Tief verwurzelte systematische Ungleichheiten im globalen Bildungswesen.

Was ist der aktuelle Stand der Ungleichheiten im Bildungswesen aus globaler Perspektive? Welche Erfahrungen und Lehren gibt es darüber, wie Bildungsungleichheiten überwunden werden können? Diese Fragen bildeten den Ausgangspunkt für die Konferenz „Inequity in Education from a Global perspective. Systemic challenges amidst the multiple crisis“, die am 19. Januar gemeinsam vom Paulo Freire Zentrum, der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und dem Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien veranstaltet wurde. Dabei versammelte sich online und vor Ort eine vielfältige Interessengruppe, um die anhaltenden Disparitäten im Bildungswesen zu diskutieren, die durch zeitgenössische Krisen noch verstärkt werden. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand das Sustainable Development Goal 4 (dt.: Nachhaltiges Entwicklungsziel, SDG4), das darauf abzielt, eine inklusive und gerechte hochwertige Bildung für alle sicherzustellen.

Die Einführungsredner*innen erkannten in ihren Keynotes die tief verwurzelten systematischen Ungleichheiten im Bildungswesen weltweit an. Diese Ungleichheiten, die entlang verschiedener Achsen wie sozioökonomischer Hintergrund, Geschlecht, Ethnizität/Sprache, Religion und Behinderung verankert sind, haben trotz internationaler Bemühungen Bestand. Die Konferenz hatte zum Ziel, die Ursachen dieser Disparitäten, die Auswirkungen multipler Krisen und Strategien zu ihrer Überwindung zu erörtern.

Nach den Eröffnungsreden gliederte sich die Konferenz in drei Arbeitsgruppen, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Bildungsungleichheit beleuchteten: Die erste Gruppe beschäftigte sich mit der Rolle der Zivilgesellschaft im Globalen Süden und deren aktiver Beitrag zur Bekämpfung von Bildungsungleichheiten in Entwicklungsländern. Dabei wurde insbesondere die Arbeit von CONCORDIA Sozialprojekte in Osteuropa als Beispiel für mögliche Maßnahmen diskutiert und analysiert. In der zweiten Gruppe wurde die Diskrepanz zwischen globalen Bildungsrichtlinien und lokalen Realitäten diskutiert, wobei die Teilnehmenden Wege erforschten, wie Bildungspolitik und -programme besser an lokale Gegebenheiten angepasst werden können, um eine gerechtere und inklusivere Bildung zu gewährleisten. Die dritte Gruppe diskutierte Bildungsungleichheiten in Österreich und entwickelte Strategien zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele im nationalen Kontext, insbesondere SDG4, einschließlich innovativer Ansätze zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und Inklusion.

Eine Krise der Gewalt.

Die Keynote gehalten von Leon Tikly, Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Bristol, beschäftigte sich mit Bildungsungleichheiten, die insbesondere im Globalen Süden in Zeiten der multiplen Krise bestehen. Ein zentraler Punkt, der angesprochen wurde, ist die Neuausrichtung des Konzepts einer Lernkrise als Krise der Gewalt, was die zugrunde liegenden Ursachen von Ungleichheit im Bildungswesen darlege. Indem die allgegenwärtige Natur von Gewalt innerhalb der Bildungsstrukturen anerkannt werde, können die zugrunde liegenden Ursachen von Bildungsdisparitäten besser verstanden und angegangen werden.

Diskurse über Bildung, die sich ausschließlich auf den praktischen Nutzen konzentrieren, können dazu beitragen, dass Ungleichheiten fortbestehen. Laut Tikly beleuchten diese Diskurse oft eine schmale Palette von Ungleichheiten, wie sie mit Rasse, Rassismus und Sprache zusammenhängen, anstatt die breiteren, strukturellen Merkmale anzusprechen, die unser Verständnis von Krisen im Bildungsbereich einschränken. Die Diskussion beleuchtete auch die verschiedenen Formen von Gewalt im Bildungssystem, darunter direkte Gewalt wie körperliche Bestrafung, Mobbing und Cyber-Mobbing sowie strukturelle Gewalt, die aus der historischen Entwicklung moderner Massenbildungssysteme resultiere, die oft auf kolonialen Projekten beruhen. Darüber hinaus perpetuiere kulturelle Gewalt Ungleichheiten, indem sie bestimmte Gruppen als defizitär kennzeichne und damit diskriminierende Praktiken legitimiere.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse plädiert Tikly für einen transformativen Wandel. Es wurde betont, dass es notwendig sei, die Barrieren zwischen verschiedenen Bildungssektoren abzubauen und die Zusammenarbeit zwischen formellen Institutionen und Gemeinschaften zu fördern. Darüber hinaus sei es entscheidend, das in Bildungssystemen eingebettete koloniale Erbe anzugehen, um Gerechtigkeit und Inklusion zu fördern. Dekolonisierungsbemühungen müssen darauf abzielen, eurozentrische Vorurteile abzulehnen, vielfältige Wissenssysteme zu integrieren und bei den Schüler*innen kritisches Denken zu fördern. Darüber hinaus sollte Bildung auf Nachhaltigkeit setzen, inklusiven Zugang fördern und die Rolle von Technologie bei der Verbesserung gleicher Lernerfahrungen anerkennen.

