“Wer wird herausfinden, dass die Menschen unzufrieden sind, wenn wir schweigen?“ Seit die Taliban 2021 in Afghanistan erneut die Macht übernommen haben, befinden sich Frauenrechte und vor allem das Recht auf Bildung zunehmend im Verfall. Nach UN-Angaben wurde es im letzten Jahr mindestens 1,4 Millionen Mädchen verwehrt, eine weiterführende Schule zu besuchen. In ihrem Dokumentarfilm Shot the Voice of Freedom, den es bei der 17. Edition des This Human World Filmfestivals zu sehen gab, folgt die Filmemacherin Zainab Entezar afghanischen Aktivistinnen, die sich vor allem für das Recht auf Bildung einsetzen. Im Fokus stehen dabei die heute im französischen Exil lebende Rishmin Joyanda und ihre Familie. Wie gestalten sich Protest und Widerstand unter solch existenzgefährdenden Bedingungen, wie sie in Afghanistan herrschen?
Diese Frage will Entezar mittels Interviews und der Dokumentation der Planung und Ausführung von Protesten beantworten. Gespräche zwischen Rishmin und ihrer besorgten Familie ergänzen das Bild widerständiger Lebensrealitäten. Die Narration geht dabei von den interviewten Frauen selbst aus, der Kontext ergibt sich aus der Aneinanderreihung der Szenen. Gezeigt wird der Film im Originalton mit englischen Untertiteln.
Lebensbedrohliche Proteste.
„Bildung ist die Wurzel für jede Fähigkeit. Und ihre Türen zu schließen, bedeutet die Hände und Füße von Frauen zu fesseln, ihre Münder zu schließen. Deshalb kämpfen wir bis zum Tod, um unser Ziel zu erreichen“, sagt Rishmin Joyanda während eines vor einer Schule stattfindenden Protestes. Als die Direktorin erscheint und an die Frauen appelliert, nicht vor ihren Toren zu demonstrieren, reagieren die Frauen mit Verständnis: „Sie hat Angst. Ich hätte auch Angst. Sie haben sie gewarnt, dass sie die Schule zusperren würden, wenn es Proteste davor gäbe“. Seitdem die Taliban Afghanistan regieren, ist es Mädchen ab zwölf verboten, weiterführende Schulen und Universitäten zu besuchen: Eine Menschenrechtsverletzung, die weltweit einzigartig ist. Erst im Jänner dieses Jahres berichtete der ORF, dass Mädchen in der Stadt Herat keine Kurse mehr auf privaten Lehrinstituten belegen dürfen, womit eine ihrer letzten Bildungsmöglichkeiten wegfällt. Doch gibt es noch weitreichendere Konsequenzen für junge Mädchen: Rishmin und ihre Schwester Nastaran erzählen teilweise unter Tränen von der verlorenen Zukunft der jungen Generation und von Zwangsheiraten von jungen Mädchen an Mitglieder der Taliban.
Dass Rishmin und Nastaran regimekritische Proteste organisieren und besuchen, birgt etliche Gefahren. Auch ihre Dokumentation ist für sie sowie für die Filmemacherin mit einem hohen Risiko verbunden. Manche der Gesichter wurden zensiert und einige der Aufnahmen wurden mit einer Handykamera gemacht, was den Zuschauer*innen ein hautnahes Gefühl der Hektik und der lauernden Bedrohung vermittelt. Die Zusehenden begleiten auch nervenaufreibende Szenen, wie die verängstigen Anrufe einer Mutter an Rishmin, da sie befürchtet, dass ihre Tochter nach einem Protest von den Taliban festgenommen wurde. Ähnlich aufwühlend ist eine Situation, als die Taliban einen Protest mit Schüssen in die Luft auflösten, was die Frauen dazu zwang, sich auf der Toilette eines Ladens zu verstecken. Rishmins Tante hatte sich bei der Flucht verletzt. Rishmin fühlt sich verantwortlich, während der anschließenden Taxifahrt sagt sie: „Ich lasse dich nicht mehr mitkommen. Ich werde dich nicht wissen lassen, wann die nächste Demonstration ist“.
