Die zweite Teilstudie handelt von Swahili-Dichtern und ihren Ansichten über die deutsche Kolonialherrschaft, über Gruppen im Inneren und über den erfahrenen Wandel in der urbanen Küstengesellschaft. Für die Zeit der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika (1884-1918) gibt es kaum nicht-deutsche Quellen.Die meisten Dokumente, die über diese Periode Auskunft geben, sind Tagebücher von Missionaren, Akten und Briefe von Beamten oder Reiseberichte. Ein wahrer Schatz in dieser schwierigen Quellenlage sind da Dichtungen von islamisch gebildeten Vertretern der Küstengesellschaft, den Swahili.
Überlegenheitsdünkel und Sklavenhandel
Aus den Gedichten, die von einigen deutschen Forschern Ende des 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts aufgezeichnet wurden, lässt sich die Erkenntnis gewinnen, dass auch hier die Souveränität des Herrschers eine wichtige Rolle spielte. Der ideale Herrscher wurde als gerecht, besonnen und militärisch mächtig dargestellt. Entsprechende Forderungen wurden dann auch von den islamischen Gelehrten, die die Mehrheit der Dichter stellten, in ihren Versen an die deutschen Kolonialherren übermittelt. Sie betonen die Unterschiede der „wahren“ Küstenbewohner zur Bevölkerung des Inlands, die als barbarisch (mshenzi) beschrieben wird, da sie ungläubig (d.h., nicht islamisch) und in ihrer gesamten Praxis des Lebensvollzugs unzivilisiert seien. Hier ging es vor allem um kulturelle Argumente zur Differenzierung zwischen „uns“ und „ihnen“, die sich durch den Sklavenhandel im 19. Jahrhundert verfestigt hatten.
Die disziplinierenden Deutschen
Eine gleichermaßen unüberwindbare Differenz stand gegenüber den ebenfalls nicht islamischen Deutschen zu Buche, wenn auch seltener eine explizite Ablehnung darin zu lesen war. Häufig wird die militärische und technische Überlegenheit erwähnt und, zurückgreifend auf Ideale des gerechten Sultans, von Kolonialbeamten gesprochen – wohl auch, um diese zu einem Befolgen dieses Ideals anzuhalten. So schreibt ein Dichter vom Kolonialbeamten von Strantz:
kazi moto ni mzuri,
na aishike shauri
kwa kulla mtu jeuri,
adabu itamwingia
mji utatulizana,
hapana kunyang’anyana,
wala watu kupigana
na kufanyiza ghazia.
kazi moto si mcheza,
mji anautengeza
Kazi Moto [von Strantz] is a good person,
he should judge the case
of every misbehaving person.
Then he’d learn discipline.
The town will be peaceful then.
There’ll be no more robbery,
no more fighting among people,
and no more trouble.
Kazi Moto does not play around.
He has disciplined the town.
Diese Schilderungen von hart durchgreifenden, aber jedenfalls den „Frieden“ herstellenden Deutschen klingen oft positiv, aber können keinesfalls als die Meinung ganzen Küstenbevölkerung verallgemeinert werden. Einige der Verfasser standen im Dienst der Kolonialverwaltung und unterhielten enge Beziehungen mit deutschen Beamten. Einzelne, meist anonyme Autoren, übten wiewohl harsche Kritik an der Gewalt der Eroberung und der in alle Bereiche vordringenden Wissbegierigkeit der Deutschen. Wissen war ein Privileg und Prestigeobjekt der kulturellen Elite und ein wichtiges Instrument zur Aufrechterhaltung der Herrschaft.
Die verlorene Größe der Swahili
Eine kausale Größe, die in den Gedichten sehr prominent ist, ist also die Disziplinierung durch die Herrscher. Ohne diese Disziplinierung sei keine stabile Gesellschaft, kein Frieden, zu erhalten – das gilt für Gedichte, die sowohl vor als während der deutschen Kolonialherrschaft verfasst wurden und damit generell herrschaftsstabilisierend wirken sollten. Dies drückt wohl auch einen pragmatischen Wunsch nach einem Ende von Krieg und existentieller Unsicherheit aus.Vor allem nach den traumatisierenden Erlebnissen wie der Bombardierung der Küstenstadt Bagamoyo durch ein deutsches Schlachtschiff im Jahr 1888 und der brutalen Niederschlagung eines Aufstands weiter Bevölkerungsgruppen in mehreren Regionen der Swahili-Küste. Die Gedichte zeugen aber auch von der Sprach- und Machtlosigkeit, die durch die gewaltsame Disziplinierung verursacht wurde. Neue Gesetze, die sich teils sofort wieder änderten, verbunden mit der enormen Macht und willkürlich angeordneten Disziplinarstrafen, wie den berühmt-berüchtigten 25 Hieben mit der Nilpferdpeitsche, führten zu einer tiefen Verunsicherung. Nicht mal vor gesellschaftlich angesehenen Personen machten die Deutschen in ihren Strafen halt, wenn sie ein Komplott vermuteten. Viele der erwähnten Elemente spiegeln sich in einem Gedicht von Mwalim Mbaraka bin Shomari wider, der dabei in erster Linie den Statusverlust der alten Swahili-Elite bedauert.
Zu den weiteren Beiträgen dieser Artikelserie:
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 1)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 2)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 4)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 5)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 6)