Die letzte Fallstudie über Entwicklungskonzepte in Deutsch-Ostafrika ist ebenso mit einer mobilen Gruppe befasst, nämlich WanderarbeiterInnen aus den Southern Highlands Tansanias. Die Bevölkerung im Süden hatte dabei eine gänzlich andere historische Erfahrung als die in anderen Landesteilen.Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kämpften mehrere Gruppen für die Vorherrschaft in der Region – und die Bena, als zahlenmäßig kleine und militärisch nie sonderlich starke Gesellschaft, waren oft Plünderungen, Morden, Vergewaltigungen und Eroberungen ausgesetzt. Eine Gruppe setzte sich schließlich durch – es waren die Deutschen, die sich aber in der Anwendung von Gewalt und Terror durch nichts von den anderen unterschieden und, in der Bekämpfung des Maji Maji-Aufstandes von 1905-1907, selbst Techniken der verbrannten Erde anwendeten.
Arbeitsmigration als Familienunternehmen
Gezwungen durch koloniale Besteuerung (die Hüttensteuer) sowie die Folgen der Vernichtung von Feldern und Vorräten durch die Widerstandstandsbekämpfung mussten Bena-SprecherInnen, wie fast alle afrikanischen Gesellschaften im Zeitalter des Kolonialismus, Mittel und Wege finden, an bares Geld zu kommen. Die naheliegendste Möglichkeit für viele war die lange und gefährliche Reise zu den Plantagen weiter im Norden oder zu den Küstenstädten, wo Lohnarbeit möglich war.
Bena-SprecherInnen aus den Southern Highlands wurden, wie andere Bevölkerungsgruppen in Deutsch-Ostafrika, vor allem durch staatlich gesponserte Rekrutierung in das System der Arbeitsmigration eingeschleust. Gerade die zuürckbleibenden Familienmitglieder misstrauten den staatlichen Agenten aber. Mütter und Väter, die ihre Söhne in die unbekannte Ferne schickten, trauten lieber Verwandten oder Bekannten, die die lange Reise bereits gemacht hatten und moralische Verantwortung für die jungen Männer übernehmen konnten. Die Reise war kein individualistischer Selbstzweck sondern bestand, wie der zentrale Begriff nahelegte, in „bringing home wealth to the family“.
Risikofaktor „zurückgebliebene Ehefrau“
Ideologisch war der Erfolg dieser Reise, der am erlangten materiellen wie auch kulturellen Kapital gemessen wurde, nicht nur an den Fleiß und – einmal mehr – die Disziplin des individuellen Wanderarbeiters gebunden. Auch durch das Einhalten von Regeln und Tabus aufseiten der zurückgebliebenen Ehefrauen (wenngleich in einigen Fällen Frauen ihre Männer begleiteten und erwirtschafteten ebenfalls ein Einkommen) spielte eine Rolle. Die Auswirkungen des Verhaltens der Frau auf den Mann in der Ferne wurden dabei sehr direkt gedacht – das Zögern an einer Türschwelle oder das Fallenlassen einer Ladung Holz konnte zum Beispiel, dass der Mann den Lohn für seine Arbeit auf der Plantage nicht ausgezahlt bekommen würde. Der Historiker James Giblin hat gar einen Fall beschrieben, in dem ein „Anführer“ einer Bena-Gemeinschaft von Wanderarbeitern Briefe an die Ehefrauen zu Hause schrieb, weil die weitgereisten Ehemänner kein Glück in der Lohnarbeit hatten. Die Funktion dieser moralischen Regeln, derer andere auch für den Mann bestanden, war freilich auch das Erhalten eines ehelichen Bandes über die räumliche und zeitliche Distanz der Wanderarbeit hinweg.
Die Ideale, auf die die Reisenden auf den Plantagen und an der Küste stießen, wurden aber nicht einfach übernommen. Beispielhaft dafür steht die Praxis der Vergabe von Ehrennamen (praise names), die Individuen in vorkolonialer Zeit aufgrund von Kriegshandlungen angenommen hatten und nun meist in der Erfahrung der Wanderarbeit bekamen. Besonders deutlich ist ein Fortwirken der eigenen Ideale in der hohen Bedeutung, die Rindern als Gradmesser des Reichtums zukommt. Auf der anderen Seite gab es auch Namen, die den Misserfolg als moralisch begründet erklärten – Verschwendungssucht und Lüsternheit wurden hier verurteilt. Besonders glücklich schätzten sich jene Migranten, die mit einem Swahili-Namen bedacht wurden – der Sprache dieser so schönen Küste. Und wer gar Swahili sprechen gelernt hatte, konnte daheim in den Southern Highlands angeben und sich glaubhaft als fortgeschritten, gebildet und erfahren verkaufen. Die Konzepte Entwicklung und Modernität waren, gerade auf der Ebene persönlichen Fortschritts, keineswegs zwangsläufig „europäisch“.
Koloniale Kontrollsucht und bäuerliche Zerstreung
Die Dörfer, die unter dem Einfluss jahrzehntelanger Unsicherheit und Bedrohung durch regionale Kriege eine sehr konzentrierte Form angenommen hatten, um Schutz gegen Angreifer zu bilden, entwickelten sich während der deutschen Kolonialzeit – entgegen dem Willen der Verwaltung – in die entgegengesetzte Richtung. Siedlungen, in denen kaum noch junge Männer lebten, da diese auf Sisalplantagen weiter nördlich für die Familie arbeiteten, verstreuten sich über weite Gebiete. Das kann sowohl als der Versuch, ökonomischer zu produzieren (die Behausung näher an den familieneigenen Feldern zu errichten) interpretiert werden oder als Schutz vor den Schergen der Bezirksämter, die unentwegt Steuern und Arbeitsleistungen einforderten. Der kolonial gewollten Zentralisierung zur einfacheren Mobilisierung und Kontrolle der Bevölkerung konnten viele Menschen jedenfalls damit entgehen.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel für die Aneignung kolonialer Entwicklungen sind auch die Nyamwezi, die in vor- wie frühkolonialer Zeit vor allem als Träger für Karawanen fungierten und maßgeblich am Bau der Eisenbahn beteiligt waren. Ein Text von 1912, geschrieben von einem Nyamwezi namens Paulo Kondemzigo und veröffentlicht in einer Kolonialzeitung, zeugt von einer stolzen Aneignung von Leistungen und einer Abgrenzung von den „faulen Küstenleuten“:
„We [the Nyamwezi] know every kind of work. From long ago we have carried the white men’s boxes in every direction. When the coastal people, through their idleness, failed to build the railway and lay the rails, we took up our hoes and pick-axes, we broke the rocks and the hills, and soon the job was finished. Now the locomotive has arrived in Tabora. Soon we shall send it on to Ujiji. Do you see?“
Zu den weiteren Beiträgen dieser Artikelserie:
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 1)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 2)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 3)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 4)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 6)
Eric Burton studierte Internationale Entwicklung sowie Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und Dar es Salaam. Der Autor lebt zur Zeit in Wien und arbeitet in einem Forschungsprojekt am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte über die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit mit einem Fokus auf die BRD und DDR. Rückmeldungen werden gerne entgegengenommen: eric.burton@univie.ac.at, redaktion@pfz.at