Ein besonderes Phänomen während und nach der deutschen Kolonialzeit waren streng organisierte, militärisch anmutende Gruppen, die des Öfteren in den Städten zu sehen waren. Die Bewegungen folgten Kommandorufen, die Tänzer trugen Uniformen und selbstgemachte Insignien, die eindeutig die Kolonialtruppen zitierten.Leiter und höherrangige Mitglieder mit speziellen Ämtern innerhalb der Gemeinschaften wurden als „Bismarck“ und „Kaiser“ tituliert, im britisch kolonisierten Kenya hingegen häufiger als „King“. Kapellen mit Blasinstrumenten und Trommeln sowie Gesang waren essentieller Teil dieser Ereignisse. Diese Tanzgesellschaften, die beni ngoma, wurden von den Deutschen und den Engländern als lächerliche Imitationen europäischer Regimenter abgetan, aber auch misstrauisch beäugt ob der Möglichkeit von Konspiration und Aufruhr.
Mehr als ein nachgeäffter Europäer
Britische wie deutsche Beobachter vermuteten, dass Missions- und koloniale Bildung die Hauptursache für die Entstehung dieser mitunter wie Blaskapellen auftretenden Gruppen gewesen seien. Sie vergessen, dass die Struktur und Organisationsmuster selbst aber in keinem Zusammenhang mit deren Schulen standen. Tatsächlich gab es viele Quellen, aus denen sich diese Gesellschaften speisten – arabische und afrikanische genauso wie europäische. Der kollektive Tanz und das Verschmelzen von Musik und Bewegung in einem einzigen Phänomen wären in diesem Fall unmöglich aus eurpäischen Praktiken herzuleiten, ebenso hatten die Tanzgesellschaften und ihre Verknüpfung mit politischen Funktionen schon in vorkolonialer Zeit Tradition. Die Organisationsform, insbesondere die Vernetzung zwischen verschiedenen Städten, und Bedeutung von Schriftlichkeit stammte zu einem Teil aus der Praxis islamischer Gelehrter.
Vom Schwerttanz zur Blaskapelle
Die wenigen überlieferten Liedtexte zeugen von einer deutlichen Abgrenzung gegenüber rivalisierenden Tanzgesellschaften. Während der deutschen Kolonialzeit standen meist die elitären Marini, deren Name sich von „Marine“ herleitet, den Arinoti gegenüber, die keinerlei Teilnahmekriterien hatten – hier durften Männer jeglicher Herkunft mitmachen, und Kolonialbeamte sprachen dann abschätzig vom „Lumpenpack“ (riffraff) der Stadt, das sich bei den Arinoti sammle. Während sich die Mitglieder dieser beiden Vereine gegenseitig als unzivilisiert beschimpften, waren sie sich wohl einig in ihrem Stolz, an der „Modernität“ teilzuhaben jedenfalls jenen Menschen überlegen zu sein, die noch nie die Stadt, die Eisenbahn und die koloniale Ordnung aus direkter Nähe betrachtet hatten. Die Figur des ahnungslosen Bauerntölpels, der sich in den ungewohnten städtischen und kolonialen Verhältnissen (auf dem Land war die Herrschaft in der Regel weniger spürbar) nicht zurechtfand, war beliebt in höhnischen Schauspielen. Die erfolgreichen Tänzer früherer Jahrzehnte hatten vor allem Bewegungen und Rhythmen vom ostafrikanischen Festland aufgegriffen, später dann mit wachsendem Prestige des „Arabischseins“ den Schwerttanz eingebaut. Im Zeitalter des europäischen Kolonialismus, in dem militärische Präsenz und Kraftdarstellungen zentrale Machtmittel waren, wurde dann das Marschieren mit Blasmusik von den Tanzgesellschaften imitiert, adaptiert und transformiert. Zur betreffenden Zeit waren Macht, militärische und vor allem technologische Überlegenheit „arabisch“ oder „europäisch“ konnotiert, was sich dann in den spezifischen Ausdrucksformen wie Schwerttanz oder steifer Uniform äußerte. Andere Tänze inkorporierten Bewegungen des Sisal-Schneidens im Kontext der Einführung von Sisal-Plantagen. In Rollenspielen wurde oft über die Unerfahrenen aus dem Inland gelacht, der neu an die Küste gekommen war und die aktuellen Umgangsformen nicht kannte. Die Modernität selbst war also ein Hauptakteur in den Tänzen als auch den Schauspielen.
