BettlerInnen werden in der Öffentlichkeit oft als Roma und Romnija wahrgenommen. Ihre mediale Darstellung wird begleitet von Rassismen und Angstmacherei, die wiederum politische Sanktionen hervorbringen. Über diese einseitige Wahrnehmung diskutierten bei der Veranstaltung „Die imaginierte ‚Bettlerflut'“, organisiert unter anderen vom Institut für Umwelt – Friede – Entwicklung (IUFE), am 11. Februar 2013 rund 60 TeilnehmerInnen.Kaum ein Alltags-Phänomen ruft derart emotionale Reaktionen hervor, wie die Armut vor der eigenen Haustür. BettlerInnen werden in österreichischen Medien und politischen Diskursen dabei oft zur Zielscheibe von rassistischen Vorurteilen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts des Instituts für Geschichte der Universität Graz haben Stefan Benedik und Barbara Tiefenbacher Formen der Migration von Roma und Romnija aus post-sozialistischen Ländern in die steirische Hauptstadt untersucht. Ihr Fokus lag auf der Konstruktion sozialer Identitäten sowie auf den Darstellungen von Roma und Romnija in österreichischen Medien. In ihren Analysen von Zeitungsartikeln und anderen Medienberichten kamen allgemeines Unwissen, gängige Vorurteile und wirkungsmächtige Rassismen zum Vorschein.
Barbara Tiefenbacher und Stefan Benedik; Foto: Gerald Faschingeder
„Bettelhauptstadt Europas“?
Als Ausgangspunkt beschäftigten sich die beiden ForscherInnen mit der weit verbreiteten und in Zeitungen oft reproduzierten Vorstellung, dass Graz, als so genannte „Bettelhauptstadt Europas“, eine besondere Anziehungskraft auf MigrantInnen habe, die aus post-sozialistischen Ländern in den „Westen“ auswandern, um sich dort ihr Geld durch Betteln und andere Formen der ungeregelten Erwerbstätigkeit zu verdienen. In den Impulsvorträgen zu Beginn der Veranstaltung zeigten sie auf, dass diese Behauptung wissenschaftlich nicht haltbar sei, da europaweit in vielen Städten vergleichbare Migrationsbewegungen nachgewiesen werden könnten.
Weiters untersuchten Benedik und Tiefenbacher die Frage, wie soziale Identitäten von Roma und Romnija in Graz durch mediale und öffentliche Diskurse geprägt werden. Dabei stellte sich in ihrem Forschungsprojekt bald heraus, dass Migrationsbewegungen von Roma und Romnija ausschließlich dann thematisiert würden, wenn es ums Betteln gehe. Die Bezeichnungen „Roma“ und „Bettler“ würden in Zeitungen sogar weitgehend als Synonyme verwendet.
Foto: Gerald Faschingeder
Imaginierte Gruppenzugehörigkeit
Stefan Benedik bemerkte, dass die Wahrnehmung von migrierenden Roma und Romnija seit dem 19. Jahrhundert auf rassifizierenden Stereotypen beruhe, die auch heute noch wirkungsmächtig seien. Sie bauen auf der Vorstellung auf, dass die wahrgenommenen MigrantInnen eine einheitliche Gruppe bilden würden. Dem häufig verwendeten Begriff „Bettelbande“ komme dabei eine besondere Bedeutung zu, da er nicht nur die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, sondern gleichzeitig dessen Kriminalität unterstelle. In den Phantasien von Ausbeutung spiele Kriminalisierung eine wesentliche Rolle. Die Grüne Gemeinderätin Birgit Hebein meinte aus dem Publikum, dass die Verschärfung von Gesetzen – insbesondere von Bettelverboten – mit dieser angeblichen Kriminalität von so genannten „Bettelbanden“ argumentiert werde, obwohl es dafür keinerlei stichhaltige Beweise gebe. Seit 2010 habe es gerade einmal zwei Anzeigen gegeben. Verurteilungen seien keine bekannt. Man müsse also zwischen Armut und Ausbeutung unterscheiden.
Angesichts der Vielfalt der Herkunftsländer von BettlerInnen sei es besonders bemerkenswert, so Barbara Tiefenbacher, dass sich ein allgemeines Schein-Wissen durchgesetzt habe, wonach die in Graz bettelnden Menschen ausschließlich oder zumindest zur großen Mehrheit aus einer einzigen slowakischen Stadt, nämlich Medovce, stammen. Dies gehe sogar so weit, dass in einem Zeitungsartikel einem Bettler, der in Graz geboren und aufgewachsen ist, eine slowakischen Herkunft angedichtet wurde.
Žaklina Radosavljevic, Barbara Tiefenbacher, Johannes Steiner, Ulli Gladik und Helmut Schüller; Foto: Gerald Faschingeder
In der Bildsprache fänden sich Homogenisierungen und Anonymisierungen von BettlerInnen als gängige Phänomene wieder. Bettelnde Menschen würden in österreichischen Zeitungen nicht als Individuen, sondern als „gesichtslose“ potentielle Bedrohungen dargestellt. Durch die Platzierung mehrerer solcher Bilder nebeneinander würde ein massenhaftes Auftreten suggeriert. Individualität und Subjektivität der BettlerInnen würde in der Bildsprache verloren gehen.
Angst und Unwissen kamen auch bei der Analyse von LeserInnenbriefen deutlich zum Vorschein. Der gängigste Vorwurf sei, dass BettlerInnen das österreichische Sozialsystem ausnützten, was schon allein deshalb absurd sei, weil diese keinerlei rechtliche Ansprüche geltend machen können.
Betteln kann nicht der Endzustand sein
Mit dabei am Podium war auch Helmut Schüller, der den meisten wohl eher durch sein Engagement in der „Pfarrer-Initiative“ und seine kirchenreformistischen Ansätze, als durch seine Expertise zu den diskutierten Themen bekannt war. Als Roma-Beauftragter der Erzdiözese Wien sprach er sich dafür aus, den Blick auf das Ganze nicht zu verlieren. Bettelei könne kein Endzustand sein. Um dauerhafte Perspektiven zu bieten und Abhängigkeiten zu lösen, müssten soziale Realitäten verändert werden.
Foto: Gerald Faschingeder
Leider ist es in der Diskussion nach den inhaltlich spannenden und gut aufbereiteten Inputs nur teilweise gelungen, vorhandene Stereotype aufzubrechen. Ging es in der einen Minute noch um die Lebensrealitäten von BettlerInnen, war in der nächsten von gesellschafts- und bildungspolitischen Problemen von Roma und Romnija die Rede. Die zuvor kritisierte synonymhafte Verwendung der Begriffe „BettlerIn“ und „Roma“ hat sich somit auch in der Diskussion durchgesetzt und bei so mancher ZuhörerIn ein unwohles Gefühl ausgelöst. Die gesellschaftspolitische Relevanz der diskutierten Themen bleibt jedoch unbestritten und ruft nach weiteren Veranstaltungen und Diskussionen.
Der Autor ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.