„Egal, ob wir Arbeit haben, Arbeit suchen, bezahlte oder unbezahlte Arbeit verrichten, die Arbeit als Recht oder als Pflicht empfinden, hochbezahlt oder prekär arbeiten, noch in Ausbildung oder schon in Pension sind – Arbeit bestimmt unser aller Leben.“ Umso wichtiger ist es darüber nachzudenken, was Arbeit eigentlich ist. Trotzdem wird das Thema in Schulen kaum behandelt. Möglichkeiten, dies zu tun, gibt es zahlreiche, wie die Veranstaltung „Zwischen Sinnstiftung und Wertschöpfung – Präsentation und Diskussion zu Arbeit und Interessenvertretung in der Politischen Bildung“ beleuchtete. Als Teil der „Aktionstage Politische Bildung“ richtete sich die Präsentation an Lehrkräfte und Multiplikator*innen, ebenso wie an eine interessierte Öffentlichkeit. Veranstaltet wurde das Event von UNDOK, Zentrum polis, dem Forum Politische Bildung und der Arbeiterkammer Wien.
Arbeit, so weit das Auge reicht.
Arbeit ist in unserem täglichen Leben allgegenwärtig. Unsere Arbeit schafft wirtschaftlichen Wert ebenso wie persönliche Sinnstiftung oder ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Als grundlegende menschliche Tätigkeit ist sie Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Arbeit gilt als Maßstab für den eigenen Erfolg, als Distinktionsmerkmal von anderen und ist oft innerer Antrieb für individuelle Entwicklung. Doch Arbeit ist noch weitaus facettenreicher: Beziehungsarbeit, Hausarbeit, Trauerarbeit, Kulturarbeit, Friedensarbeit, freiwillige Arbeit, politische Arbeit, gemeinnützige Arbeit … Arbeit ist nicht nur Lohnarbeit. Dennoch existiert hinsichtlich des gesellschaftlich zugeschriebenen Wertes ein erhebliches Gefälle zwischen Lohnarbeit und anderen Formen von Arbeit. Wo hochbezahlte Lohnarbeit als Indikator für eine erfolgreiche Existenz dient, wird Sorgearbeit häufig übersehen, wenn nicht sogar aktiv abgewertet. Diese Wertung entspricht oft nicht dem gesellschaftlichen Nutzen der jeweiligen Arbeit, wie das – tendenziell – geringere Ansehen von Putzkräften, Pfleger*innen oder Menschen, welche keiner Lohnarbeit nachgehen, um Kinder großzuziehen, verdeutlicht.
Jene Wertung ist maßgeblich von der kapitalistischen Durchdringung der Gesellschaft beeinflusst. Durch die monetäre Entlohnung von bestimmten Arbeitsbereichen – der produktiven Lohnarbeit der Arbeiter*innen nämlich – wurde deren Wert in Form von Geld sichtbarer. Obwohl es in vorkapitalistischen Zeiten bereits finanzielle Entlohnung gab, waren die Sphären von Erwerbsarbeit und anderen Formen der Arbeit (z.B. Sorge- oder Hausarbeit) nicht so strikt getrennt wie in der kapitalistischen Produktionsweise. Durch den Fokus auf Lohnarbeit als notwendige Bedingung für die Existenzsicherung bildeten sich Denkmuster und Diskurse heraus, welche nicht entlohnte Arbeit kontinuierlich entwerteten, bis hin zu dem Punkt, an dem Sorgearbeit oder Kulturarbeit nicht länger als wirkliche Arbeit verstanden wurden: Der Lohn wurde zur Trennlinie zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit. So bedeutet die Frage nach unserer Arbeit für uns zuvorderst die Frage nach unserer Lohnarbeit und erst auf den zweiten oder dritten Blick die Frage nach unserem Engagement im Chor oder der Pflege unserer Eltern. Aus diesem Grund ist ein inklusiver Arbeitsbegriff wichtig, welcher alle Formen von Arbeit einschließt. Dieses Verständnis von Arbeit kann gelehrt werden.
Arbeit lehren.
Die Anschlussmöglichkeiten, um in der Schule über Arbeit zu reflektieren, sind vielfältig. Nikolai Weber, welcher als Referent von Zentrum polis der Veranstaltung beiwohnte, betonte, dass nicht nur juristische, sondern auch geschichtliche und philosophische Zugänge zu Arbeit in der politischen Bildung wichtig seien. Eine Möglichkeit, um bereits in der Sekundarstufe I über Arbeit nachzudenken, sei die Auseinandersetzung mit Sprichwörtern. Anhand von Redeweisen wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ könne sich den zugrundeliegenden Vorstellungen von Arbeit angenähert werden. Das Verständnis dieser Grundannahmen sei auch die Ausgangslage dafür, um neu über Arbeit nachzudenken und neue Ideen von Arbeit mit in den Begriff zu integrieren. Boris Ginner von der Arbeiterkammer Wien fügte hinzu, wie wichtig es sei, kollektive Arbeitserfahrungen zu schaffen. Dafür eigne sich etwa ein Planspiel, in dem die Schüler*innen aufgefordert sind, als Arbeitnehmer*innen für ihre Rechte und ihren Lohn gegenüber dem*r Arbeitgeber*in (diese Rolle kann die lehrende Person einnehmen) einzustehen. Daran anschließend könne auf historische Arbeitskämpfe und deren Auswirkungen auf moderne Arbeitsverhältnisse eingegangen werden. So war beispielsweise der „Haymarket Riot“ von 1886 zentral für die Schaffung des Acht-Stunden-Tages und wird bis heute in Form des Kampftages der Arbeiterklasse am 1. Mai gefeiert.
