Buchrezension: Die Bedeutung von Klasse von bell hooks.

Wo wir stehen, macht einen Unterschied. bell hooks ist davon überzeugt, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur auf Kategorien wie Rassismus und Sexismus zurückzuführen sind. Klassismus – strukturelle Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse – spielt ihrer Ansicht nach eine mindestens genauso wichtige Rolle. Und dennoch erhält Klassismus im Vergleich zu anderen Kategorien gesellschaftlicher Ausgrenzung immer noch zu wenig Beachtung.

bell hooks deckt in ihrem Buch Where We Stand: Class Matters (dt. Die Bedeutung von Klasse) in 14 Kapiteln auf, wie stark verschiedene Gesellschaftsbereiche von Klassenverhältnissen geprägt sind. Dabei hatte die Autorin selbst lange Zeit mit Klassismus zu kämpfen. Es war ihr nicht zuletzt deshalb ein großes Anliegen, sich dieser Thematik ausführlich und kritisch zu widmen.

bell hooks (* 25. September 1952 – ✝ 15. Dezember 2021) – Ein Kurzporträt.

Um das Buch, die darin skizzierten Erfahrungen und die Bedeutung von Klasse besser verstehen zu können, lohnt sich ein Blick auf die Biographie der Autorin. Sie wuchs in einer afroamerikanischen Familie mit fünf Schwestern und einem Bruder auf. Ihr persönlicher Bildungsweg ermöglichte es ihr, von der Arbeiterklasse in die Welt des Wohlstands aufzusteigen. Der Weg dorthin war von zahlreichen einschneidenden Erlebnissen gekennzeichnet, die zu ihrem reflektierten Weltbild beitrugen und sich in ihren literarischen Werken widerspiegeln. So hat sich auch das Klassenthema in ihre Lebensgeschichte eingeschrieben. Denn als Schwarze Frau aus den Südstaaten der USA und aufgrund ihres Klassenwechsels hat sie beide Seiten zu spüren bekommen: Wie es ist, sehr wenig zu haben – und wie es ist, sehr viel zu haben. Trotz ihres Aufstiegs in die Position einer der bekanntesten Intellektuellen der USA setzte sich bell hooks stets für die Überwindung jener Machtmechanismen ein, die ihr selbst den Zugang zu Wissen und Lebenschancen erschwert hatten.

bell hooks alias Gloria Jean Watkins.

bell hooks ist das Pseudonym für Gloria Jean Watkins. Gloria Jean Watkins hat den Namen ihrer Großmutter gewählt, um in die Öffentlichkeit zu treten. Die kleingeschriebenen Initialen sind zudem kein Zufall, sondern sollen vielmehr unterstreichen, dass es in ihren Werken trotz des persönlichen Zugangs nicht um ihre eigene Biographie, sondern vielmehr um die Inhalte ihrer Texte geht. Der Name bell hooks erlaubt es ihr darüber hinaus, einen gewissen Abstand zur eigenen Person herzustellen.

Kerninhalte des Buches – Ein autobiographischer Zugang.

Der autobiographische Zugang zum Thema Klasse ermöglicht bell hooks, sich ihre „eigene persönliche Reise“, von der Arbeiterklasse hin zur Welt des Wohlstands wieder zu vergegenwärtigen. Obwohl das Thema Klasse der ständige Begleiter im Leben und Zusammenleben ihrer Familie war, kommt sie rückblickend zu dem Schluss, dass einfach nie darüber gesprochen wurde.

Diese Sprachlosigkeit überwindet sie schließlich auf ihrem Bildungsweg, der von zahlreichen schmerzhaften und dennoch wertvollen Einblicken in die Problematik des Klassismus gekennzeichnet war. Als ein prägendes Ereignis erlebte sie den Eintritt in die Universitätswelt und schreibt: „Die Stanford Universität war ein Ort, an dem man von Grund auf alles über die Bedeutung von Klasse lernen konnte“. Denn ausgerechnet an jener Universität, die von Leland Stanford als Ort der Zusammenarbeit verschiedener sozialer Schichten gegründet wurde, hätte sie feststellen müssen, wie sehr Menschen mit Klassenprivilegien die Arbeiterklasse fürchteten und sogar hassten. Es schockierte sie, wenn sie hörte, wie ihre Kommiliton*innen ihrer Verachtung und ihrem Hass gegenüber anderen Kommiliton*innen Ausdruck verliehen, die nicht den „richtigen“ Hintergrund mitbrachten. In diesem Zusammenhang beschreibt sich bell hooks auch selbst dahingehend als naiv, die Ansichten ihrer Kommiliton*innen auf deren junges Alter und  die mangelnde Lebenserfahrung zurückgeführt zu haben. Denn ausgerechnet bei der Gruppe von Studierenden, von denen sie sich Verständnis für ihre Situation und ihren sozialen Hintergrund erhofft hatte, erfuhr sie das Gegenteil. Trotz ihrer Enttäuschung über die fehlende Selbstreflexion ihrer Mitstudierenden versuchte sie immer wieder Anschluss zu finden, was ihr nicht leichtfiel. Mit dem Schritt in die Universität wurde bell hooks demnach zur Zeugin von Klassenwidersprüchen.

Sozialer Druck statt intellektueller Offenheit.

Ihren Beobachtungen zufolge hätten andere Studierende aus nicht privilegierten Verhältnissen oftmals psychische Probleme entwickelt, weil sie ihre Wurzeln nicht vergessen wollten. Das Nicht-Vergessen des Herkunftsmilieus hätte zu einer unerträglichen Last von Widersprüchen geführt. In den meisten Fällen sei es so weit gekommen, dass betroffene Studierende das Studium abgebrochen hätten, ohne einen Hinweis auf ihre erlittenen inneren Qualen zu hinterlassen. Schließlich gebe es keine institutionellen Protokolle darüber, wie schwer das Weltbild dieser Studierenden durch die affirmative Haltung vieler Kommiliton*innen gegenüber ihrer Klassenprivilegien unter Druck gekommen war. Auch wenn bell hooks im Rahmen ihrer akademischen Laufbahn die ersten Schritte auf dem Weg in Richtung eigener Klassenprivilegien gemacht hatte, so hätten sich auch in ihrem Leben stets Widersprüche ergeben. Sie betont daher, dass sie immer wieder erneut überprüfen müsse, wo sie stehe.

So berichtet sie über ihre persönlichen Erfahrungen aus dem Studienalltag und kommt zu dem Schluss, dass ihre früheren Vorstellungen von Universitätsbildung von romantischen Visionen geleitet wurden. Denn sie hatte gedacht, es ginge um harte intellektuelle Arbeit und Kameradschaft. Dementsprechend sei sie nicht darauf vorbereitet gewesen, sich im akademischen Bereich Klassenhierarchien stellen zu müssen. Auf der Suche nach Antworten hatte sie als Studentin deshalb Marx, Gramsci und jede Menge männliche Vordenker gelesen, die sich mit dem Thema Klasse beschäftigten. Jedoch hatte sie feststellen müssen, dass diese zwar theoretische Paradigmen lieferten, aber nur selten das nötige Werkzeug boten, um sich der Komplexität von Klasse im Alltag zu stellen.

Eine Konsumkultur, die falsche Vorstellungen aufrechterhält.

Entgegen aller Klassenunterschiede macht bell hooks darauf aufmerksam, dass Wohlhabende und Arme durch ihre gemeinsame Obsession für Konsum innerhalb der kapitalistischen Kultur verbunden seien. Den Grund dafür sieht sie vor allem darin, dass die weit verbreitete Konsumkultur den Armen versichern würde, mit den materiell Privilegierten auf einer Stufe zu stehen, wenn sie eben nur das gleiche Produkt besäßen. Allerdings trage genau diese Tatsache dazu bei, die falsche Vorstellung von einer Gesellschaft aufrechtzuerhalten, in der Klassengrenzen einfach überwunden werden könnten.

An dieser Stelle nimmt bell hooks jene in die Pflicht, die im Besitz von Klassenprivilegien sind: Auch diese Menschen könnten trotz fehlender persönlicher Erfahrungen mit struktureller Benachteiligung ein kritisches Bewusstsein für die Existenz dieser Privilegien erlangen. Strategien zur Überwindung von Klassismus würden sich dann ergeben, wenn wir uns selbst erlaubten, uns voll und ganz empathisch zu zeigen. Nur dann könnten wir auf eine Art und Weise geben, wie wir es selber gerne empfangen würden.

Zwischen Hedonismus und Solidarität.

Im Zuge der angebrachten Konsumkritik hinterfragt bell hooks ihre eigene Haltung gegenüber den allgegenwärtigen kapitalistischen Anreizen. Denn alle, die in einem Haushalt aufwachsen, in dem es an materiellen Ressourcen mangelt, wüssten, wie es sich anfühlt, Dinge zu wollen, die man mit Geld kaufen kann. Aber es ist kein Geld vorhanden, das man für diese Dinge entbehren könnte. Arme Menschen würden dieses Gefühl genau kennen. bell hooks Familie hatte nie viel Geld, aber auch ihre eigenen Wünsche, wie sie sich äußert, hielten sich zu dieser Zeit in Grenzen. Erst mit dem Eintritt ins Studium bemerkte sie, wie ihre materiellen Wünsche einen höheren Stellenwert einnahmen, hauptsächlich wegen der dort vorherrschenden Kleidercodes.

Zudem beobachtete sie zu der Zeit in ihrem Leben, in der die Höhe ihres Einkommens alles überstieg, was sie sich je hätte vorstellen können, wie schnell sie begann, gierigen Gedanken und Sehnsüchten zum Opfer zu fallen. Diese Beobachtung sei sehr einschneidend für sie gewesen. Insbesondere weil sie über so viele Jahre hinweg stolz darauf gewesen war, dem hedonistischen Konsum eben nicht zu verfallen.

Klasse ist nach bell hooks Auffassung letztendlich politisch zu denken. Denn in der Gesellschaft gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Die wenigen Stimmen, die in ihrer Heimat USA auf Solidarität mit den Armen drängten, würden oftmals vom konservativen Mainstream übertönt, der die Armen verspotten, erniedrigen und abwerten würde. Aus diesem Grund fordert bell hooks eine engagierte Politik, die die ungleiche Verteilung von Reichtum effektiv bekämpft und Klassenprivilegien aktiv hinterfragt.

Resümee – Klassenbewusstsein entwickeln und Klassengrenzen überschreiten.

In ihrem Buch zeigt bell hooks auf, dass Klassismus nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt. Demzufolge spricht sie viele unterschiedliche Punkte an, hinter denen sich dieses Phänomen versteckt. Aufgrund der breiten Fächerung der Thematik ist die / der Leser*in an manchen Stellen gefordert, nicht den Fokus zu verlieren. Doch trotz der persönlichen Ebene gelingt es ihr, zu unterstreichen, dass es sich bei Klassismus nicht nur um ein individuelles Erfahren, sondern um ein strukturelles Problem handelt. „Um einen Wandel herbeizuführen, müssen wir wissen, wo wir stehen.“ Es geht ihr in erster Linie darum, ein Bewusstsein für die Wirkmächtigkeit von Klassenverhältnissen zu entwickeln, damit Klassengrenzen überschritten werden können.

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