Haben wir es mit einem unlösbaren Konflikt zu tun oder sind Ökonomie und Ökologie versöhnbar? Die Ökonomin Özlem Onaran und der Soziologe und Umweltaktivist Ashish Kothari widmeten sich diesem existentiellen Thema und stellten den rund 200 TeilnehmerInnen ihre Lösungsvorschläge vor.
Diese Nachveranstaltung zur 6. Österreichischen Entwicklungstagung fand am 20. Januar 2015 in der Diplomatischen Akademie statt. Organisiert wurde sie von der Diplomatischen Akademie und dem Paulo Freire Zentrum.
Die multiple Krise
„Wir haben eine multiple Krise“, betonte Onaran am Beginn ihres Vortrags, doch die ökonomische Dimension verstelle den Blick auf die ökologische Dimension und das Bewusstsein für ökologische Grenzen sei heute weniger vorhanden, als vor der Finanzkrise. Auch die politische Dimension, die Krise der Repräsentation, und soziale Aspekte (Arbeitslosigkeit und globale soziale Ungleichheit) würden tendenziell ignoriert, anstatt kritisch reflektiert. Lösungsansätze seien meist kurzfristig, während Strukturveränderungen kaum verfolgt würden. Mit ihrer Diagnose „we simply don’t care“ (dt.: Wir sorgen uns einfach nicht darum) verwies Onaran auf einen weiteren Aspekt der Krise: die „Care Crisis“ (dt.: Krise des Sorgens), die von prekärer Arbeit in der Pflege bis hin zur fehlenden Sorge für die Natur reiche. Um angesichts dieser Krisendiagnose handlungsfähig zu werden, rief Onaran in Anlehnung an Gramsci dazu auf, den Pessimismus des Verstandes Kritik walten zu lassen, aber einen Optimismus des Willens zu pflegen – ganz im Sinne eines „we care“ (dt.: Wir kümmern uns)! Doch welche konkreten Maßnahmen braucht es, um eine grüne „Care-Ökonomie“ zu gestalten?
Foto: Laura Magenau
Politökonomische Entwicklungsstrategie – nachhaltig und mit Fokus auf Gleichheit
Onaran spielte drei Zukunftsszenarien durch: Die Fortführung des Status quo, durch Privatisierung, Niedrig-Löhne und Austeritätspolitik dem Wirtschaftswachstum nachzujagen, führe zu einer Vertiefung der Krise. Auch ein „Staats-geleiteter, grüner Deal“, geprägt durch staatliches Investment, Arbeitsplatzgenerierung und grünen Technologien, wäre nur oberflächlich nachhaltig, denn er orientiere sich weiterhin am Wachstum und (Macht-)Strukturen blieben unangetastet. Im Sinne der tiefgehenden Transformation schlug Onaran also eine „Gleichheits-geleitete, nachhaltige Entwicklungsstrategie“ vor: Es brauche tatsächlich mehr öffentliches Investment durch einen aktiven Staat, dieser solle jedoch in soziale und ökologische Infrastruktur investieren. Geförderte Jobs im zwischenmenschlichen und Umweltbereich würden als Kern der neuen Wirtschaft eine Kette positiver Effekte nach sich ziehen. Nicht nur die „Krise des Sorgens“ könne behoben werden, sondern auch die allgemeine Arbeitslosigkeit, da solche Jobs sehr arbeitsintensiv seien. Eine Aufwertung des Pflegesektors würde außerdem der sozialen Ungleichheit von Frauen, die oft unbezahlte Pflege leisten, entgegenwirken. Darüber hinaus basiere diese Arbeit nicht auf ressourcenintensiver Produktion und somit wäre auch der ökologischen Krise geholfen.
Neben dem Fokus auf sozial und ökologisch relevante Arbeit sei jedoch auch die Umgestaltung von Arbeitsverhältnissen wichtig: Es brauche eine globale Regulierung des Arbeitsmarktes, globale Lohnerhöhungen und eine Verringerung von Arbeitszeiten, damit die Nachfrage nach glücks- und gesundheitsfördernden Dienstleistungen steige und nachhaltige Lebensstile entstehen können.
Doch wie sollten diese vielversprechenden Maßnahmen finanziert werden? Onaran hatte auch dafür einen Vorschlag: Mit der Umverteilung durch Steuern ließen sich die notwendigen Finanzen generieren. Und schließlich – so Onaran mit Keynes‘ Worten – würde sich das Budget von selbst regulieren, sofern ausreichend für gerechte Beschäftigung gesorgt würde.
Özlem Onaran und Martina Neuwirth (VIDC); Foto: Laura Magenau
Radikale ökologische Demokratie als Alternative zur staatsgeleiteten Entwicklung
Onaran stützte diese Umgestaltungsvorschläge auf ihren Optimismus bezüglich der Transformationskraft des Staates. Ashish Kothari hingegen, der kurzfristig seine Reise absagen musste und dessen Beitrag daher als Videoeinspielung gezeigt wurde, formulierte eine skeptischere Haltung gegenüber dem Staat: Er begriff das Entwicklungsmodell des indischen Staates als kolonialisierend und gewalttätig gegenüber Menschen, sozialen Gruppen, kultureller Diversität und dem Ökosystem und betonte die Notwendigkeit einer Dezentralisierung des Staates – einer „radikalen ökologischen Demokratie“. Den Kern dieses Ansatzes bildeten nicht ökonomische Elemente wie Arbeit und Verteilung, sondern vor allem politische Strukturen und gesellschaftliche Werte. Die neue Politik solle auf dezentralen lokalen Entscheidungsprozessen basieren und „ökoregional“ länderübergreiffend organisiert sein. Der Staat nähme in diesem Modell eine zurückhaltende Rolle als Garant von Rechten und partizipatorischen Strukturen ein und auch auf globaler Ebene brauche es partizipatorische Entscheidungsfindungen. Damit diese Rahmenbedingungen nicht Zweck an sich bleiben, sondern Mittel, um neue gesellschaftliche Realitäten zu gestalten, bedürfe es auch neuer Werte. Neben dem Kernprinzip der Gleichheit, sollten Indikatoren wie Glück, Ernährungssicherheit, würdevolle Lebensbedingungen, soziale Beziehungen, Gesundheit, Lernmöglichkeiten, Gemeingut und ökologisches Gleichgewicht maßgebend werden. Dieser idealistischen Klarheit stünden jedoch realistische Unklarheiten gegenüber: Brauche es für das Modell eine profitorientierte Wirtschaft und die große Industrie? Und wer seien die geeigneten Akteure für die Transformation?
Gegenseitige Bereicherung durch die ökonomische und ökologische Perspektive
Das Publikum zeigte in der anschließenden Diskussion reges Interesse. So wurde unter anderem die Frage nach der Relevanz von Wirtschaftswachstum und Technologien gestellt und von Onaran dahingehend beantwortet, dass ein niedriges Wachstum und neue Technologien zwar günstig sein könnten, aber keine übergeordneten Ziele darstellen sollten. Das Ziel sollten neue Arbeits- und Lebensweisen sein und – aus Kotharis Perspektive – eine gewaltfreie, partizipatorische ökologische Demokratie, getragen von uns allen.
Laura Magenau studierte Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Hier der detaillierte Veranstaltungsbericht: Jenseits aller Grenzen. Ökonomie gegen Ökologie.pdf (625.89 KB)
Film zur Veranstaltung: https://www.pfz.at/article1785.htm