Disziplin, Solidarität und die Expansion der Tanzgesellschaften
Die Durchsetzung und das Erlernen von Disziplin durch die Mitglieder war bereits ein Merkmal der vorkolonialen Tanzgesellschaften. Die strikte Hierarchie diente auch einer geplanten Expansion und Administration der Tanzgesellschaften, die immer weiter anwuchsen und Ableger in anderen Städten gründeten. Hierbei waren insbesondere jene aktiv, die im deutschen Verwaltungs- oder Militärdienst standen. Sie präsentierten die Tanzgesellschaft und die neuesten Lieder – es gab sogar berühmte Komponisten für die Kapellen – in den wachsenden Regionalzentren im Inland. In manchen Distrikten waren fast alle afrikanischen Kolonialbeamten in beni ngoma-Gruppen engagiert. Wie komplex die Organisation wirklich war, ist ersichtlich an den Schlichtungsprozessen, wenn es einmal zu größeren Konflikten kam: das juridische Netz der Tanzgesellschaften erstreckte sich über koloniale Grenzen hinweg, das höchste „Gericht“ befand sich in Kenya.
Mitglieder waren unter Androhung von Geldstrafen zur Teilnahme an Proben und Festen verpflichtet, konnten aber auch auf solidarische Hilfe in Zeiten der Knappheit hoffen. Das betrifft z.B. die Kosten für Begräbnisse und den Leichentransport, wenn diese von den Familien der Verstorbenen nicht getragen werden konnten. Es war die Aufgabe des Mitglieds mit dem Rang „Bismarck“, kranken Mitgliedern zu helfen und Beiträge einzusammeln, wenn die Gemeinschaftskasse leer war.
Tanzgesellschaften als Vorläufer politischer Organisationen
Einige Mitglieder der beni ngoma waren später zentrale Figuren in den ersten politischen Vereinigungen von Afrikanern und Vereinen, die auf die Verbesserung der ökonomischen und politischen Lage pochten. Es ist anzunehmen, dass Organisationserfahrungen sowie der über-ethnische Charakter der Tanzgesellschaften eine wichtige Rolle für diese politischen Aktivisten spielten. Zudem wurden die Tanzgesellschaften auch vor dem deutschen Kolonialismus mit politischem und sozialen Prestige verknüpft. Im Gegensatz zu späteren, elitären Tanzformen zeichneten sich beni-Gemeinschaften durch ihre weitgehende Inklusivität aus: Herkunft, Status und Alter spielten keine Rolle für die Erlaubnis, dabei zu sein. Für viele MigrantInnen, die in den Städten auf der Suche nach Arbeit und Geld waren, stellte das Mitmachen bei beni ngoma eine der ersten Erfahrungen in einer über-ethnischen Gemeinschaft dar. Die Form der Modernität, welche diese Tanzgesellschaften und ihre Wettkämpfe darstellten, war keine aus Europa importierte, sondern eine, die nur mit den spezifischen Einflüssen und bewussten Übernahmen aus afrikanischen, arabischen und europäischen Elementen von den Mitgliedern der Organisationen, anderen Mitmachenden und ZuschauerInnen gebildet werden konnte.
Zu den weiteren Beiträgen dieser Artikelserie:
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 1)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 2)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 3)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 5)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 6)
Eric Burton studierte Internationale Entwicklung sowie Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und Dar es Salaam. Der Autor lebt zur Zeit in Wien und arbeitet in einem Forschungsprojekt am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte über die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit mit einem Fokus auf die BRD und DDR. Rückmeldungen werden gerne entgegengenommen: eric.burton@univie.ac.at, redaktion@pfz.at