aktionskollektiv jederzeit über neue Zugänge, seien es neue Gesichter bei der nächsten Vollversammlung oder Ideen für kreative Protestformen. Ziel des Kollektivs sei es, ein anderes Verständnis von Bildung zu etablieren und zu leben. „Letztlich wollen wir in einen kollektiven, kulturellen, intellektuellen Austausch darüber treten, wie wir unsere Gesellschaft formen müssen, damit alle ein gutes Leben führen können“, brachte es Marie auf den Punkt. Um bestehende Strukturen aber überhaupt in Frage stellen zu können und Alternativen zu entwickeln, braucht es einen inklusiven, uneingeschränkten – eben freien Zugang zu Bildung.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


Weiterführende Links: 

– Universitätsbericht 2017, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung

– Drittmittel an österreichischen Hochschulen

 


Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.