Gender Matters! Kongress zur Humanitären Hilfe

Am 8. März 2013 fanden sich zahlreiche Interessierte am zweiten „Humanitarian Aid“ Kongress in der Universität Wien ein. Unter dem Leitthema „Gender Matters“ organisierten zehn große österreichische humanitäre NGOs und das Institut für Internationale Entwicklung eine Tagung mit spannenden Beiträgen zum Thema.In seiner Eröffnungsrede kritisierte Michael Bubik, Vorsitzender des österreichischen NGO-Dachverbands „AG Globale Verantwortung“, die mangelnden öffentlichen Leistungen im Bereich der Humanitären Hilfe. Er wies darauf hin, dass der Anteil der Humanitären Hilfe an den Gesamtausgaben der ohnehin niedrigen Ausgaben Österreichs für Entwicklungszusammenarbeit im internationalen Vergleich enorm klein ist und forderte das Publikum auf, gegen weitere Kürzungen einzutreten. Die EU-Kommissarin für Humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Kristalina Georgieva, pflichtete ihm bei und betonte die Wichtigkeit, Gender als Querschnittsthema in alle Bereiche der Planung bis zur Durchführung von Hilfsprojekten zu integrieren. Keine neue Forderung, jedoch sei die Kommission derzeit dabei, eine neue politische Ausrichtung zu formulieren.

PICT0046a.JPGEingangspannel mit Anne Street, Ulrike von Pilar, Kristalina Georgieva, Mbuyiselo Botha (von links nach rechts); Foto: Paul Haller

Von Empowerment und neuen Rollenbildern

Eigentümlich waren die Fotos, die auf zwei große Leinwände an beiden Seiten des Podiums projiziert wurden, während Kristalina Georgieva ihre Rede hielt. In verschieden Kontexten war die EU-Kommissarin als „Helferin in Not“ abgebildet, umringt von lachenden Kindern oder inmitten von Trümmerhaufen aus zerstörten Gebäuden. Wer hätte gedacht, dass sich so die alltägliche Arbeit einer EU-Kommissarin gestaltet? Zu einigen Bildern gab Georgieva Erklärungen mit teils trauriger, teils hoffnungsvoller Stimme. Da standen zum Beispiel EU-Kommissarin Georgieva und eine anonyme Frau, die lächelnd einen Essensgutschein über umgerechnet 13 Euro in Richtung Kamera hielt, Seite an Seite. Ein Beispiel für Empowerment von Frauen, wie die EU-Kommissarin stolz ausführte. Denn durch das Hilfsprojekt, durch das diese Gutscheine direkt an Frauen und nicht an Männer verteilt würden, gelänge es patriarchale Strukturen zu durchbrechen. Der Status der Frauen würde sich dadurch in der Gesellschaft erhöhen. Ob diese Art der Hilfe gleichzeitig eine Abhängigkeit von Hilfsorganisationen zur Folge hat, wurde leider nicht thematisiert.

Eine Teilnehmerin aus dem Publikum fragte im Anschluss an die Vorträge, wie man einer Zunahme von häuslicher Gewalt entgegensteuern könne. Männer könnten sich durch das ausschließliche Verteilen der Essensgutscheine an Frauen in ihrer Rolle bedroht fühlen, was bereits in mehreren Projekten zu einem erhöhten Maß an körperlicher Gewalt an Frauen geführt hat. Eine Problematik, die der EU-Kommissarin offensichtlich bewusst war, da sie meinte, man müsse besonders sensibel auf diese nicht-intendierten Nebeneffekte achten.

Der südafrikanische Aktivist Mbuyiselo Botha machte darauf aufmerksam, dass Gewalt kein Phänomen des „globalen Südens“ sei, auch wenn es oftmals so dargestellt werde. Es sei wichtig, neue gewaltfreie Rollenbilder in Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen auf der ganzen Welt zu integrieren und dabei sowohl Burschen als auch Mädchen anzusprechen.

Renaissance der Humanitären Prinzipien?

Dem Einstiegsprogramm folgten thematische Podiums- und Publikumsdiskussionen im großen und kleinen Festsaal der Universität Wien. Eine davon widmete sich der Rolle der Medien in der Humanitären Hilfe. Eine andere fokussierte auf die Gefahren, denen KrankenpflegerInnen, ÄrztInnen und andere Personen im Gesundheitssektor in Krisengebieten ausgesetzt sind. Laut Yves Daccord, Generaldirektor des Roten Kreuz, sind beispielsweise allein im Irak in den Jahren 2006 bis 2007 zwischen 600 und 700 ÄrztInnen getötet worden. Dies habe weitreichende Folgen gehabt, da daraufhin die Hälfte der ÄrztInnen das Land verließ.

Dramatisch sei zudem, dass bis zu 70 Prozent der in Konflikten attackierten Personen aus der lokalen Bevölkerung stammen. Auch dreiviertel aller attackierten JournalistInnen seien nicht internationale sondern lokale. Obwohl es bereits ausreichende internationale Regelungen gebe, die den Schutz von zivilen BürgerInnen garantieren sollen, werden diese zu oft ignoriert. Es sei an der Zeit, neu über die humanitären Prinzipien der Neutralität, Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Menschlichkeit sowie den Schutz der zivilen Bevölkerung zu sprechen.

Für Zündstoff sorgte Ulrike von Pilar von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, als sie den „Humanitarian Director“ der Caritas Internationalis, Alistair Dutton, fragte, wie es mit dem Prinzip der Unabhängigkeit vereinbar sei, wenn seine Organisation finanziell vom Vatikan abhänge, der noch dazu die Missachtung von Frauenrechten fördere, indem er beispielsweise Vergewaltigungen in der Ehe nicht als solche anerkennen würde. Dutton antwortete, dass die Kirche sehr breit und er nicht Repräsentant des Vatikans, sondern von einer Institution innerhalb des Vatikans sei.

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Sitzkreise im „Humanitarian Café“; Foto: Charlotte Kottusch

Humanitarian Café

Ein besonderes Ambiente bot das „Humanitarian Café“, bei dem sich die TeilnehmerInnen in Sesselkreisen im Raum verteilten und in direktem Austausch mit jeweils einer „Humanitarian Aid Arbeiterin“ standen. In wechselnden Kleingruppen berichteten die Frauen aus Pakistan, Libanon und Kroatien von ihren Erfahrungen in der Humanitären Hilfe. Die Expertin für „Gender und Disaster Risk Reduction“, Jannat Durani, erzählte beispielsweise von den Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Rollenbildern, die sie überwinden musste, um ihren Beruf ausüben zu können.

Alles in allem bot der Kongress viel Raum für Austausch und Diskussion. Die oft sehr interessanten und manchmal etwas phrasenhaften Einstiegsreden wurden in den verschiedenen thematischen Einheiten durch Beiträge von Podium und Publikum lebendig. Das Thema Gender wurde leider oftmals auf die Rolle von Frauen in Konfliktsituationen reduziert. Über weite Strecken war weniger von komplexen Geschlechterbeziehungen und wirkungsmächtigen Rollenbildern, als von der besonders hohen Vulnerabilität von Frauen die Rede.

Lesen Sie auch den Artikel zur Podiumsdiskussion „Humanitarian Aid and Media“ am Humanitären Kongress. Einige der Vorträge und Diskussionen wurden gefilmt und können online auf https://www.humanitaerer-kongress.at/live/ angeschaut werden.

Der Autor ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.