Das war der WortMacht FemSlam

Poetische Wortmacht erfüllte letzten Freitag die C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik: Sieben PoetInnen trugen selbstgeschriebene Texte zum Thema „Macht und Geschlechterverhältnisse“ vor, um die Herzen der rund 180 ZuhörerInnen zu berühren – und für das Thema zu öffnen.Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Bildung im C3ntrum luden Baobab, das Paulo Freire Zentrum, der Mattersburger Kreis, die Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und die Frauensolidarität zum ersten Poetry Slam im C3–Centrum für Internationale Entwicklung ein. Nach der Begrüßung durch die Gastgeberinnen betrat Yasmin Hafedh alias Yasmo (Slam-Poetin, Rapperin) schwungvoll die Bühne, um als Slammasterin durch dieses „Wettlesen um die Gunst des Publikums“ zu führen. Vorgesehen waren zwei Runden, in denen die PoetInnen ihre Texte vortrugen und vom Publikum bewertet wurden. Die besten vier Texte qualifizierten die AutorInnen für die zweite Runde, in der ein jeweils neuer Text zur Publikumsbewertung stand und eine/n SiegerIn hervorbrachte.

Die Macht der Worte

„Ich werde oft gefragt, wie es für mich als Frau ist, auf der Bühne zu stehen – Würde man sowas einen Mann je fragen?“ Diese und andere Erfahrungen sprach sich Yasmin Hafedh mit ihrem Eingangstext von der Seele. „Immer wenn man etwas sagt, dann sagt man auch etwas nicht“, fuhr sie fort. Auch sie habe einst gesagt „Frauenquoten sind dumm“, denn es solle sich der/die Beste durchsetzen. Dass diese Ellbogen-Strategie im Kontext ungleicher Ausgangspositionen die Ungleichheit reproduziere, sei ihr aber später bewusst geworden. „Sprechen und sagen impliziert immer Denken und Taten“, sprach sich die Künstlerin wortstark gegen die Unterdrückung von Frauen aus.

Die Macht der Geschichte

An den historischen Kontext der Unterdrückung von Frauen erinnerte die Poetin Adina Wilcke mit ihrem Text. „Ich rückte seine Lorbeeren zurecht“, ließ sie die Frau eines Herrschers in der Antike verkünden, „während er seine Macht mit dem Geschmack von Weintrauben genoss“. Wilcke gelang es, historische Geschlechterverhältnisse mit den heutigen zu vergleichen und aufzuzeigen, dass der Weg zur Gleichberechtigung noch ein weiter sei. „Wir spielen doch in einem Team – und unser Team heißt Mensch“, hallten ihre Schlussworte durch die Bibliothek.

Die Macht der Wut

Yannick Steinkellners Text handelte von einer hitzigen Online-Auseinandersetzung, in der die UserInnen sich darüber stritten, ob Männer oder Frauen stärker gesellschaftlich benachteiligt werden. Daran schloss der Poet eine emotionale „Brandrede“: „Wie kann ein Mann nur auf die Idee kommen, dass eine Frau heute nicht benachteiligt ist?“, empörte sich Steinkellner. Es sei keine Ideologie und kein Wunsch, sondern ein Muss, dass „es überall, wo es einen Mann gibt, auch eine Frau geben kann!“, so das Plädoyer des vom Publikum als „Wutbürgerchen“ betitelten Autors, der lautstark verkündete, dass es keinen wichtigeren Kampf als jenen für Geschlechtergerechtigkeit gebe.

Die Macht der Ordnung

Ist Wut der einzige Motor für Veränderung alter Sozialordnungen? Wir bewegen uns in einer scheinbaren Ordnung, die von Macht geprägt ist, führte Mona Camillas leise und gleichzeitig eindringlich vorgetragener Text vor Augen. Eine Ordnung, die Menschen in Schubladen stecke, um Rangordnungen zu schaffen. „Warum haben wir Angst vor Unordnung?“ fragte Mona Camilla, und „was ist so bedrohlich an einer freien Frau?“ Frau und Mann seien doch „zwei Facetten einer Natur“. Und so „bin ich nicht weniger, aber auch nicht mehr wert“, so die Poetin zum gebannten Publikum.

Die Macht der Norm

Mit Selbstverständlichkeiten, Tabus und (Ab)Normalität beschäftigten sich auch die Texte von Maria (zu psychischen Krankheiten), Rhonda (zu Inter/Transsexualität) und Hirschl. Ausgehend von der Beschreibung einer Situation, in der eine Frau einen Mann belästigt, reflektierte Hirschl die eigene Wahrnehmung von Normalität: Vertausche man die Rollen der Situation, so erinnere diese an eine „normale“ Situation in der Disco. Verharmlost vom Deckmantel der Normalität passieren Überschreitungen von Grenzen oft alltäglich, resümierte der Autor.

Die Macht der Angst

Rollenbilder werden sehr früh durch Erziehung und Sozialisierung verinnerlicht, sodass ein Hinterfragen und Ausbrechen aus scheinbaren Normalitäten schwierig und bedrohlich erscheint. Das verdeutlichte der Text von Fanny Famos. Nach einer Kindheit „in rosa oder hellblau“ aus alten Rollenbildern auszubrechen sei heute zwar „in Mode“, doch von der Angst, die solch ein Schritt auslöse, spreche kaum jemand. Und so erzählte sie dem Publikum von ihrer Angst, aus dem Halt der Strukturen rauszufallen, auszubrechen –  und daran zu zerbrechen. Es braucht wohl nicht nur Wut, sondern auch Mut, um alte Sozialordnungen zu überwinden.

Die Macht alter Strukturen

Doch selbst wenn Wut und Mut die Tore zur Veränderung aufstoßen, so scheitere diese oft an alten Strukturen, zeigten schlussendlich die Texte der Finalrunde auf. „Vo nix kummt nix, sogt da Vota imma“ in Fanny Famos‘ Gedicht „Berggeflüster“. Auch Elias Hirschls literarische Gegenentwürfe zu romantisierenden Büchern, in denen ProtagonistInnen ausbrechen und ein besseres Leben beginnen, erinnerten daran, dass Faktoren wie Herkunft, Unterdrückung, Physiologie, Kultur und Gewohnheit oft das Ausbrechen aus unterdrückerischen Rollenbildern verhindern.

Ausbruch aus alten Rollen und Befreiung

Etwas Hoffnung gab der zweite Text von Yannick Steinkellner: Ein Schispringer, der es satt hat, immer nur zu fallen und endlich fliegen möchte, beendet seine Schikarriere – und wird Pilot. Birgt diese Geschichte auch eine Weisheit für die Überwindung ungleicher Geschlechterverhältnisse? Die angeregte Stimmung im Publikum versprach jedenfalls, dass so manche von den wortmächtigen Texten des FemSlams beflügelt wurden.

Die Autorin studierte Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Hier gehts zum Youtube-Link über den FemSlam!

Fotos: Paulo Freire Zentrum, ÖFSE

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Themen.