Das Konzept Just Transitions (dt.: gerechter Übergang) wurde als Leitrahmen für die Verwirklichung nachhaltiger Zukunftsvisionen unter Berücksichtigung sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz herausgestellt. Dieser Ansatz erkennt die Intersektionalität von Ungleichheiten an und betont die Bedeutung der Stärkung von Gemeinschaften bei der Leitung transformativer Prozesse.

Krise innerhalb des Bildungssystems.

Bildungsungleichheiten bestehen in OECD-Ländern fort, insbesondere werden sie während Krisenzeiten, wie der Covid-19-Pandemie, verstärkt. Veronika Wöhrer von der Universität Wien präsentierte Ergebnisse aus aktuellen PISA-Studien, die diese Disparitäten und ihre Verschärfung während der Covid-19-Krise verdeutlichen.

Sozioökonomisch privilegierte Schüler*innen schnitten in Mathematik über OECD-Länder hinweg besser ab als ihre benachteiligten Mitschüler*innen. Während sich die sozioökonomische Kluft in der Schüler*innenleistung in acht Ländern, hauptsächlich in Europa, in den letzten zehn Jahren verbreitet hat, blieb der Prozentsatz der leistungsschwachen Schüler*innen aus benachteiligten Familien zwischen den PISA-Zyklen stabil. Jedoch zeigte sich von 2018 bis 2022 ein deutlicher Anstieg dieses Prozentsatzes, was auf wachsende Herausforderungen in Bezug auf Bildungsungleichheiten hinweist.

Die Covid-19-bedingten Schulschließungen in Österreich brachten beträchtliche Herausforderungen mit sich. Laut einer Studie von Wöhrer hatten etwa die Hälfte der befragten Schüler*innen Schwierigkeiten, sich im Homeschooling (dt.: Unterricht zu Hause) für die Schulaufgaben zu motivieren, während ein bedeutender Teil von Einsamkeit und Ängsten, im Schulunterricht zurückzufallen, berichtete. Insbesondere Schüler*innen aus benachteiligten Familien waren überproportional von diesen Herausforderungen betroffen. Sie gaben an, vermehrt Probleme beim Fernlernen zu haben und erlebten einen Verlust des Zugehörigkeitsgefühls zur Schule. Die Studie aus Wien beleuchtete die spezifischen Herausforderungen junger Menschen während der Schulschließungen und hob dabei Unsicherheiten und Schwierigkeiten in Fernlernumgebungen hervor.

Die Antwort auf diese Herausforderungen erfordert gemeinsame Anstrengungen. Strategien umfassen die Beseitigung von Barrieren für Schüler*innen aus niedrigeren sozioökonomischen Schichten, die Bereitstellung expliziter Unterstützung und Ressourcen, die Förderung von Vielfalt im Schulpersonal und in der Bildungspolitik sowie die Verbesserung der Lehrerausbildung zur Bewältigung von Klassenzimmerdiversität und Ungleichheitsmechanismen.

Fazit.

Zusammenfassend betonte die Konferenz die dringende Notwendigkeit, historische Ungerechtigkeiten anzugehen, das kritische Denken zu fördern und einen inklusiven Zugang zur Bildung zu gewährleisten, wodurch Bildung als grundlegendes, öffentliches Gut bestätigt wird. Ein transformativer Ansatz ist erforderlich, damit Bildungssysteme eine gerechte und nachhaltige Zukunft für alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihren Umständen, schaffen können. Lehrkräfte spielen hierbei eine entscheidende Rolle, indem sie Unterstützung bieten und Engagement fördern, was zusätzliche Optionen für die Unterstützung der Schüler*innen und eine verstärkte Beteiligung an Entscheidungsprozessen erfordert. Die Umsetzung dieser Veränderungen ist entscheidend, um Bildungssysteme gerechter und inklusiver zu gestalten, insbesondere in Krisenzeiten.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Das Titelbild zeigt den Veranstaltungsraum Alois Wagner-Saal (C3-Bibliothek), in dem die Konferenz “Inequity in Education from a Global perspective. Systemic challenges amidst the multiple crisis.” am 19. Jänner 2024 stattgefunden hat. Im Hintergrund hält Leon Tikly hybrid seinen Vortrag, davor sind die Teilnehmenden der Konferenz zu sehen.

© Alle Fotos in diesem Beitrag: Janina Böttger/Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit.