Was haben „sexy Entwicklungsstrategien“, Dominque Strauss-Kahn und neoliberale Gewalt gemeinsam? Sie alle sind Themen der Schwerpunktausgabe „Sexualitäten und Körperpolitik“ des Journals für Entwicklungspolitik (JEP 1/2013), das bei der Heft-Präsentation am 17. Oktober 2013 Raum für gemeinsame Reflexion eröffnete. AutorInnen und HerausgeberInnen diskutierten auf Englisch mit rund 50 BesucherInnen.Am Podium führte Jule Fischer vom Verein Frauensolidarität durch den Abend und sorgte gleich zu Beginn für Lacher im Publikum, als sie die verantwortliche Schwerpunktredakteurin und Professorin des Instituts für Internationale Entwicklung Hanna Hacker als „Socialist“ an Stelle von „Sociologist“ vorstellte. Selbstironisch besserte sie sich kurzerhand mit den Worten aus: „Maybe, Hanna, you’re a socialist too, but today we are interested in you as a sociologist.“ (Deutsch: „Vielleicht, Hanna, bist du auch eine Sozialistin, aber heute interessieren wir uns für dich als Soziologin.“)
Arge_bodies_gender_sex
Clemens Huber gab Einblicke in den Entstehungsprozess des Hefts rund um die seit 2011 existierende Forschungsgruppe „arge_bodies_gender_sex“. Diese wurde von Hanna Hacker am Institut für Internationale Entwicklung initiiert und beschäftigt sich seither mit den Themenfeldern Sexualität(en), Gender und Körper in der Entwicklungsforschung, -politik und -zusammenarbeit.
Als Hacker ihre Professur im Jahr 2009 annahm und daraufhin vom Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik gefragt wurde, eine Schwerpunkt-Ausgabe zum Thema „Gender“ herauszugeben, sei ihr klar gewesen, dass sie den thematischen Fokus auf „Sexualitäten und Körperpolitik“ verschieben würde, um den teils marginalisierten Themen mehr Raum zu verschaffen. Gemeinsam mit den Mitgliedern der arge_bodies_gender_sex wurde das Vorhaben umgesetzt. Ihr eigener Beitrag werfe einen kritischen Blick auf die so genannten „sexy Entwicklungsstrategien“, die ausgehend vom diskursprägenden britischen Institute of Development Studies (IDS) in Sussex seit einigen Jahren (durchaus erfolgreich) versuchen, „lustvolle“ sowie auf Begehren fokussierte Perspektiven auf Sexualität im Entwicklungsdiskurs zu etablieren.
Ein Manko der JEP-Ausgabe sei, dass queer-feministische und postkoloniale Ansätze in Bezug auf „Körper“ zu kurz kämen und lediglich in einer Rezension von Studienassistentin Isabelle Garde auftauchen. Dies würde Hacker aus heutiger Sicht anders machen.
Gewalt, Macht und Dominique Strauss-Kahn
Neben den aus queer-theoretischen, anti- und postkolonialen Perspektiven verfassten Beiträgen der übrigen AutorInnen falle laut Clemens Huber der Artikel der französischen Soziologin und feministischen Kritikerin Jules Falquet etwas aus dem Rahmen. In ihrem Text habe die Autorin einen eher materialistischen und weniger queeren Zugang gewählt. Sie stelle beispielsweise die Zweigeschlechterordnung nicht grundsätzlich in Frage, fügte Hacker hinzu, sondern verbleibe in den Kategorien „Männer“ und „Frauen“.
In ihrer Abhandlung beschäftigt sich Falquet, die eigens für die Heft-Präsentation aus Paris angereist war, mit der Verknüpfung männlicher mit neoliberaler (sexueller) Gewalt an Hand des Beispiels Dominique Strauss-Kahns. Der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialistischen Partei (SP) machte seit 2011 in internationalen Medien Negativ-Schlagzeilen, als er in den USA festgenommen und der versuchten Vergewaltigung von Nafissatou Diallo angezeigt wurde.
Neoliberale und sexuelle Gewalt
Strauss-Kahn galt als der einflussreichste sozialistische Ökonom Frankreichs mit hohen Chancen auf das Präsidentschaftsamt. Es sei dem Mut von Diallo, die gerichtlich gegen Strauss-Kahn vorging, sowie dem unterstützenden Hotel-Management und der US-amerikanischen Polizei zu verdanken, dass der Fall nicht totgeschwiegen wurde. Die öffentliche Diskussion in Frankreich ginge damals zum Teil in eine andere Richtung. Viele Stimmen meinten, man dürfe den Star-Ökonomen nicht politisch verurteilen, „nur“ weil es „private Verfehlungen“ gegeben habe. Aus feministischer Sicht sei gerade das Private höchst politisch. Es gehe nicht nur um einen Einzelvorfall, sondern vielmehr um die Verbindung sexueller Gewalt an Frauen mit struktureller ökonomischer Gewalt sowie der Problematik von politischer Immunität und Straflosigkeit.
Im Hotelzimmer, in dem sich der Vergewaltigungsversuch abgespielt habe, standen sich zwei Menschen mit unterschiedlichen ökonomischen und politischen Handlungsmöglichkeiten gegenüber. Auf der einen Seite der reiche, „weiß markierte“, männliche Strauss-Kahn, der als damaliger Chef direkt für die Liberalisierungspolitiken des IWF verantwortlich gewesen sei, die große Bevölkerungsteile Guineas – dem Herkunftsland von Nafissatou Diallo – in zunehmende Armut drängten; auf der anderen Seite die finanziell schlechter gestellte, durch die Rassialisierungsprozesse der Migrationspolitik „schwarz markierte“, weibliche Arbeiterin Diallo, die auf Grund dieser Politiken in die USA auswanderte und als „Zimmermädchen“ im Hotel tätig war, in dem Strauss-Kahn nächtigte. Durch seine neoliberale Politik habe er somit die Bedingungen für die Situation geschaffen, in der der Vergewaltigungsversuch stattgefunden habe. Es gehe Falquet darum, die Verbindungen der sozialen Machthierarchien „sex“, „race“ und „class“ aufzuzeigen.
Mission accomplished?
Auf die Frage aus dem Publikum, wie es mit der arge_bodies_gender_sex nach der JEP-Ausgabe weitergehe, scherzte Hanna Hacker, dass die „Mission“ nun beendet sei, um dann auszuführen, dass die Publikation nie ein Schwerpunkt ihrer Arbeit gewesen sei. Es freue sie, dass beispielsweise ein Lehrenden-Kollektiv aus der Gruppe entstanden ist. In Zukunft seien sie offen für interessierte Neuzugänge. Die vorliegende JEP-Ausgabe bietet eine gute Einstiegsmöglichkeit in die Themenfelder der Forschungsgruppe.
Der Autor ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.