Über Geschlechtergerechtigkeit, die MDGs und den Beitrag Österreichs

Was war in den Millenium Development Goals (MDGs) für Frauen drin? Und welchen Beitrag hat Österreich für Geschlechtergerechtigkeit geleistet? Darüber diskutierten am 13. September 2014 VertreterInnen von feministischen Frauennetzwerken sowie der Austrian Development Agency (ADA) in der „Alten Kapelle“ am Uni-Campus, Wien.Der entwicklungspolitische Blick ist derzeit starr auf das Jahr 2015 gerichtet. In dem Jahr laufen die globalen Entwicklungsziele, die Millenium Development Goals (MDGs) aus, die im Jahr 2000 bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurden. Die acht Ziele sollten einen Rahmen für die Gestaltung der internationalen Entwicklungszusammenarbeit bieten und unter anderem zu mehr Geschlechtergerechtigkeit beitragen. Bereits vor ihrem Ablauf wird intensiv über eine geplante Neuauflage im September 2015 und die bestehenden Herausforderungen diskutiert. So müssen zwei unterschiedliche Diskussionsstränge – über Nachthaltigkeitsziele auf der einen Seite und neue Entwicklungsziele auf der anderen – zusammengeführt werden. Gleichzeitig wird versucht, möglichst viele staatliche und nicht-staatliche Akteure an einen Tisch zu bringen, um einen möglichst breiten Konsens zu erwirken. Welchen Stellenwert Geschlechtergerechtigkeit in den post-MDGs einnehmen wird, ist derzeit noch offen. Doch wie sieht es damit in der bisherigen Umsetzung der MDGs aus?

Geschlechtergerechtigkeit durch MDGs?

In einer neuen Studie geht das feministische Netzwerk Women in Development Europe (WIDE) der Frage nach, welchen Beitrag Österreichs Entwicklungspolitik zur Geschlechtergerechtigkeit bisher leistete. Co-Autorin der Publikation Claudia Thallmayer skizzierte am Podium zunächst den Status Quo der internationalen Umsetzung der MDGs aus frauenpolitischer Perspektive. Dafür seien insbesondere die MDG-Ziele drei „Geschlechtergleichstellung und Empowerment von Frauen“ und fünf „Verbesserung der Gesundheit von Müttern“ relevant. International gebe auf den ersten Blicke große Fortschritte – gefolgt von einem ABER. Im Bereich Empowerment und Gleichstellung, der sehr stark anhand von Bildungsindikatoren gemessen werde, sei es weltweit gelungen, den Gender Gap bei den Einschulungsraten in der Primärstufe zu schließen. Mittlerweile beginnen gleich viele Mädchen wie Buben die Grundschule. Ein großer Erfolg? Auf den ersten Blick! Doch die Hündin liegt im Detail. Denn die Drop-out-Quote, also die Zahl der Personen, die die Schule abbrechen, sei bei Mädchen wesentlich höher als bei Buben, was unter anderem auf die ungleiche Arbeitsbelastung im Haushalt, aber auch Faktoren wie häusliche Gewalt, zurückzuführen sei. Je höher der Bildungsabschluss, desto niedriger werde der Anteil von Mädchen und Frauen.

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Am Podium v.l.n.r. Claudia Thallmayer, Christina Stummer, Judith Zimmermann-Hößl, Betty Akullo; Foto: Paul Haller

Gleichstellung in Uganda

Einen Aufwärtstrend gebe es bei der politischen Beteiligung von Frauen, die im Rahmen der MDGs beispielsweise anhand des Anteils von weiblichen Abgeordneten in Parlamenten gemessen wird. Dieser sei weltweit auf ein Niveau von 20 Prozent gewachsen, wie die ugandische Rechtsanwältin und Entwicklungsexpertin Betty Akullo vom Frauennetzwerk Women and Rural Development Network (WORUDET) bestätigte. In Uganda sei der Frauenanteil im Parlament sogar auf ein Drittel gestiegen. Ein Level, auf dem auch Österreich stagniert. Nichtsdestotrotz gebe es noch immer sehr wenige Frauen in Führungspositionen, was zur Folge habe, dass frauenpolitische Themen oft unter den Tisch fallen.

Ziel fünf, die Senkung der Müttersterblichkeit, sei das am weitesten verfehlte Millenium Development Goal von allen, wie eine Diskutantin aus dem Publikum erwähnte. In Uganda stelle, laut Akullo, der Mangel an medizinischem Equipment und an Fachpersonal ein dramatisches Problem dar. In ländlichen Regionen sei die Distanz zu den nächsten Gesundheitseinrichtungen eine zusätzliche Hürde. „Ich selbst kannte zu viele Frauen, die bei der Geburt ihres Kindes starben“, bedauerte Akullo.

Österreichs Beitrag: Ernüchterung

Der Beitrag Österreichs zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit im Rahmen der MDGs sei ernüchternd, so Thallmayer. Während sich im OECD-Durchschnitt die Mittel für gendersensitive Entwicklungsprogramme seit 2002 verdreifachten, seien sie in Österreich rapide zurückgegangen. So wurden 2008 noch rund 80 Millionen Euro für gendersensitive Maßnahmen ausgegeben, 2012 allerdings nur 45 Millionen Euro. Die staatlichen Einsparungen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, die in diesem Zeitraum stattgefunden haben, seien aber nur ein Teil der Erklärung. Ein anderer sei die fehlende Priorisierung von gendersensitiven Maßnahme, die von den Kürzungen überproportional betroffen waren.

Christina Stummer (ADA, Bereich Gender) entgegnete, dass die Studie nur auf öffentlich zugängliche Daten zurückgreife, weshalb sie die Realität nicht eins zu eins widerspiegle. Im Dreijahresprogramm sei die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit bereits verankert. Das Außenministerium habe sich zusätzlich dazu verpflichtet, dass in Zukunft 75 Prozent der Projekte die Klassifikation eins und zwei des international anerkannten Gender Markers, und damit erhöhte Sensitivität für Geschlechtergerechtigkeit, aufweisen müssen.

Dass mit Budgetkürzungen die Qualität der Leistungen sinke, stimmte Thallmayer bedenklich. Statt der Förderung von Wirtschaftskooperationen sollten explizit Frauenorganisationen unterstützt werden, die eine immens wichtige Aufgabe erfüllen. Entwicklungszusammenarbeit sei nicht aus der staatlichen Verantwortung der Wirtschaft zu übergeben, wo Geschlechterblindheit möglicherweise noch ausgeprägter sei. Dies spiele auch in der post-2015-Diskussion eine Rolle, in der frauenpolitische Organisationen ihre Anliegen lautstark eingebracht haben. Nun müsse darum gekämpft werden, dass ihre Forderungen nicht wieder rausfliegen.

Weiterführender Link:

– WIDE-Studie: Von den MDGs zur Post-2015-Agenda



Der Autor studiert Internationale Entwicklung sowie Soziale Arbeit und ist Mitglied des Online-Redaktionsteams des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Genderungerechtigkeit, Themen.