Schreiben für die Freiheit – Gioconda Belli im Gespräch

Am 28. Oktober 2013 lud das C3 – Centrum für Internationale Entwicklung zu einer Veranstaltung mit der nicaraguanischen Schriftstellerin und Lyrikerin Gioconda Belli. Im Gespräch mit Ulrike Lunacek, Europasprecherin der Grünen, und Ines Mitterer vom ORF unterhielt sie sich über Literatur, Frauenrechte und politische Bewegungen in Lateinamerika.
Die 1948 geborene Belli gilt als eine der erfolgreichsten lateinamerikanischen AutorInnen unserer Zeit. Als ehemaliges Guerillera- und Parteimitglied der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (Frente Sandinista de Liberación Nacional, FSLN) – einer links orientierten Partei in Nicaragua, die aus der gleichnamigen Guerillaorganisation hervorging – ist sie auch für ihr politisches und soziales Engagement bekannt.

Trotz teilweise sehr ernster Themen, die im Laufe der Unterhaltung zur Sprache kamen, sorgte die Autorin mit ihrer sympathischen und humorvollen Art bei den etwa 170 BesucherInnen für gute Stimmung. Die Moderatorinnen Mitterer und Lunacek trugen mit ihren Fragen und Diskussionsimpulsen zu einem kurzweiligen und gelungenen Abendprogramm bei.

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Ines Mitterer, Ulrike Lunacek und Gioconda Belli (v.l.n.r.)

Die „Partei der Erotischen Linken“

Was hat ein Fuß mit rotlackierten Zehennägeln mit Politik zu tun? Alles – zumindest in Bellis Roman „Republik der Frauen“, der 2012 in deutscher Sprache erschienen ist. Der Fuß steht darin als Symbol für die nur aus Frauen bestehende „Partei der Erotischen Linken“ (Partido de la Izquierda Erótica, PIE), die in einem fiktiven Staat an der Macht ist und dort das frauenfeindliche System ordentlich umwälzt. Was LeserInnen im ersten Moment zum Schmunzeln anregt und etwas absurd erscheint, ist jedoch durchaus mit realen Absichten verbunden. PIE gibt es nämlich tatsächlich. Von Belli und neun ihrer Freundinnen ins Leben gerufen, beläuft sich die Mitgliederanzahl heute bereits auf etwa 1.000 Personen. Was die Ziele seien? Eine globale Partei ohne Hierarchien zu schaffen, die die Möglichkeit habe, große, fruchtbare Ideen zu verbreiten und damit die Welt Schritt für Schritt zu verändern. Und ein (verstärktes) Bewusstsein zu schaffen für die Strukturen, in denen wir uns bewegen und die wir ständig reproduzieren. So sei es beispielsweise enorm wichtig, die vorherrschenden Bedingungen in der Arbeitswelt zu verändern, die Mutterschaft zum Nachteil der Frau machen. Wenn man schon in ökonomisches „Nutzendenken“ verfalle, solle man wenigstens berücksichtigen, dass die Frau als Mutter eigentlich Arbeitskräfte produziert. Außerdem müsse man davon wegkommen, Kindererziehung als alleinige Angelegenheit der Mutter zu betrachten, denn sie sei Sache der Eltern – oder solle dazu gemacht werden.

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Politisches Engagement als Verantwortung und Verpflichtung

Es wäre zu einem großen Teil die Mutterschaft gewesen, die sie, Belli, verändert und zum Agieren gebracht habe. Bereits mit 23 Jahren war sie zweifache Mutter. Natürlich wäre sie sich der zusätzlichen Gefahren, der eine Guerilla-Aktivistin ausgesetzt ist, bewusst gewesen, doch hätte sie es als ihre Pflicht gesehen, etwas zu tun. Sie habe sich immer gesagt, dass sie es für ihre Kinder tue, denn diese sollten in einer anderen, besseren Welt aufwachsen. Und letztendlich würde durch ein Nicht-Handeln die Verantwortung nur an eine andere Generation weitergegeben. Auch heute noch sieht die gebürtige Nicaraguanerin eine Notwendigkeit zum politischen Handeln: „Die jungen Menschen tragen eine große Verantwortung, auch für die Geschichte! Es gibt so viele Kämpfe, die auf dieser Welt noch zu führen sind, da ist kein Platz für Resignation!“

Die aktuelle lateinamerikanische Politik beobachtet Belli mit Sorge. Bezogen auf Nicaragua merkt sie an, dass das Parlament von der Fraktion Daniel Ortegas (aktueller nicaraguanischer Präsident, Vorsitzender der FSLN) dominiert sei und der demokratische Bereich zunehmend geschmälert werde. Es müsse die Möglichkeit geben, mit dem Alten zu brechen und Alternativen zu entdecken, so wie sie es ihrerseits in den 1990er Jahren getan habe. Mit der absoluten Macht einer Partei ist sie nicht einverstanden und auch die diskriminierende Haltung gegenüber Minderheiten, die in der Politik viel zu oft zu Tage trete, gefällt ihr nicht. Als Intellektuelle betrachtet sie es als ihre Aufgabe, ja als ihre Pflicht, die momentanen Entwicklungen in Lateinamerika zu kritisieren.

Mit Kunst die Welt verändern

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Kritik, wenn nicht sogar eine Art der Rebellion, findet man auch in Bellis Romanen. Literatur, beziehungsweise in etwas allgemeinerer Form Kunst, betrachtet sie als Instrument der Veränderung, das die Chance bietet, Visionen einzuleiten. Literatur mache Kämpfen möglich und fördere die Träume der Menschen. „Beim Lesen identifizieren wir uns mit Charakteren. Bücher geben uns die Möglichkeit, in andere Rollen zu schlüpfen und uns in andere hineinzuversetzen und einzufühlen.“ Das sei auch einer der Gründe, warum Menschen Filme und Geschichten lieben. Die Autorin wolle ihre LeserInnen fühlen lassen, dass Veränderung möglich ist. Dass es sich lohnt, für etwas zu kämpfen. Und dass man in diesem Kampf nicht alleine ist.

Auf die Frage von Lunacek, ob Belli aus heutiger Sicht Dinge anders angehen würde oder ob ihr irgendetwas leid tue, was sie in ihrer Vergangenheit getan hat, antwortet diese mit einem Lachen: „Ich bereue nichts.“

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Fotos: Shila Auer. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.