Undokumentierte Arbeit.
Ein deutlich gegenwärtigerer Arbeitskampf dreht sich um verschiedene Formen der Diskriminierung in der Lohnarbeitssphäre. Ein Aspekt davon ist undokumentierte Arbeit. Vina Yun von UNDOK, der Anlaufstelle zur gewerkschaftlichen Unterstützung UNDOKumentiert Arbeitender, erläuterte, dass undokumentierte Arbeit unselbstständige Arbeit ohne die erforderlichen Arbeitspapiere wie eine Anmeldung bei der Sozialversicherung oder einen Arbeitsvertrag ist. Diese Arbeitsverhältnisse machen die Arbeitnehmer*innen leicht erpress- und ausbeutbar, denn ohne eine geregelte Anstellung ist auch ein geregelter Rechtsweg erschwert. Insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte sind hiervon betroffen, weil es in Österreich rund 30 verschiedene Aufenthaltstitel gibt, von denen der Großteil den freien Zugang zum Arbeitsmarkt einschränkt. Daher konstatierte Yun: „Arbeit bedeutet auch Rassismus.“ So zwingt die aktuelle Gesetzeslage Menschen aufgrund ihrer Herkunft in prekäre Arbeitsverhältnisse. Hierbei sind nahezu alles Sektoren betroffen, auch wenn einige hervorstechen: Baugewerbe, Gastronomie, persönliche Dienstleistungen. Wichtig festzuhalten sei dabei jedoch, dass auch undokumentiert Arbeitende nicht ohne Rechte seien, denn: Arbeitsrechte gelten wie Menschenrechte universell. Über diese Rechte wissen aber nicht alle Menschen Bescheid. So wird das Wissens- und Machtgefälle durch die Arbeitgeber*innen häufig ausgenutzt, um undokumentiert Arbeitende auszubeuten.
Perspektiven der Arbeit.
Doch es gibt auch positive Entwicklungen in den aktuellen Arbeitskämpfen. Boris Ginner hob hervor, dass 1975 die wöchentliche Normalarbeitszeit in Österreich von 45 auf 40 Stunden gesenkt wurde. Der gesamtgesellschaftlichen Produktivität habe dies – wie zuvor befürchtet – keinen Abbruch getan. Mittlerweile wird auch die Forderung nach einer Vier-Tage-Woche, welche die Wochenarbeitszeit weiter verringern könnte und somit den Menschen mehr Raum für Freizeit, Mitmenschen und private Interessen bieten würde, zunehmend lauter. Es bliebe mehr Zeit für Sport, kulturelles Engagement und emotionale Arbeit. Positiver „Nebeneffekt“ der Arbeitszeitverkürzung sei eine steigende Lebenserwartung. Dazu kämen reduzierte Krankenstandzeiten, weniger Burnout-Fälle und eine höhere Attraktivität der Lohnarbeit. Andere Formen der zukünftigen Arbeitsweltgestaltung gehen in ihren Forderungen noch weiter: Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die existenzielle Notwendigkeit von Lohnarbeit unterminieren und somit ein vollkommen anderes Verständnis davon, was Arbeit ist und welchen Stellenwert sie hat, befördern. Oder die „Vier-in-Einem-Perspektive“ der Soziologin Frigga Haug, welche die Frage nach dem individuellen wie gesellschaftlichen Nutzen von Arbeit stellt. Dabei konzeptualisiert Haug Lohnarbeit, Reproduktionsarbeit, persönliche Weiterbildung und politische Arbeit als gleichwertig und räumt ihnen aus diesem Grund die gleiche Menge an Zeit pro Woche ein. Denn klar ist auch: Dass wir an Lohnarbeit denken, wenn wir von Arbeit sprechen, ist auch der schlichten Zeitmenge geschuldet, die sie in Anspruch nimmt. Quantitativ weniger Lohnarbeit schafft mehr Zeit für andere Formen der Arbeit und somit auch für ein diverseres und weniger leistungsorientiertes Verständnis von Arbeit.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at
Ausblick:
Ein weiterführender Artikel wird sich mit der wohl universellsten Diskriminierung im Arbeitskontext befassen: vergeschlechtlichter Arbeitsteilung. Darin wird auch ausgiebig auf den in der „Vier-in-Einem-Perspektive“ erwähnten Begriff „Reproduktionsarbeit“ eingegangen.
Weiterführende Links:
- UNDOK
- Zentrum polis
- Forum Politische Bildung
- Arbeiterkammer Wien
- Die „Vier-in-Einem-Perspektive“ nach Frigga Haug
Titelbild © Patricia Hladschik (Zentrum polis)