Die erste Teilstudie bezog sich auf die BewohnerInnen der Usambara-Berge im Nordwesten Tansanias, die bäuerlich lebenden Shambaa (auch Shambala oder Sambaa). In deren Diskursen über die Legitimierung politischer Herrschaft sind die Erklärungen von Wandlungsprozessen besonders interessant.
Eine zyklische Theorie der Entwicklung
Insbesondere wurde der Fokus auf deren Herrscherlineage, die Kilindi, gesetzt. Bemerkenswert an den Diskursen, die durchaus als eine Form von Entwicklungskonzept gesehen werden können war, dass eine zyklische Abfolge von Herrschern gesehen wurde: Einer Periode des Wohlergehens folgte eine der Not. Die gute Periode war gekennzeichnet durch reiche Ernten, sozialen Frieden, stabile Steuereinnahmen (in Form von Naturalien, v.a. Vieh), stabile Beziehungen und – am wichtigsten – die Konzentration der Macht in den Händen des „Königs“ (Simbawene) in der Hauptstadt Vugha. Die Stabilität des Reiches wurde dadurch gewährleistet, dass der Herrscher in allen tributpflichtigen Regionen seine Söhne und vereinzelt auch Töchter installierte. In Verbindung mit dem Achtungsgebot, das den Söhnen vorgab, ihrem Vater (sowie dessen Brüdern) nicht zu widersprechen, konnte das Reich so auf zentralistische Weise regiert werden. Ein Kennzeichen der unangefochtenen Macht des Herrschers war weiterhin, dass er den Regen beeinflussen und damit die Ernährungssicherheit und den Wohlstand des Landes sicherstellen konnte. Mit dem Dahinscheiden dieses absoluten Herrschers ergab sich eine sehr viel schwierigere Lage – plötzlich gab es zwischen den Söhnen einen Kampf um die Vorherrschaft. Regen und damit Ernte waren nicht mehr gewährleistet, Krieg und soziale Unruhe waren die Folge. Erst sobald einer der Söhne oder gar Enkel die Vorherrschaft über die anderen Regionen wieder herstellen konnte, war die Stabilität wieder hergestellt. Steuern und Tribut flossen dann wieder in die Hauptstadt, der Simbawene sorgte für den Regen und damit für die Fruchtbarkeit des Landes. Notbedürftige konnten jederzeit um die Hilfe des Herrschers ansuchen.
Widerstände „von unten“ gegen die Konzeptionen der Herrschenden
Die entscheidende kausale Variable in dieser Theorie für das Wohlergehen des Reiches und der Bevölkerung ist also die jeweilige Konfiguration innerhalb der königlichen Familie. So zumindest will es der dominante Diskurs der Kilindi, aus deren Reihen alle Herrscher stammten. Für die Untertanen bleibt hier kein Handlungsspielraum, abgesehen von der Unterstützung eines Herrschers, der hoffentlich wieder Hegemonie herstellen konnte. Faktisch gab es aber immer wieder Widerstand gegen dieses Konzept. So sorgten in manchen Regionen lokale Spezialisten für den Regen und sagten sich somit von der Verantwortung des Simbawene los, während sich die vom Zentrum benachteiligte Bevölkerungsgruppe der Bondei gleich gänzlich von der Herrschaft der Kilindi distanzierten. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen organisierten sie sich in einem nicht-zentralisierten politischen System. Dies ist ein Fall der bewussten „politischen De-Evolution“ vom Komplexeren zum weniger Hierarchischen, der zeigt, dass die Entwicklung nicht zwangsläufig zu immer komplexeren Systemen gehen muss und Bevölkerungen sich auch durchaus bewusst gegen zentralisierte Regierungsformen entscheiden. Die Bondei stellten aber gleichzeitig auch ein Gegenbild zur eigenen Identität der Shambaa dar, und eventuell kann man hier von einem wahrgenommenen Entwicklungsunterschied reden. Wie in den Diskursen anderer Gesellschaften Ostafrikas spielen hier die Produktions- und Ernährungsformen eine wichtige Rolle.
Der Einbruch der Deutschen in die lokalen Traditionen
Ende der 1880er Jahre reiste der Wiener Ethnologe Oscar Baumann durch Ostafrika und hielt sich besonders lange in den Usambara-Bergen auf, deren Bevölkerung in dieser Phase durch Kriege, Sklavenhandel und Hungersnöte stark dezimiert war. In der lokalen Ansicht waren alle diese Geschehnisse Resultate der Konflikte zwischen den Kilindi, während äußere Faktoren (die v.a. den Sklavenhandel verursachten) nicht in die Erklärung miteinbezogen wurden. Was Baumann über die politische Lage bei den Shambaa geschrieben hatte, nutzte der deutsche Leutnant Storch 1895 für Eroberungszwecke: Er marschierte in die Hauptstadt ein und ließ König Mputa, der den Deutschen das geforderte Land zur Besiedlung nicht verkauft hatte, festnehmen und vor den Augen der Shambaa hängen. Laut den oralen Traditionen der Shambaa soll Storch dann noch gesagt haben: „Wenn irgendjemand von euch die Macht (nguvu) besitzt, lasst es mich jetzt sehen.“ Da niemand einen Anspruch auf die Macht stellte, ging diese an die Deutschen über. Storch installierte einen anderen Herrscher der Kilindi-Linie, der laut Baumanns Schriften der „legitime“ König gewesen sei.
In den weiteren Jahren der deutschen Kolonialherrschaft nahmen viele Menschen die Schutzfunktion von Missionaren in Anspruch und baten diese auch, für Regen zu sorgen – der von den Deutschen installierte Kinyashi war seiner Pflicht des Regenmachens nämlich nicht nachgekommen. Eine weitere Besonderheit der Shambaa während der Kolonialzeit ist, dass sie sich die neu eingeführten Steuern durch den selbstbestimmten Anbau und Verkauf von Nahrungsmitteln verdienten und so der Lohnarbeit für europäische Siedler weitgehend entziehen konnten. Der Diskurs vom souveränen, für den Regen und die Fruchtbarkeit verantwortlichen Herrscher trat zu dieser Zeit in den Hintergrund. Dass er aber nie ganz verschwunden war, zeigte sich nach dem Ersten Weltkrieg – denn unter dem britischen System der indirect rule lebte er wieder auf.
Zu den weiteren Beiträgen dieser Artikelserie:
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 1)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 2)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 4)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 5)
Lokale Entwicklungskonzepte im kolonialen Ostafrika (Teil 6)
Eric Burton studierte Internationale Entwicklung sowie Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und Dar es Salaam. Der Autor lebt zur Zeit in Wien und arbeitet in einem Forschungsprojekt am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte über die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit mit einem Fokus auf die BRD und DDR. Rückmeldungen werden gerne entgegengenommen: eric.burton@univie.ac.at, redaktion@pfz.at