Rishmin ist bereit, alle Risiken auf sich zu nehmen, die die Proteste mit sich bringen. Als es um Komplikationen mit ihrem Pass ging, meint sie, ihr Land würde sie nicht verlassen, selbst wenn es für sie möglich wäre. Gleichzeitig begegnen sie und ihre Schwester der Absurdität der nationalen Verhältnisse teilweise mit Humor. Falls die Taliban sie ermorden würden, kriege ihre Schwester trotzdem nicht ihr rotes Kopftuch, scherzt Rishmin. Mit der zunehmenden, von den Taliban ausgehenden Gefahr überwiegen gegen Ende des Films jedoch Angst und Sorge. An einem sicher geglaubten Ort wird Rishmin schließlich festgenommen und zu einem öffentlichen falschen Geständnis gezwungen. Sie floh nach Frankreich, wo sie sich auch weiterhin für die Rechte afghanischer Frauen einsetzt.
„Wir kämpfen nicht nur gegen den Taliban, zuerst bekämpfen wir uns selbst“.
Abneigung gegenüber den protestierenden Frauen geht jedoch nicht nur von den Taliban aus, sondern kommt auch aus dem Inneren der patriarchal geprägten Gesellschaft selbst. Wird eine Frau festgenommen, würde die afghanische Bevölkerung ihr nach ihrer Freilassung mit Respektlosigkeit begegnen. Bei Männern reagiere deren Familie nach einer Verhaftung mit Stolz, selbst im Falle ihrer Ermordung. „Aber bei einer Frau schämt sich ihre Familie, obwohl wir auch für Freiheit kämpfen“, erzählt Rishmin. „Wir können unsere Familien nicht stolz machen, auch nicht nach unserem Tod, weil wir Frauen sind“. Nachbarn und die lokale Gemeinschaft würden sich untereinander austauschen und die Brüder der demonstrierenden Frauen konfrontieren. Die genauen Vorwürfe bleiben dabei unklar, doch steht fest, dass der Widerstand der Frauen auf Ablehnung stößt. Die Brüder würden ihre Verwandtschaft mit den Frauen verleugnen. Der Kampf um Anerkennung beginne in der eigenen Familie, reiche bis in die eigene Gasse und die lokale Gemeinschaft, bis er schließlich die Taliban erreiche. Der gesellschaftliche Konflikt stellt sich exemplarisch in der Taxifahrt nach dem Protest dar, bei der nicht offen gesprochen werden kann, da der Fahrer den Widerstand der Frauen missbilligt.
Eine der größten Motivationen für die Proteste ist das Bedürfnis, sich auch außerhalb Afghanistans Gehör zu verschaffen. Immer wieder wird betont, dass ohne Widerstand der Glaube entstehen würde, dass die Bevölkerung mit dem Regime der Taliban zufrieden ist. Würde geschwiegen werden, würde das den Eindruck von Einverständnis vermitteln: „Lasst es bekannt sein, dass, wenn wir nicht auf die Straße gehen, sie uns gezwungen haben zuhause zu bleiben“. Gleichzeitig wird auch Resignation über die fehlende Reaktion der internationalen Gemeinschaft erkennbar. Viele der Äußerungen vermitteln das Gefühl, dass die Frauen sich von dem Rest der Welt im Stich gelassen fühlen. Auf die Frage der Filmemacherin „Haben sie geantwortet?“ antwortet Rishmin, auf ihrem Handy tippend: „Nein, die UN antworten nie“. Die nächste Szene zeigt, wie Rishmin ein persönliches Schreiben an die UN verfasst.
Der Film vermittelt einen intimen Einblick in die Praxis, aber auch in das Gefühlsleben der widerständigen Frauen. Zainab Entezar hat für den Dreh des Films ein hohes Risiko aufgenommen und auch ihre Familie ist von Repression betroffen. Nach dem Sammeln des Filmmaterials musste sie Afghanistan verlassen und kam über das Bundesaufnahmeprogramm nach Deutschland. Trotz der Gefahren verspürt sie eine Verantwortung gegenüber ihrem Heimatland, ein entscheidendes Verbindungsmerkmal zu ihren Protagonistinnen. Ihr Tatendrang findet Ausdruck in ihrer Leidenschaft: „Filmen ist das Licht meines Lebens“.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Zu einem Beitrag über die Regisseurin Zainab Entezar nach ihrer Ankunft in Deutschland